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DVD-News - 25/10/06

Binjip

Ein Film von Kim Ki-duk


Filme können manchmal zur
Geheimwaffe werden!

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  • Synopsis

Auf seiner BMW lässt sich Tae-suk (Lee Yeung-yun) durch die Stadt treiben, um nach Häusern und Wohnungen Ausschau zu halten, deren Eigentümer vorübergehend verreist sind. Wenn die Pizzaflyer, die er an den Türklinken angebracht hat, in der Nacht noch unangetastet sind, ist er sich sicher, dass er in die Häuser einbrechen kann, um dort für eine Nacht zu essen, zu schlafen sowie seine Wäsche und die der Eigentümer zu waschen und deren Leben koboldhaft ein wenig durcheinander zu bringen. Doch eines Tages wird er von Sun-hwa beobachtet, die mit einem reichen Mann verheiratet ist, den sie nicht liebt. Tae-suk beschließt, die junge Frau aus ihrer Misere zu befreien. Von nun an brechen sie gemeinsam in die Häuser fremder Menschen ein und werden ein romantisches Liebespaar, bis die Polizei auf ihre Schliche kommt.


  • Der Kommentar zum Film

Tae-suk, der schöne junge Mann auf seiner dicken BMW, hat mit der normalen Welt, die aus Arbeiten, Konsum und Familie(-nurlaub) besteht, nicht viel am Hut. Nur Schweigen hat der moderne Bürgerschreck mit dem ausgeprägten Bedürfnis nach innerer Emigration für seine Umgebung übrig; statt dessen lässt er lieber seine Taten sprechen, bricht in fremde Villen, Reihenhäuser, Wohnungen ein, um sich mit den Besitztümern und fotografischen Erinnerungen der jeweiligen Eigentümer auf einer Digitalkamera abzulichten und mit McGyver-artigen Bastelarbeiten deren Spielzeug oder Haushaltsgeräte zu manipulieren – aus Spaß, versteht sich. So kommt es schon einmal vor, dass ein Sohn seiner Mutter mit der von Tae-suk reparierten Erbsenpistole aus Versehen ein Auge ausschießt oder der Besitzer einer verstellten digitalen Waage es nur noch auf halb so viel Gewicht bringt wie vor dem Urlaub. Aufs Geld hat es dieser, seiner Kleidung und Ausrüstung nach zu schließen, wohl situierte Mann mit Universitätsabschluss also nicht abgesehen, sondern eher auf das kurze Verschmelzen mit deren Leben.

Natürlich bleibt so ein herrlicher Sonderling bei Kim Ki-duk nicht lang alleine, sondern findet eine ähnlich gestrickte Gefährtin, die mit ihm die Liebe zum Schweigen und zu einem orientalischen Liebeslied teilt. Alsbald ist man mitten in einer romantisch-melancholischen Komödie, die, was den Einfallsreichtum bizarrer liebender Handlungen betrifft, irgendwo zwischen „Amelie Pulain“ und „Chungking Express“ angesiedelt ist. Golfschläger spielen dabei eine wichtige Rolle. Hier sind sie weniger Statussymbol, als Mittel zum Zeittotschlagen und falls notwendig, auch eine effiziente Showdown-Waffe, die ständig die Seiten wechselt. Mit sehr viel Gefühl für das richtige Timing, für sparsames, elliptisches, aber dafür umso humorvolleres Erzählen schafft Kim Ki-duk das Wunder, dass sein Beinahe-Stummfilm nicht ins Anekdotische kippt, sondern am Ende daraus sogar ein stellenweise höchst politisches Bekenntnis zum unbedingten Freiheitswillen wird, über alle räumlichen und von den korrumpierten Machterhaltungsinstrumentarien geschaffenen Begrenzungen hinweg. Nicht nur Golfschläger, sondern auch Filme können manchmal zur Geheimwaffe werden.

Martin Rosefeldt


Im Gespräch mit Kim Ki-Duk Teil 1 | Teil 2
Der Trailer zum Film
(Real Video)


  • Das Bonusmaterial

Auch wenn die Qualität der Aufnahmen nicht grade als professionell zu bezeichnen ist, ist es dennoch ein besonderer Moment, wenn man aus der Perspektive des rechten Sitznachbarn dabei sein darf, wenn bekannt gegeben wird, dass Kim Ki-Duk den Silbernen Löwen für Beste Regie für BIN JIP gewonnen hat. Man hört einen verzückten Schrei und schon stürzt der Regisseur nach vorn, auf die Bühne, um seinen Preis entgegenzunehmen.

Die gleiche semi-professionelle Kamera war auch bei den Dreharbeiten dabei und hat diese für den Zuschauer dokumentiert. Bei diesen Szenen, die an verschiedenen Drehtagen und Drehorten eingefangen wurden, gibt es leider keine deutschen Untertitel. Dennoch bekommt man ein Gefühl dafür, wie harmonisch die Dreharbeiten wohl verlaufen sind.

Im Interview mit Lucie Herrmann in Seoul gibt der koreanische Regisseur sehr philosophisch anmutende Antworten. Auf die Frage, warum sein Film BIN JIP – zu deutsch „leere Häuser“ hieße, erklärt er, dass es in seinem Film zwar keine leeren Häuser gäbe, dass es ihm aber um den Vergleich ginge. Leere Häuser verglichen mit der inneren Leere der Menschen, die er zunehmend finde. In seinem Film öffnet die Hauptfigur Tae-Suk die Schlösser versperrter Türen, und dringt in vorübergehend verlassene Wohnungen ein. Für Kim Ki-Duk ist das, wie die verschlossenen Herzen der Menschen zu öffnen. Er geht sogar so weit, dass er sagt, wenn Tae-Suk die Wäsche fremder Menschen wäscht, dann ist das, wie wenn er die schmutzigen Gedanken der eigentlichen Bewohner rein wäscht. Für manche sei Tae-Suk ein Verbrecher, andere seien ihm vielleicht sogar dankbar für das, was er tut.

Warum seine Charaktere so schweigsam seien? „Wir benutzen unser ganzes Leben lang Sprache, aber ich denke, dass wir mit der Sprache längst nicht alles ausdrücken können.“ Für ihn ist die Sprache voller Lügen und Täuschungen. Es ist für ihn viel deutlicher, jemandem etwas wortlos zu geben, als viel darüber zu reden, und es dann doch nicht zu tun. Sehr gerne hätte man mehr über Kim Ki-Duks Interpretation seines Films gehört, doch leider ist das Interview mit nur zwei Fragen und relativ knapp gehaltenen Antworten viel zu kurz ausgefallen. Ein Trailer zu BIN –JIP, ein Trailer zu FACTOTUM und einer zu EMMAS GLÜCK sind noch bei den Bonus Tracks dieser DVD zu finden, die aber insgesamt leider sehr spärlich ausgefallen sind.

Nana A.T. Rebhan


3-Iron (Binjip)
Regie & Drehbuch: Kim Ki-duk
Darsteller: Lee Yeung-yun, Jae Hee u.a.
Südkorea, 2004, 95’
61. Internationale Filmfestspiele in Venedig: Wettbewerb

Bonusmaterial
Sprachen: Koreanisch, Deutsch, deutsche Untertitel
Extras:
-Premiere in Venedig
-Aufnahmen vom Dreh
-Trailer
-Interview mit Kim Ki-Duk

Erstellt: 24-10-06
Letzte Änderung: 25-10-06