Ihre Logik enthüllt die Geschichte immer erst im Rückblick. Zunächst betrachtet man lange Kette von Zufällen, Koinzidenzen, scheinbaren Widersprüchlichkeiten. Blickt man auf die Ereignisse entsteht reflexartig der Griff zum Konjunktiv: Was wäre, wenn der Englischlehrer Abel Meeropol (alias Lewis Allan) aus der Bronx sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß ausgerechnet die des politischen Engagements völlig unverdächtige Billie Holiday sein Gedicht "Bitter Fruit", das er selbst als "Strange Fruit" vertont hatte, singen sollte? Tatsächlich wußte die Sängerin mit diesem Song zunächst nichts anzufangen: Er hatte nichts mit ihrem üblichen Repertoire gemein. Es bedurfte der Überredungskunst von Barney Josephson und Bob Gordon, daß sich Billie Holiday daran versuchte.
Die beiden leiteten den Club "Café Society", der einzige, in dem die Rassenschranken aufgehoben waren. Hier, vor einem Publikum aus Intellektuellen, Linksaktivisten, Bohemiens und Jazzenthusiasten fand auch die Premiere statt: die Geburtstunde des aufwühlendsten Songs über die Lynch-Praxis - und die erste Verschmelzung von Jazz und expliziter Gesellschaftskritik. Aus Angst vor möglichen Protesten aus den Südstaaten weigerte sich Billie Holidays Plattenfirma Columbia Records, den Song aufzunehmen. Schließlich konnte die Sängerin Milt Gabler, Besitzer des kleinen Labels Commodore Records, zur Aufnahme überreden. "Strange Fruit" war mittlerweile zum Höhepunkt von Holidays Auftritten avanciert: ein beeindruckendes Schlußstück, nach dem es keinen weiteren Song mehr geben konnte. Die Aufnahme dauerte vier Stunden, weit mehr, als damals üblich war. Diese erste Einspielung bleibt bis heute die intensivste, überzeugendste und anrührendste. Alles an diesem Stück ist perfekt: mit Billie Holidays Phrasierung zwischen Trauer und Aufbegehren. Ein Text zwischen Poesie und Anklage. Ein dramaturgisch geniales Arrangement zwischen Intensität und Stille. "Strange Fruit", von vielen Radiostationen boykottiert, wurde Billie Holidays größter Erfolg. Die Commodore Aufnahmen zeigen sie auf dem Höhepunkt ihrer Kunst, in allen Songs feinste Nuancen herauszuarbeiten.
"Fine and Mellow", Holidays Eigenkomposition "Billie's Blues", "Yesterdays" - sie alle erkunden das Wesen der Melancholie, die weit mehr ist als nur eine oberflächliche Tristesse. Die feinen Abschattungen des Gefühls, die inneren Widersprüche, die Balance zwischen Coolness und Hingabe, Distanz und Nähe: niemand konnte das so überzeugend als Lebenswirklichkeit inszenieren wie Billie Holiday. Ihre Musik war immer eine intime; sie kam ohne die großen Gesten aus. Aus der Limitierung ihres Stimmumfangs erschloß sie sich - und uns - ein unendliches Reich der Subtilität. Ein Mikrokosmos des Gefühls. Eine geschlossene, glatte Oberfläche gibt es nicht in diesen Aufnahmen. In Billie Holidays Phrasierung öffnen sich ständig die Risse, die den Blick auf die zugrundeliegende Verstörung freigeben: nie sind die Töne das, was sie scheinen.
Text: Harry Lachner
Billie Holiday: The Complete Commodore Recordings(CD: Commodore CMD 24012, Rec. 1939 und 1944)






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