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"Wir sind das Volk"

* "Mein Mauerfall": Egal ob sie in Berlin, Prag oder woanders waren, unsere User haben uns Fotos oder Filme geschickt und ihre Geschichte erzählt. * Geteilte Stadt, geteiltes Leben": Vier Hörbilder vom Leben an der Mauer in Berlin. Interaktive Animation * Blog „Mein 1989. Winds of change in Osteuropa“: Historiker und Schriftsteller aus Osteuropa erinnern sich an ein Datum, das 1989 in ihrem Land das Ende der Diktatur brachte * Das Wunder von Leipzig: Erleben Sie diesen historischen Tag, in einem interaktiven Rundgang durch Leipzig, als wären Sie dabei gewesen. * Mein Leben mit der Mauer: Video-Porträts von Männern und Frauen, die bis November 1989 mit und trotz der Mauer gelebt haben.

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"Wir sind das Volk"

Historische Bilder des Monats - 24/09/09

Bilder der DDR

Vier Fotografien, vier Szenen aus Alltag und Gesellschaft in der DDR. Sie spiegeln Überzeugungen und Probleme, die das Land geprägt, letztlich aber auch die friedliche Revolution von 1989 ausgelöst haben.

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Großer Bruder Sowjetunion

Kein anderer Staat des ehemaligen Ostblocks war auf Gedeih und Verderben so eng mit der Sowjetunion verbunden wie die DDR. Die maßgeblichen Nachkriegspolitiker waren geprägt von den Jahren des Exils in Moskau während des Zweiten Weltkriegs. Es war die Sowjetunion und Stalin in Person, die ihnen die Rückkehr nach Deutschland und die Verwirklichung ihrer sozialistischen Träume ermöglichten. Doch dazu kam ein weiterer Aspekt: Polen, Bulgarien oder Rumänien waren Staaten, die es schon vor der kommunistischen Machtübernahme gegeben hatte; ihr Bestand war nicht an eine Ideologie geknüpft. Die DDR dagegen war nur vorstellbar unter dem schützenden Mantel der Sowjetunion. Das wussten die ostdeutschen Funktionäre nur zu gut, weshalb sie nie einen Zweifel an ihrer absoluten Treue gegenüber dem „großen Bruder“ aufkommen ließen. Ihrem Volk verordneten sie die Freundschaft zur Sowjetunion. Parolen auf Häuserwänden und Plakaten sollten den Menschen zwischen Rostock und Dresden klar machen, wie existentiell diese Verbindung sei. „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“, ist die bekannteste dieser Parolen.

Doch gab es darüber hinaus noch sehr viel mehr Hymnen auf die Sowjetunion. Aus dem Februar 1985 stammt eine Fotografie von Jürgen Nagel (geb. 1942), die zeigt, dass die Staats- und Parteiführung auch fast vierzig Jahre nach der Gründung der DDR die Verbindung mit der Sowjetunion als fundamental betrachtete: „Der unzerstörbare Bruderbund mit der Sowjetunion – Quelle unserer Kraft“ ist darauf zu lesen. Aufgenommen wurde das Bild in Woltersdorf bei Berlin. Jürgen Nagel, der unzählige dieser Losungen fotografiert hat, wunderte sich 1991, zwei Jahre nach der friedlichen Revolution, selbst über die „Unmengen von Aufstellern, Transparente, Plakate, Sicht- und Winkelemente“, die es in der DDR gegeben hat: „Mich würde interessieren, wieviel zigtausend es waren – all diese Riesen meiner Tage mussten doch von Menschen geschaffen worden sein. Wieviel Millionen Arbeitsstunden, wieviel tausend Tonnen Holz und Metall, wie viel Quadratkilometer Fahnenstoff, Karton und Papier, wieviel Tonnen Farbe? Wieviel Pinsel wurden verbraucht und wieviel Menschen? Wieviel fleißige Hände waren am Werk? Wofür? Was ging vor in den Köpfen?“ Zumindest, was den Bund mit der Sowjetunion anbetraf, war die Intention eindeutig: Der „große Bruder“ war die Lebensversicherung der DDR. Indem Michael Gorbatschow sich von der gemeinsamen Ideologie getrennt und diesen Bund einseitig aufgekündigt hat, brach ein Grundpfeiler des staatlichen Fundaments weg.

Wirtschaftliche Talfahrt

Ausstellungstipp

Das Jahr 1989. Bilder einer Zeitenwende
Deutsches Historisches Museum Berlin

vom 29. Mai
bis 30. August 2008

Doch das allein hätte vielleicht nicht zum Ende der DDR geführt, wenn der zweite deutsche Staat wirtschaftlich mit seinem westdeutschen Konkurrenten hätte mithalten können. Doch das konnte er nur in der Phantasie seiner alt und grau gewordenen Staats- und Parteiführung: „Unsere Republik gehört heute zu den zehn leistungsfähigsten Industrienationen der Welt, zu den zwei Dutzend Ländern mit dem höchsten Lebensstandard“, verkündete Erich Honecker noch am 6. Oktober 1989. Mit der Realität hatte diese Einschätzung nur wenig zu tun, doch entsprach sie der Abgehobenheit des Staatsratsvorsitzenden, der sich über die Stimmung in seinem Land noch immer Illusionen hingab.

Es gab in der DDR durchaus eine Reihe von modernen Vorzeigeunternehmen, die international konkurrenzfähig waren, doch das waren nicht mehr als Leuchttürme, die in einem umso krasseren Gegensatz zur Mehrheit der Unternehmen standen. In manchen Fabriken sah man sich eher in die Anfänge der Industrialisierung zurückversetzt. Veraltete Maschinen verhinderten – neben anderen Faktoren – den von Honecker propagierten Anschluss an das Weltniveau vielfach. Diesen Eindruck vermittelt auch eine Fotografie von Gerhard Gäbler (geb. 1952), aufgenommen 1985 im VEB (Volkseigener Betrieb) Maschinenfabrik Meuselwitz in Thüringen. Das traditionsreiche Unternehmen war bereits 1878 als Werkzeugfabrik Heymer und Pilz gegründet worden. Hergestellt wurden Schleif- und Drehmaschinen für Walzwerkstätten. Dass es mit der nach dem Zweiten Weltkrieg dort propagierten „sozialistischen Gemeinschaftsarbeit… als Schlüssel zur Lösung all der großen vor uns stehenden Aufgaben“ nicht ganz so weit her war, zeigte sich 1953, als sich auch Arbeiter des VEB Maschinenfabrik Meuselwitz am 16./17. Juni mit einem Sitzstreik vor dem Werkstor an den landesweiten Protesten gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen beteiligten. 1991 wurde die Maschinenfabrik von der weltweit agierenden Herkules Group übernommen.

Die Fotografie Gerhard Gäblers illustriert aber nicht nur die Überalterung vieler ostdeutscher Industrieanlagen: Es ist durchaus bezeichnend, dass eine Frau als Arbeiterin in der Maschinenfabrik beschäftigt ist. In der DDR war der Anteil der Frauen, die in einem Arbeitsverhältnis standen, deutlich höher als im Westen Deutschlands. Dies war politisch gewollt, aber auch ermöglicht durch eine flächendeckende Versorgung mit Krippenplätzen für Kleinkinder. Zudem illustriert das Bild die kaum vorangeschrittene Automatisierung – das bedeutete: Es wurden wesentlich mehr Arbeiter benötigt als heute, um vergleichbare Produkte herzustellen. Das sicherte Vollbeschäftigung auf Kosten der Effektivität, ein Grund für die rapide steigenden Arbeitslosenzahlen nach der Wiedervereinigung 1990.

Die tägliche Warteschlange


Das Jahr 1989. Bilder einer Zeitenwende

Die Fotoausstellung zeigt in beeindruck-enden Bildmotiven die sich über-stürzenden Ereignisse und bewegten Momente vom Zusammen-bruch der DDR.

In vier Themenräumen entfaltet die Aus-stellung das Panora-mader Jahre 1989 und 1990. Darüber hinaus geht der Blick aber auch zurück in die 1980-er Jahre und beleuchtet das Alltagsleben in der DDR.

Namhafte Fotografen werden mit heraus-ragenden Arbeiten vertreten sein, die zum großen Teil aus den Beständen des Deutschen Historischen Museums stammen.

Zu den Exponaten der Ausstellung gehören auch die vier im "Bild des Monats" beschrie-benen Fotografien.
Nach der Öffnung der Grenzen am 9. Oktober 1989 strömten Hunderttausende von DDR-Bürgern nach West-Berlin und in die Bundesrepublik. Empfangen wurden sie vielerorts mit Bananen, die es im Osten nur selten gab und die auf diese Weise zu einem kuriosen Symbol für die Überlegenheit des Westens wurden. Fest eingegraben in die westliche Vorstellung vom Leben in der DDR sind daher auch die Warteschlangen vor den Läden; ebenso das Bild, das kein DDR-Bürger je ohne Tasche aus dem Haus ging, konnte er doch vielleicht unverhofft an eine sonst nicht erhältliche Ware kommen. Auch der Staats- und Parteiführung war bewusst, dass die Versorgungslage ein Schwachpunkt war. Zwar gab es in der DDR immer genug zu essen, doch mangelte es an Auswahl und bisweilen auch an Qualität. Offensichtlicher war der Mangel jedoch im technischen und handwerklichen Bereich. Wer seine Wohnung renovieren, ein Telefon, einen Fernseher oder gar ein Auto wollte, brauchte einen langen Atem.

Konsterniert musste selbst der Vorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Mai 1971 bei einer Analyse der Versorgungslage feststellen: „Im Bezirk Halle kam es im Monat Oktober 1970 zu größeren Versorgungsschwierigkeiten im Einzelhandel (Kaffee, Butter, Fleisch, Textilwaren), die zu politischen Diskussionen führten. Teilweise kam es zu Angstkäufen. Im Bezirk Erfurt kam es im November 1970 besonders in den Bereichen Metall und Textil-Bekleidung… zu ernsthaften politischen Diskussionen im Zusammenhang mit Versorgungslücken, die bei Möbel, Schuhen, Strümpfen, Frauenhygieneartikeln, Butter u. a. auftraten. Im Bezirk Schwerin… wurde aufgrund von Versorgungslücken (Textilien, Fleischwaren, Südfrüchte, Kaffee) ein solches Argument verbreitet: Bis zum 20. Jahrestag der DDR haben wir uns noch gehalten, jetzt geht es mit dem Sozialismus zu Ende…“

War irgendwo eine neue Lieferung eingetroffen, hieß es, sich rechtzeitig anzustellen, um noch an die begehrte Ware zu kommen – bisweilen auch während der eigenen Arbeitszeit. Manche Ware kam gar nie offiziell in die Regale, sondern wurde im wörtlichen Sinn unter dem Ladentisch gehandelt: „Bückware“ nannte man das im DDR-Jargon. Eine für das Bild der DDR typische Warteschlange hat Jürgen Nagel im Oktober 1982 fotografiert – Menschen warten darauf, dass ein offensichtlich noch geschlossener Laden seine Türen öffnet; vor allem sind es ältere Frauen, aber auch ein jüngerer Mann hat sich in die Schar der Wartenden eingereiht.

Den Sozialismus verteidigen

Programmschwer-punkt auf ARTE im Mai 2009:
"Wir sind das Volk"

zur Erinnerung an zwei Staatsgründungen vor 60 Jahren: BRD und DDR
Die DDR hat sich stets als Hort des Friedens präsentiert. Doch dieser Frieden war aus der Sicht der Staats- und Parteiführung bedroht durch den aggressiven Imperialismus des Westens. Daher musste dieser Frieden verteidigt werden, nicht nur durch die Nationale Volksarmee (NVA), sondern auch durch paramilitärische Einheiten wie die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“: Männer und Frauen, die einer ganz normalen Beschäftigung nachgingen, aber am Wochenende und bei Übungen die „Verteidigung der Errungenschaften des Arbeiter und Bauernstaates mit der Waffe in der Hand“ trainierten. Am 24. 1988 September feierten die Kampfgruppen den 35. Jahrestag ihrer Gründung mit einer Parade. Die Fotografie von Jürgen Nagel zeigt die Ehrentribüne mit der Staats- und Parteiführung anlässlich des Aufmarsch in der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin. Zuletzt gehörten den Kampfgruppen fast 190.000 Mitglieder an; die letzten Einheiten wurden im Mai 1990 – also noch vor der Wiedervereinigung – demobilisiert.

Von Uwe A. Oster, März 2009

Erstellt: 27-01-09
Letzte Änderung: 24-09-09