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Junge Literaturkritik - 07/11/13

Bernhard Schlink: Die Heimkehr

Auf der Suche nach der verlorenen Geschichte


Die Suche nach einem verschollenen Roman und dessen Autor wird für Schlinks Hauptfigur zur Odyssee, zur verzweifelten Suche nach den eigenen Wurzeln und dem eigenen Platz im Leben.

Eigentlich soll er nicht lesen, was in dem Manuskript steht, dessen Rückseiten die Großmutter ihm in der papierknappen Nachkriegszeit als Schreibblock für die Schule überlässt. Aber eines Tages hält es der Junge vor Neugier nicht mehr aus. Er dreht den Block um und ist tief berührt, von dem, was er da zu lesen bekommt. Es sind Teile eines Romans über die Irrfahrt des Soldaten Karl, der auf seiner Flucht aus der Gefangenschaft in die Heimat gefährliche Abenteuer bestehen muss.

Diese verbotene Lektüre in seiner Kindheit wird Peter Debauer, die Hauptfigur des Romans, ein Leben lang nicht mehr loslassen. Am meisten triff ihn – damals als Kind, aber auch noch viel später als Erwachsenen – Karls Ankunft zu Hause: Seine Frau öffnet ihm die Tür. Sie steht vor ihm, hält ein kleines Kind auf dem Arm, ein zweites, älteres lugt hinter ihrem Bein hervor und neben ihr, den Arm um sie gelegt, steht ein anderer Mann...

„Kämpfen die Männer um die Frau? [...] Hat der, der den Arm um die Frau gelegt hat, sie getäuscht und ihr gesagt, der andere sei gefallen? [...] Hat die Frau sich leichten Herzens in ihn verliebt und in ein neues Glück fallen lassen? Oder hat sie ihn ohne Liebe aus Not genommen [...]?“ Die Fragen bleiben ohne Antwort: Das Manuskript ist verlorengegangen. Als Peter Jahre später einzelne Seiten wieder in die Hände fallen, entwickelt sich sein Interesse an der Geschichte zur Obsession.

Die Suche nach dem ganzen Roman und nach seinem Autor wird für Schlinks Hauptfigur selbst zur Odyssee, zur verzweifelten Suche nach den eigenen Wurzeln und dem eigenen Platz im Leben. Je näher Debauer dem Ursprung des Heimkehrromans kommt, umso enger verbinden sich sein persönliches Schicksal, seine eigene Herkunft, die Wahrheit über seinen im Krieg gefallenen Vater mit Karls Geschichte. Debauers Spurensuche konfrontiert ihn mit den großen Themen jeder Ethik: Was ist Gerechtigkeit? Was ist gut? Was ist böse? Heiligt der Zweck die Mittel? Solche Fragen und die sich nachdenklich erinnernde Stimme des Ich-Erzählers prägen den Roman und sind typisch für Schlinks literarischen Stil. Die Sprache ist nüchtern und doch voller Einfühlsamkeit. Wer ist Täter und wer Opfer? Karl? Der neue Mann? Die Ehefrau?

Auch thematisch knüpft „Die Heimkehr“ an Schlinks 1995 erschienenen Welterfolg „Der Vorleser“ an. Einmal mehr geht es dem 1944 geborenen Autor um den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit aus Sicht eines Mannes seiner eigenen Generation. Auf die Fragen nach Schuld und Verantwortung für das eigene Handeln liefert der Jurist Schlink als Romanautor keine Antworten. Nie versucht er dogmatisch aufzuzeigen, was richtig und was falsch ist. Vielmehr hinterfragt er kritisch die Kategorien Gut und Böse und zeigt die Beziehungen zwischen Ehemännern und Ehefrauen, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Liebenden in einer Komplexität, die sehr viel mehr Farben kennt als Schwarz und Weiß.

Von Melanie Holtz




Erstellt: 15-03-06
Letzte Änderung: 07-11-13