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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Benny Goodman: "The Carnegie Hall Jazz Concerts"

Bella Musica BM 14.4028 (aufgenommen am 16. Januar 1938)


Der Meilenstein der Swing-Musik
von H.-Werner Wunderlich

Jahrhundertaufnahmen des Jazz




Ein Kapitel Jazzgeschichte wurde am 16. Januar 1938 geschrieben. An jenem Tag besetzte Benny Goodman mit seinem Orchester die Bühne der ehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall und gab mit einem Heben und Senken seiner Klarinette den "down beat", den Auftakt zum wohl berühmtesten Konzert der Swing-Ära.

In den 1930er Jahren, wie auch in den turbulenten 20ern, konnte man in den USA zwar so ziemlich überall und auch häufig Jazz hören, doch fast ausschließlich an den Vergnügungsstätten, in den Ballrooms und Tanzpalästen, den Lounches und Dining Rooms der Hotels, in Bars und Kneipen. Konzerte wie wir sie kennen, mit brav ausgerichteten Stuhlreihen und einem Podium, auf das alle Blicke gerichtet sind, kannte man damals fast nur im Bereich der Klassischen Musik. Und der so genannten "ernsten" Musik war auch die berühmte Carnegie Hall vorbehalten gewesen, sieht man einmal ab von einen Konzert schwarzer Musik unter W.C.Handy 1928.

Der Saal war längst ausverkauft, auf der Bühne wurden rings um die Band Stühle für weitere Besucher aufgestellt, am Abend verkaufte man noch Stehplätze. Erwartungsvolle Spannung lag in der Luft, Aufregung herrschte nicht nur im Publikum, auch auf der Bühne. Ein bisschen zögernd ging es los, Goodman war selbst nervös und hatte den Takt zur Eröffnungsnummer "Don't be that way" etwas zu langsam vorgegeben. Auch die Musiker schienen alles andere als relaxt: Der Chef als Solist an der Klarinette, Tenorsaxophonist Bäbe Russin und Trompeter Harry James. Bis plötzlich Schlagzeuger Gene Krupa seinen Break losließ. Da stieg das Publikum ein, jubelte, klatschte, und von da ab war alles in Ordnung - die Band bekam den richtigen Groove und alles lief wunderbar swingend.
Schon damals nannte man Benny Goodman den "King of Swing". Er hatte ein Orchester, in dem es ausgezeichnete Solisten gab und das durch zahlreiche Plattenaufnahmen und Rundfunkübertragungen und durch die beliebte halbstündige Werbesendung "The Camel Caravan" überall in den USA bekannt und beliebt war. Einer dieser Werbeleute war es auch, der auf die Idee mit dem Carnegie Hall-Konzert gekommen war, der Benny Goodman anfangs recht skeptisch gegenüberstand. Das dann aber doch ein Riesenerfolg wurde.

Neben seiner kompletten Big Band stellte Goodman auch zwei seiner kleinen Formationen vor: Das Trio mit dem Pianisten Teddy Wilson und Gene Krupa am Schlagzeug, und das durch Lionel Hampton am Vibraphon erweiterte Quartett. Auch eine Quintett- und eine Septettbesetzung kamen auf die Bühne. Außerdem hatte Goodman ein paar namhafte Gäste eingeladen: Count Basie mit vier seiner Solisten, sowie Cootie Williams, Johnny Hodges und Harry Carney aus dem Orchester von Duke Ellington, die sich dann alle zu einer großartigen Jam Session über "Honeysuckle Rose" trafen. Die Fachzeitschrift "Down Beat" widmete dem Ereignis ihre Titelstory: "Das Benny Goodman-Konzert ist in die Annalen der Swingology eingegangen."

Ein Meilenstein der Jazzgeschichte also. Dass die vorliegende Bella Musica- Edition auf zwei CDs nicht die Original-Reihenfolge der Stücke einhält, ist zu verschmerzen. Weitaus bedauerlicher ist die eher lieblose Gestaltung
des begleitenden Booklets, das zwar ein paar biografische Angaben über Benny Goodman enthalt und die Besetzung seines Orchester aufzählt, jedoch mit keinem Wort die eingeladenen Gäste erwähnt, die mit auf der Bühne standen. Außerdem fehlt leider das grandiose Finale, das gleichzeitig einen Höhepunkt des Konzerts in der Carnegie Hall bildete: "Sing Sing Sing". Von diesem Stück wurde eine spätere Version in diese Edition aufgenommen, zusammen mit sieben weiteren Titeln aus einem Konzert vom 6. Oktober 1939. Trotz dieser kleinen Einschränkung ist und bleibt der Konzertmitschnitt aus der Carnegie Hall eine der denkwürdigen Jahrhundertaufnahmen des Jazz.

Text: H.-Werner Wunderlich


Benny Goodman
"The Carnegie Hall Jazz Concerts"
Bella Musica BM 14.4028
(Eigenvertrieb)

Erstellt: 09-02-07
Letzte Änderung: 28-11-08