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Im Gespräch mit... - 20/10/06

Benjamin Heisenberg

Autor und Regisseur des preisgekrönten Spielfilms "Schläfer" (Ausstrahlung auf ARTE am 20. 10. 2006)


Benjamin Heisenberg, ihr Film heißt „Schläfer“, aber eigentlich zeigt er gar keine typische Schläfer-Geschichte. Es geht mehr um Verrat, um Misstrauen und Verunsicherung unter Freunden und Kollegen. Hat sie diese psychologische Situation mehr interessiert als die klassische Schläfer- Konstellation?
Ich würde schon sagen, dass der Film auch eine Schläfergeschichte erzählt, weil für mich die sogenannten „Schläfer“ eben Leute sind, die im Unbemerkten, im Verborgenen in einer Gesellschaft leben und zu einer Gefahr für die Gesellschaft werden können, das muss sich nicht nur auf den Terrorismus beziehen. Und Johannes, der Hauptcharakter des Films, ist so eine Figur. Er lebt ganz normal, als ein angepasster Bürger sozusagen, und irgendwann gewinnt er eine gewisse Macht, durch bestimmte Kontakte. Durch die Konfliktsituationen, in die er gerät, wird er auf einmal zu einer Gefahr, weil er die Macht missbraucht und zum Denunziant wird.

Aber Johannes ist ja eigentlich erst mal ein guter, sympathischer Charakter. Er will sich ja gar nicht einspannen lassen vom Verfassungsschutz, seinen Kollegen zu bespitzeln und lehnt es ja auch ab. Erst durch bestimmte Umstände, Enttäuschungen, Eifersucht und Konkurrenzmechanismen, wächst bei ihm die Bereitschaft, den unter Schläferverdacht stehenden Kollegen zu beobachten. Ist das eine schleichende Entwicklung, die jedem von uns passieren könnte?
Es kann potentiell wahrscheinlich vielen Leuten passieren. Ob man sich dann wirklich darauf einlässt, um der eigenen Vorteile willen, den Kollegen zu bespitzeln, ist sicher eine Frage der persönlichen Motive und der eigenen Wertevorstellungen.

Ist da vielleicht auch eine größere Bereitschaft entstanden im Zusammenhang mit den Terroranschlägen des 11. September und der damit verbundenen starken Verunsicherung?
Der 11. September spielt im Hintergrund immer eine Rolle, sicherlich auch für die Bereitschaft, sich auf so etwas einzulassen.
Ich denke schon, dass die Terroranschläge die Leute so weit durcheinander gebracht haben, dass sie von einer größeren Bedrohung ausgehen, und deshalb auch eher bereit sind, für den Staat tätig zu werden. Generell glaube ich, dass in jeder Gesellschaft eine ganze Reihe von Leuten dafür offen sind,. von ihrer ganzen Disposition her und natürlich kann es da auch unterschiedliche Motive dafür geben, wie Eifersucht oder Neid oder gutes Staatsbürgertum, wie das hier in Deutschland öfter der Fall sein mag. Ich glaube, dass eine gewisse Disposition da ist, auch unabhängig vom 11. September. Der 11. September hat da allerdings noch einen zusätzlichen Schub gegeben.

Johannes ist also zunächst ein positiver Charakter, will nicht zum Spitzel werden, er wird gewissermaßen durch die Umstände langsam weichgeklopft. Eines seiner Hauptmotive ist doch wohl die Liebesbeziehung, dass er sich in das Mädchen verliebt, das mit seinem Kollegen zusammen ist. Da wird er schließlich sogar zu einem richtig fiesen Charakter, weil er seinen algerischen Kollegen ja nicht entlastet, obwohl er ihn entlasten könnte. War das nicht eine ziemlich starke Wandlung dieser Figur vom Paulus zum Saulus?
Auf jeden Fall. Ich glaube, sogar er selbst ist darüber betroffen, dass es so weit hat kommen können. Aber deswegen habe ich ihn am Ende diesen Verrat auch nicht offen verbal machen lassen, sondern durch Schweigen. Er kann sich nicht dazu entschließen, eine Zeugenaussage zu machen, die den anderen entlasten würde, er kann nur in seinem Schweigen verharren und wird dadurch zum Verräter. Und insofern ist das auch nachvollziehbar und innerhalb des Films verständlich. Aber es ist schon eine sehr weitgehende, erschreckende Wandlung, auf jeden Fall.

Die Atmosphäre naturwissenschaftlicher Labors, ist meiner Ansicht nach sehr authentisch und realistisch getroffen. Es gibt dort nicht jeden Tag große Entdeckungen und aufregende Forschungsergebnisse, es gibt die kleine, mühsame Alltagsarbeit. Wenn man dann endlich mal etwas veröffentlichen will, muss man sich noch mit dem Professor arrangieren und gerät in Konkurrenz zu den Kollegen. Sind sie als Enkel eines weltberühmten Physikers naturwissenschaftlich in dieser Richtung vorbelastet, oder haben sie das einfach entsprechend recherchiert?
Ich habe davon in meiner Kindheit schon einiges mitbekommen. Mein Vater ist auch Naturwissenschafter, er ist Neurobiologe, ich hatte also schon vor Augen, wie das wissenschaftliche Arbeiten in Labors abläuft. Wir haben auch zuhause am Esstisch häufig wissenschaftlichen Diskussionen zuhören können. Natürlich habe ich auch noch entsprechend recherchiert. Meine Cousine hat sehr geholfen, auch ein Wissenschaftler hier aus München vom Max Plank Institut und mein Vater eben auch. Die haben alle an den Dialogen mitgefeilt, aber auch an den Situationen, so dass es eben möglichst realistisch ist. Weil mir eben auch wichtig war, dass man etwas versteht von der Welt, die da gezeigt wird. Und dass man auch etwas vom Alltag dieser Leute erfährt. Denn es interessiert mich ganz generell, wie Menschen arbeiten, wie sie leben, und wie das, was sie tun, ihr Leben beeinflusst.

Aber diesen realistischen Anspruch gibt es hauptsächlich im europäischen Film. In einer Hollywoodproduktion wäre es doch mindestens um eine nobelpreisverdächtige Entdeckung gegangen, und nicht um eine kleine wissenschaftliche Veröffentlichung.
Eine kleine Veröffentlichung ist etwas untertrieben, eine Veröffentlichung im Fachmagazin „Nature“ kann z. B. durchaus die Grundlage für eine Professur liefern. Wer in „Nature“ veröffentlicht, hat in der Welt der Naturwissenschaft schon bessere Chancen auf eine Professur.

Gut, dann wäre es in einem amerikanischen Film wahrscheinlich um eine menschheitsrettende Frage gegangen.
Richtig, genau. So weit wollte ich aber nicht gehen. Da ist der Film im Ganzen zu realistisch angelegt um die Menschheit retten zu müssen. Ich denke, die Fallhöhe ist hier genau richtig für den Realismus des Films. Es gehr hier um eine persönliche Entscheidung, die sich vor allem auf die eigene Karriere auswirken kann.

„Schläfer“ ist Ihr erster Langfilm, und Sie sind damit gleich zu Filmfestival nach Cannes in die Sektion „Certain Regard“ eingeladen worden. Was bedeutet das für ihre künftige Arbeit?
Es bedeutet erst mal eine Erleichterung. Weil mich die Leute kennen gelernt haben, und weil sie dadurch ein gewisses Vertrauen in meine Arbeit bekommen, und weil ich dadurch hoffentlich die nächste Arbeit leichter finanzieren kann. Und vielleicht habe ich dadurch auch die Möglichkeit, mit Menschen zu arbeiten, die ich besonders interessant finde. Das Team, mit dem ich jetzt gearbeitet habe, war ganz großartig, auch die Schauspieler. Insofern glaube ich, dass mir die Cannes-Teilnahme das Arbeiten etwas erleichtern wird, und ich bin gespannt, wie hoch dadurch die Erwartungen für den nächsten Film werden. Es ist also ein guter Ausgangspunkt für den nächsten Film.

Interview: Thomas Neuhauser (Juni 2005)

Erstellt: 18-10-06
Letzte Änderung: 20-10-06