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08/11/04

Bejing Bicycle

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Ein Film von Wang Xiaoshuai
 
Synopsis: Beijing heute. Guei, ein 16-jähriger Junge vom Land, kommt mit großen Erwartungen in die Stadt. Er findet Arbeit bei einem Kurierdienst, der ihn einkleidet und ihm ein Fahrrad zur Verfügung stellt: ein neues, silberfarbenes Mountainbike. Sobald er 600 Yuan verdient hat, wird das Rad ihm gehören.
Kurz bevor Guei das Geld zusammen hat, verschwindet das Rad, geklaut am hellichten Tag. Ein wichtiger Auftrag wird vermasselt und er wird entlassen. Doch Guei, starrköpfig wie er ist, bleibt hartnäckig und kann seinen Chef zu einer Vereinbarung überreden: Wenn er das Fahrrad wiederfindet, behält er seinen Job. Verzweifelt läuft er durch ganz Beijing, um es zu suchen.
 
Wie durch ein Wunder erkennt sein Freund das Rad wieder. Allerdings sitzt auf ihm jetzt Jian, ein Schüler, der es auf dem Flohmarkt gekauft hat. Ebenso wie Guei sieht er sich als rechtmäßiger Besitzer des Fahrrads. Für Guei ist es die materielle Grundlage seiner Existenz, für Jian Statussymbol, um in der Clique akzeptiert zu werden. Ein verbissener Kampf um das Fahrrad beginnt.
 
Die Kritik zum Film: "Beijing Bicycles" von Wang Xiaoshuai ist der zweite Film einer ostasiatischen Metropolen gewidmeten Reihe und der letzte Film einer Flut asiatischer Spielfilme, die bei den Festivalbesuchern in den letzten zehn Tagen angesichts des ungleichen Wettbewerbs für Verwirrung gesorgt haben. Traditionell werden die besten Filme an den letzten Festivaltagen gezeigt, und "Beijing Bicycles" scheint dies zu bestätigen: Nach dem enttäuschenden "Betelnut Beauty" von Lin Chen-sheng - dem ersten Film der Reihe - liegt nun ein äußerst gelungenes Werk vor, das erstaunlicherweise nicht der chinesischen Zensur zum Opfer fiel.

Der Regisseur erzählt von den grausamen Lehrjahren des Landjungen Guei, den die Armut nach Peking treibt und der dort sein Dasein als Laufjunge fristet. Der arglose Guei ist den Tücken des Großstadtlebens nicht gewachsen und erlebt die Brutalität des täglichen Überlebenskampfes in voller Härte. Sein Fahrrad, das wichtigste Arbeitswerkzeug, kommt ihm abhanden und gerät in die Hände des Studenten Jian, eines typischen Kindes der Großstadt. Die Jahre der kommunistischen Diktatur haben aus Jian einen Einzelkämpfer gemacht, der sich nur noch auf sich selbst verlässt. Jahrzehnte des Kommunismus und die Öffnung des Landes für den Kapitismus haben eine Generation hervorgebracht, die keine Illusionen mehr hat und die vor Skrupellosigkeit und Gewalt nicht zurückschreckt, um ihr eigenes Überleben zu sichern.

Anhand von Gueis Schicksal zeigt Wang Xiaoshuai die Veränderungen auf, die in der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft vonstatten gehen. Nur mithilfe des Fahrrads können der naive Guei und der gewiefte Jian ihre prekäre Existenz sichern; andernfalls bleibt ihnen nur ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Die beiden jungen Männer stehen für eine zur Untätigkeit verurteilten Gesellschaft, in der die Solidarität dem Überlebenskampf zum Opfer gefallen ist und in der die menschlichen den materiellen Werten gewichen sind. Wang Xiaoshuai ist es gelungen, diese Veränderungen mit einer Schärfe und Präzisison aufzuzeigen, die niemanden unberührt lassen.

Julien Welter
Das Bonusmaterial: Die Auswahl der Bonus-Tracks der DVD zu BEIJING BICYCLE ist zwar alles andere als großzügig ausgefallen, aber seltsamerweise gibt man sich als Zuschauer hier auch mit dem kleineren Angebot zufrieden. Vielleicht ja, weil auch die beiden Helden des Films ihre Ansprüche klein halten, und der Besitz eines Rades ihnen als der Himmel auf Erden erscheint. Nun ja, warum auch immer... Da gibt es einmal den chinesischen Originaltrailer, der zwar sehr hübsch anzuschauen ist, aber so gut wie gar nichts über die Geschichte des Films erzählt.

Die Texttafeln zur Bio-/Filmografie des Regisseurs Wang Xiaoshuai dagegen sind sehr aufschlussreich. Wang Xiaoshuai ist einer der talentiertesten jungen Regisseure Chinas. Bereits mit seinem ersten Film THE DAYS (1993) wurde er auf die schwarze Liste des Filmbüros gesetzt. Seinen nächsten Film FROZEN drehte er deshalb unter dem Pseudonym Wu Min. Auch sein Film A VIETNAMESE GIRL (1995) bekam Probleme mit der Zensur. Er wurde drei Jahre lang umgeschnitten, und kam schließlich unter dem Titel SO CLOSE TO PARADISE ins Kino. BEIJING BICYCLE gewann auf der Berlinale 2001 den Silbernen Bären, den Großen Preis der Jury und den NEW TALENT AWARD für die besten Nachwuchsschauspieler Li Bin und Cui Lin.

Auf weiteren, sehr informativen Texttafeln klärt Regisseur Wang Xiaoshuai u.a. über Statussymbole in China auf. Da gibt es die „4 Großen“, die über den Status einer Familie entscheiden: Uhr, Nähmaschine, Radio und Rad. Genauso wie bei uns das Auto, ist in China ein Fahrrad Zeichen für Wohlstand. Es ist dort immer noch üblich, dass sich eine Familie ein Rad teilt. Sofort mag man an das italienische, neorealistische Nachkriegs-Meisterwerk Vittorio de Sicas Film FAHRRADDIEBE (1949) denken, und partiell könnte man BEIJING BIYCLE auch als Remake oder Hommage bezeichnen. Aber der kulturelle und zeitliche Kontext ist wiederum so anders, dass jeder Vergleich selbstverständlich hinkt. Eine deutliche Parallele allerdings gibt es: Die poetische Kameraführung weiß den Charme der Armut malerisch ins Licht zu setzen. Regisseur Wang Xiaoshuai kommentiert: „Der malerische Aspekt Beijings ist im Begriff zu verschwinden. Aber die Bewohner haben ein Recht auf bessere Lebensbedingungen.“

Eine Trailershow für TIME BANDITS, SECRETARY, ZUG DES LEBENS, IN THIS WORLD, DOLLS und DIE INSEL ergänzt das Angebot der Bonus Tracks dieser DVD.

Nana A.T. Rebhan

Regie : Wang Xiaoshuai
Drehbuch: Wang Xiaoshuai, Tang Danian, Peggy Chiao, Hsu Hsiao-Ming
Kamera : Liu Jie ;
Schnitt : Liao Ching-Song
Produktion : Eastern Television, Asiatic Films, Beijing Film Studio, Arc Light Films, Public Television Service, Pyramide Production
Mit: Cui Lin (Guei), Li Bin (Jian), Zhou Xun (Qin), Gao Yuanyuan (Xiao), Li Shuang (Da Huan), Zhao Yiwei (Vater)
Der Film hat bei der Berlinale 2001 den Silbernen Bären und den Grossen Preis der Jury gewonnen

Extras
Sprachen:
Deutsch, Chinesisch, Deutsche Untertitel
Bonus-Tracks:
- Originaltrailer
- Bio-/Filmografie des Regisseurs Wang Xiaoshuai
- Kommentartafeln des Regisseurs zum Film
- Trailershow

Erstellt: 08-11-04
Letzte Änderung: 08-11-04