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15/11/12

Gustave Kervern - Begegnung: Blow up



Im Rahmen des ARTE FilmFestivals (vom 11. bis 23. November 2012) wird unter anderem der Film "Mammuth" gesendet. Aus diesem Anlass beantwortet der Regisseur Gustave Kervern unseren Fragebogen.

Gustave Kervern, müssten Sie…



1. … eine Eröffnungsszene wählen:


Muss ich vorab einmal sagen, dass ich ein ganz schlechtes Gedächtnis habe. Das ist also ein Drahtseilakt, den Sie von mir fordern. Gut, mit der Eröffnungsszene habe ich Glück, da nehme ich einen Film, den ich gestern gesehen haben, darum kann ich mich noch ein wenig an ihn erinnern. Es ist Melancholia von Lars von Trier. Einfach wunderbar. Die Eröffnungsszene ist der schönste Moment des Films. Surrealistisch im eigentlichen Sinne, ganz so wie Salvador Dalis Bilder. Mit der Musik Wagners im Hintergrund, bleibt einem jedes einzelne Bild dieser Eröffnungsszene im Kopf. Für mich ist ein Film in erster Linie ein Mysterium und das ist Lars von Trier wirklich gelungen. Sein Film ist gut, wagemutig und überwältigend.

2. … die gute Leistung eines Schauspielers bewerten,

würde ich Gérard Depardieu in den meisten seiner Filme nehmen, besonders aber in Die Ausgebufften. Soweit ich mich erinnern kann, war mein Lieblingsschauspieler Patrick Dewaere genauso gut wie Gérard. Als ich den Film aber neulich beim Filmfestival Lumière in Lyon wieder gesehen habe, wurde mir klar, dass Depardieu einfach der Beste ist. Er ist so unglaublich gut, dass man Gänsehaut bekommt. Darüber hinaus fallen mir noch Jacques Villeret und Jean-François Stévenin in Passe-montagneein. Eine Alpenmähr, ein Wolpertinger des Kinos, ein stimmungsvoller, schweigsamer Film, seltsam und ergreifend. Ich liebe auch über alles den Patrick Dewaere in Série noireund Ben Gazzara in Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers.





3. … die Stimme eines Schauspielers auswählen,

wäre ist die des unfreiwilligen Helden in Grizzly Manvon Werner Herzog, Timothy Treadwell. Ein Verrückter in der Art von Brice de Nice, mit einer Entenstimme, die ganz sanft wird wenn er mit Grizzly-Bären spricht und ganz harsch wenn er sich an Menschen wendet. Seine Freunde, die Grizzly-Bären, verspeisen ihn irgendwann in seinem Zelt bei einer seiner vielen Selbstmordexpeditionen. Dann ist da noch die Stimme von Michel Simon. Sie ist wie keine andere, besonders in L’Atalante von Jean Vigo.





4. … einen Soundtrack auswählen,

muss ich es mir einfach machen, aber ich kann nicht anders, als Pulp Fiction von Quentin Tarantino zu nennen. Schon allein deshalb weil ich unzählige Male auf dem Tresen der Bar «Dame pipi» in der Nähe der Place de la Bastille dazu getanzt habe. In dieser Spelunke habe ich damals die dunklen Zeiten verbracht. Als nächstes kommt Die Reifeprüfung und der Song Mrs Robinson von Simon and Garfunkel. Eine tolle Zeit mit Dustin Hoffman und erfinderischen Einstellungen. Das verlorene Glück. Dann wäre da noch die phantastische Musik von 24 Hour Party People von Michael Winterbottom zu nennen. Happy Mondays und Joy Division sind mit von der Partie, als wäre man bei ihnen in Manchester, kurz bevor diese Sch... von Margeret Thatcher an die Macht kommt. (Das «Sch...» bedeutet übrigens nicht Schlampe sondern Schreckschraube).





5. … einen Tanz wählen,

denke ich an Ein Affe im Winter. Jean-Paul Belmondo tanzt «spanisch» auf dem Tresen einer Dorfkneipe. Man merkt genau, dass es nicht Belmondos Füße sind, aber irgendwie funktioniert das Ganze trotzdem.





6. … eine gelungene Antwort nennen:

Sämtliche Antworten in Ein Andalusischer Hund und Das goldene Zeitalter von Luis Buñuel.



7. … einen Vorspann nennen,

würde ich ohne zu zögern den von Viva la muerte - Es lebe der Tod von Fernando Arrabal nehmen. Die Kamera streift über Zeichnungen von Roland Topor, während als Musik ein dänischer Abzählreim zu hören ist, glaube ich. Der visuelle Überraschungscoup setzt sich mit den weiteren Bildern des Films ständig fort.






8. … ein Filmplakat bestimmen,

wären es alle Poster von Pierre-Richard-Filmen. Insbesondere das von Das Spielzeug hat es mir angetan. Hinzu kommen alle Plakate mit Belmondo in den frühen Jahren. Das von Der Teufelskerl ist das Beste von allen. Als ich jung war, habe ich keinen Film dieser beiden Schauspieler verpasst. Damals hingen im Eingangsbereich und in den Gängen der Kinos noch viele Fotos der Filme, die gerade gezeigt wurden. Mir gefallen auch alle Poster von Kaurismäki-Filmen, allen voran das von Wolken ziehen vorüber.





9. … eine erste erotische Wallung nennen:

Was die Erotik anbelangt bin ich ein echter Spätzünder. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mir Supervixens von Russ Meyer angeschaut habe. Eine Reaktion blieb aber aus. Eine zeitlang fand ich Marlène Jobert sehr anziehend, aber das war eher ein absolut platonisches Gefühl. Für Clio Goldsmith hatte ich auch eine gewisse Schwäche, für ihre Haare und ihre vollen Lippen, aber körperlich war da bei mir rein gar nichts zu spüren. Im Fernsehen haben mich die Mädchen die Benny Hill umgaben fasziniert. Ich habe mir die Show heimlich angeschaut und sofort den Kanal gewechselt wenn meine Eltern ins Zimmer kamen. Das Problem war, dass es damals noch keine Fernbedienung gab. Ich musste also aufstehen und am Fernsehgerät auf einen Knopf drücken. Durch diese Aktionen schöpften meine Eltern doch irgendwie verdacht.





10. … einen Lachanfall nennen,

fallen mir sofort die ersten Anfälle vor Tex-Avery-Zeichentrickfilmen ein. Im Fernsehen, gab es an Neujahr immer eine Stunde Tex Avery zu sehen. Da habe ich mich einfach totgelacht. So schön war Neujahr danach für mich nie mehr. Als ich Der Partyschreck mit Peter Sellers sah, habe ich mich auch vor Lachen gebogen. Roman Polanskis Tanz der Vampire hat mich ebenfalls ziemlich zum Lachen gebracht. Lauthals lachen musste ich auch bei den Filmen von Robert Lamoureux (La Septième Compagnie), die ich im Kino gesehen habe. Im Kino sah ich auch Drei Bruchpiloten in Paris/Die große Sause. Er hat mir sehr gut gefallen. Eine Woche später kam er dann im Fernsehen!





11. … mich an einen großen Schrecken erinnern:

Da denke ich sofort an Bette Davis und Erich Von Stroheim in Boulevard der Dämmerung. Der Blick von Bette Davis, ihre Augen, machten mir ungeheure Angst. Die gleiche Angst fühlte ich, als ich Rebecca von Alfred Hitchcock sah. Die Tatsache, dass ich mich an den Filmtitel erinnere zeigt, wie sehr mich das beeindruckt hat. Der war Klasse der Dicke! Bei Der weiße Hai von Steven Spielberg konnte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr von der Stelle rühren. Ein Schrecken aus jüngerer Zeit stammt von We need to talk about Kevin. Empfindsame Eltern sollten sich den Film nicht anschauen.





12. … mich an eine Träne erinnern,

muss ich vorausschicken, dass ich sehr sentimental bin. Ich weine bei allen Filmen, wo das vorgesehen ist. Zuletzt war das bei Polisse so, bei einer Szene, die die Schauspielerin Nadira Ayadi (die ich vorher nicht kannte) ganz allein ausfüllt. Da redet sie mit dem Familienvater, der die Kinder mißbraucht, auf Arabisch Klartext. Meine Frau und ich waren völlig erschüttert.



13. … ein Detail aus einem Film nennen,

kann ich nur sagen, dass mir Details nie auffallen. Es kann hunderte falscher logischer Zusammenhänge geben, das merke ich nicht. Dazu bin ich zu verträumt. Mir fällt es schon schwer genug, mich auf die eigentliche Geschichte zu konzentrieren. Ein einziges sehr beeindruckendes Detail aus einem Film von Werner Herzog fällt mir ein. Da wird ein Auto in ein riesiges dunkles Loch geworfen. Der verstörende und kultige Film heißt Auch Zwerge haben klein angefangen.




14. … eine Kamerafahrt auswählen,

nähme ich die im Traum von The Dude in The Big Lebowski von den Coen-Brüdern. Er fliegt über eine Bowling-Bahn und dann zwischen Mädchenbeinen hindurch, glaube ich. Es ist einer der wenigen Filme, die ich ständig wiedersehen kann, ohne zuviel davon zu bekommen.





15. … eine Nahaufnahme nennen,

würde ich die auf den Busen von Susan George nehmen, in Wer Gewalt sät von Sam Peckinpah. Ich hätte mich gar nicht daran erinnert, wenn ich es nicht vor kurzem in einem Begleitheft zu einer DVD gelesen hätte. Es ist ein schwer verdaulicher, machtvoller Film von Peckinpah (mir gefällt auch Bring mir den Kopf von Alfredo Garciasehr). Susan George ist die Hauptdarstellerin. Es muss nicht leicht gewesen sein für sie, zwischen einem Dustin Hoffman, der sie bei den Dreharbeiten herablassend behandelte und einem Regisseur, der mit Alkohol und Medikamenten vollgepumpt war. In dem ausführlichen Begleitheft steht auch, dass Susan George sowohl die Freundin von Andy Gibb von den Bee Gees war, als auch die von Prince Charles. Was für ein Leben!





16. … einen todlangweiligen Kinoklassiker nennen:

La Strada – Das Lied der Straße von Federico Fellini, habe ich vor dem Schluss gestoppt. Ich verspreche, dass ich es noch einmal versuche. Bei Tatis herrliche Zeiten muss man auch in Form sein, um bis zum Schluss durchzuhalten. Ich verspreche aber, dass ich es noch einmal versuche. Ansonsten gibt es eigentlich keinen Film, den ich überhaupt nicht mag. Das ist jetzt nicht einfach nur politically correct, sondern wirklich so, weil mich einfach alles interessiert. Irgend etwas kann man immer aus einem Film mitnehmen und ich schätze die Arbeit meiner Kollegen sehr. Ich weiß ja wie schwer es ist einen Film überhaupt ganz fertig zu kriegen.



17. … eine tolle Szene aus einem ansonsten unsäglichen Film nennen:

Un conte de Noël von Arnaud Desplechin. Da bin ich nicht so richtig reingekommen. Dabei gibt es diese denkwürdige Szene mit Mathieu Amalric und Catherine Deneuve. Die beiden sitzen im Garten ihres Einfamilienhauses und wenn ich mich richtig erinnere eröffnet Deneuve ihrem Sohn, dass sie ihn noch nie geliebt hat. Amalric verkündet ihr genau das Gleiche. Da ist Mathieu Amalric gut. Ich finde ihn eigentlich immer gut. Er gehört zu den Schauspielern, die einem Lust auf's Kino machen. Sein Blick und seine Arbeit haben etwas faszinierend Verrücktes. Eine verstörende und gleichzeitig fröhliche Zappeligkeit.



18. … eine unsägliche Szene aus einem ansonsten tollen Film nennen:

Die in Buffalo '66, als Vincent Gallo auf dem Bett liegt. Es ist von oben gefilmt, und allein das mag ich schon nicht, weil ich es viel zu oft gesehen habe. Man sieht eine Reihe von Einstellungen, bei denen er seine Position auf dem Bett verändert. Naja. Andererseits erinnere ich mich daran, das heißt es löst irgend etwas aus und ist doch gelungen. In Les Tontons flingueurs ist alles gut, außer die Momente wo Claude Rich auftaucht. Eigentlich ist er selbst gar nicht Schuld, aber man spürt jedes Mal, dass seine Figur den Drehbuchautor Audiard kein bisschen inspiriert hat. Das gilt auch für Mireille Darc wenn sie in Filmen von Audiard spielt. Belanglos und inexistent. Das gilt im Grunde nicht nur für ihre Filme mit Audiard.



19. … eine Schlussszene wählen:

Es ist seltsam, bei dieser Frage wird mir bewusst, dass ich sogar bei meinen Lieblingsfilmen den Schluss vergessen habe. Wirklich seltsam. Es gibt aber einen Schluss, an den ich mich gut erinnere weil er so schön ist. Der von Les Apprentis von Pierre Salvadori. Da ist auch unser ewiger Freund dabei, Guillaume Depardieu. Am Ende des Films kehrt der depressive Cluzet wieder ins Leben zurück, weil er mit Kindern Fußball spielt. Eine so einfache wie überwältigende Idee.





20. … abschließend die schwierigste Auswahl überhaupt treffen,

wäre das die einer einzigen Einstellung, nein doch lieber zwei! Das russische Roulette in Die durch die Hölle gehen von Michael Cimino. Und die Einstellung mit Benoît Poelvoorde in Mann beißt Hund, als er bei einem Spaziergang durch die Straßen Brüssels seine Theorie über moderne Architektur zum Besten gibt. Der Film ist ohnehin vollgepackt mit guten Einstellungen.





Gustave Kervern



Wenn Sie mehr über Gustave Kervern erfahren wollen, empfehlen wir Ihnen das französische Buch De Groland au Grand soir. Es enthält Gespräche mit Gustave Kervern und Benoît Delépine, die Hervé Aubron und Emmanuel Burdeau mit ihnen geführt haben.
Empfehlenswert als Kervern-Lektüre ist auch Petits moments d'ivresse, ein Buch von Gustave Kervern und Stéphanie Pillonca mit einer Reihe interessanter Gespräche über Trunkenheit, mit Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde und vielen anderen.



















Erstellt: 17-11-10
Letzte Änderung: 15-11-12