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Cannes 2006 - Außer Konkurrenz - 17/09/08

Bamako

Ein Film von Abderrahmane Sissako


Ein Film über einen fiktiven, exemplarischen Prozess gegen den IWF und seine Darlehenspolitik gegenüber den Entwicklungsländern.
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

(2006, Mali – Frankreich, 1’55)
mit Aïssa Maïga, Tiécoura Traoré, Hélène Diarra…
ARTE-Koproduktion

Synopsis: Erdrückt von Schulden und bemüht, sich anzupassen, kämpft der afrikanische Kontinent ums Überleben. Angesichts der dramatischen Situation strengen Vertreter der Zivilgesellschaft eine Klage gegen die internationalen Institutionen an. Die Verhandlungen finden im Hof eines Hauses in Bamako statt, inmitten seiner Bewohner, die ihren Beschäftigungen nachgehen und die Debatte mehr oder weniger aufmerksam verfolgen. Unter ihnen sind auch Chaka und Melé. Sie ist Sängerin in einer Bar, er arbeitslos, und ihre Beziehung beginnt zu bröckeln.

Im Gespräch mit Abderrahmane Sissako


Kritik: Das Gefühl, schnell und umgehend handeln zu müssen, hat Abderrahmane Sissako zu diesem Film über einen fiktiven Prozess bewogen. Immer dringlicher wird die Notwendigkeit, im Namen all derer zu sprechen, die nicht die Möglichkeit haben, sich Gehör zu verschaffen. Dies kann durch die Verteidigung ihrer Interessen vor den Entscheidungsträgern geschehen oder aber durch ein weltweit beachtetes afrikanisches Kinofilmprojekt. Der Prozess spielt sich im Wesentlichen im Hof des Hauses von Sissakos Vater ab, in dem der Regisseur aufgewachsen ist. Das Haus ist Anziehungspunkt für dessen Cousins und Verwandten und eignet sich besonders als Schauplatz, weil es gleichzeitig einen Ort des Lebens sowie das brodelnde, oft widersprüchliche Afrika von heute wiederspiegelt.

Der Regisseur beschränkt sich jedoch nicht auf diese ungewöhnliche Szenerie, sondern zeigt daneben auch die gelegentliche Komik des Alltagslebens: Mitten in der Sitzung, im Angesicht der sich wüst beschimpfenden Anwälte, bemüht sich Chaka, einen Träger von Melés Kleid zu verknoten. Sissako will die juristischen Konventionen hier keineswegs banalisieren oder lächerlich machen, indem er die Sitzungen unter freiem Himmel stattfinden lässt und sie in den direkten Kontext des häuslichen Lebens einbettet. Vielmehr geht es ihm um die unmittelbare Verknüpfung von Alltagsleben und Situationen, die für gewöhnlich nur mit der gedämpften Atmosphäre eines Gerichtssaales assoziiert werden. Hier vermischen sich gewissermaßen demokratisch die Alltagsgeschäfte mit der sonst so exklusiven Aura der juristischen Sprache.

Diese Darstellungsweise hat also nichts Symbolhaftes, sondern zeigt das eigentlich Selbstverständliche. Der Film leidet auch nicht unter dem Eindruck, oftmals etwas überdeutlich sein zu wollen, denn das Bedürfnis, den Betroffenen angesichts der redegewandten, unnachgiebigen Juristen aus dem Westen eine gewisse Würde zurückzugeben, überwiegt. Das Auftreten letzterer wirkt jedoch weniger schematisch als gedacht. Dies ist vor allem der Bemühung zu verdanken, den Prozess um die Forderungen des afrikanischen Volkes an den allmächtigen IWF umfassend und vollständig darzustellen. Sissako macht deutlich, dass das geplünderte und geknebelte Afrika weniger ein Opfer seiner Armut als vielmehr seines Reichtums ist. In seinem Film „Bamako“ trifft er für seine triftige und überlegte Argumentationsführung genau den richtigen Ton zwischen wohl taxierter Unhöflichkeit und verbalen erhobenen Fäusten.

Julien Welter

Erstellt: 23-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08