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27/11/03

Backstage - Acidhouse

Ausstrahlung am Freitag, den 28. November 2003 um 19.00 Uhr
Redaktion: BR, Kobalt

Backstage - Acidhouse
Die Bildmatte zum neuen Track “Freak" von Mark Bell zeigt brave japanische Schulmädchen beim Fratzenpogo. Der Song läßt die Urform elektronischer Musik wieder aufleben, den Acid House. Von den rohen Klängen der Raveanfänge Ende der Achtziger ist auch der Londoner Star-DJ Luke Vibert verzaubert. Sein Video “ I Love Acid" ist eine Hommage an den Sound der End-80er. Sogar das Smiley-Symbol der frühen Raver läßt er wieder auferstehen. Zur Präsentation seines neuen Albums brannten 2000 Kids darauf, diesen Sound endlich wieder zu hören. Der Londoner Coronet-Club war ausverkauft wie in alten Säurezeiten. Die Musik von Vibert und Mark Bell erscheint auf dem englischen Kultlabel Warp. Warp entstand im Zuge der Acid House Bewegung und hat seitdem ein feines Näschen für neue Trends in der elektronischen Musik. Für Labelmanager Greg Eden ist das Revival nur logisch.

Acid-House hat als einziger Musikstil seinen Ursprung in einer schwarzen Kiste: Der Bass-Maschine TB-303. Sie war auf dem Markt ein Flopp, bis drei Chicagoer DJ`s damit experimentierten. Acid-House war geboren. Der neue Sound schwappte schnell nach England. Auch Acid-Legende und DJ A guy called Gerald, war vernarrt in den Kasten.
Mindestens genauso komisch müssen 1988 die Kids gewirkt haben, die das ochenende zum exzessiven Tanzen nutzten. Binnen Monaten wurden aus privaten Parties Massenveranstaltungen, die Zehntausende Feierwütige anzogen. So eine Bewegung hatte England seit Punk noch nicht gesehen. Die Yellow-Press lief Sturm, bezeichnete die Raver als “Acid-House-Verbrecher". Das rief die Polizei auf den Plan. Die Raves wurden sogar per Gesetz verboten. Auch das Party-Establishment war verunsichert, denn die Raver zelebrierten ein neues Gemeinschaftsgefühl und beendeten die nihilistischen Achtziger.

Das kleine Londoner Label Front Room Recordings veröffentlicht Musik, die von dieser Zeit inspiriert ist. Für das Spiel mit der Vergangenheit werden Jesse und Trevor sogar von Trend-Zaren wie der Zeitschrift The Face gefeiert.

Jesse Rose
Wenn man von einer Musik angezogen wird, zu der man auch eine Beziehung haben kann, liebt man sie. Acid-House ist eine Musik für Leute, die nicht konform sind, die einfach nur ihren Spaß haben wollen. Dafür muss man nicht dem Massengeschmack entsprechen. Wir wollen einfach unser Ding auf unsere Art machen.

Diese Idee des Acid-House ist aktueller denn je. Denn die Musikkrise hat sogar die Clubs erreicht. Im letzten Jahr schlossen mit "Cream ", “Home" und dem "Gate Crasher" drei Vorzeigetanzhallen Londons. Riesige Massenabfertigung ist out. Die Szene sucht sich wieder ihre Nischen. Auch Leon Oakey vom House-Label Classic schwört mit seinen Kumpels von Front Room auf die Schlichtheit des Vergangenen.

Leon Oakey
Dass all die Riesenclubs schließen ist ganz symptomatisch. Es gibt immer mehr Clubs in Kellern weil auch die Szene kleiner wird. Die ganze Szene war viel zu groß geworden und zu kommerziell. Platten verkaufen sich nicht mehr. Leute, die mit den Clubs nur Geld verdienen wollten sind Pleite gegangen und hauen ab. Darum geht es wieder zurück in den Untergrund.

Im Club Telegraph standen schon The Clash und Basement Jaxx - als sie noch Nonames waren - auf der Bühne. Heute werden die alten Acid-House-Tracks gefeiert. A Guy Called Gerald kann zu seinem Uralthit “Voodoo Ray" wieder die Clubber in Extase versetzen.
Bedenklicher Nebeneffekt: Pünktlich zum Comeback des Acid-Sounds kommt auch Acid, die Droge dieser Zeit wieder auf den Markt. Aber auch ohne Halluzinationen sind die Smileys nicht mehr zu stoppen. Acid-House ist gerade mal 18 Jahre alt und damit ein Revival bei dem Eltern und Kids gemeinsam abfeiern können.

>> Luke Vibert
>> Mark Bell
>> Front Room Recordings
>> A Guy Called Gerald

Erstellt: 27-05-04
Letzte Änderung: 27-11-03


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