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FILM - 19/05/09

BARBARA AUER – WAS WIRKLICH ZÄHLT

Für Barbara Auer kommt erst das Leben und dann der Film. Das ARTE Magazin traf die Schauspielerin, die deutschen Filmen seit Jahren ein Gesicht gibt und doch nie ein Star sein wollte. Ein Interview.

Über starke Frauen, Bungee-Jumping und Einsamkeit: Barbara Auer hat viel erlebt in ihrem Beruf – im Interview mit dem ARTE Magazin überrascht die Schauspielerin mit einem erfrischend bodenständigen Blick auf ihr Metier, ihr Leben und die junge Schauspielergeneration. Obwohl sie mit renommierten Regisseuren wie Margarethe von Trotta oder Christian Petzold drehte, sind ihr Starallüren fern. ARTE zeigt sie in „Der Liebeswunsch“ nach einem Roman von Dieter Wellershoff.

ARTE: In „Der Liebeswunsch“ spielen Sie eine 50-jährige Frau, die für eine Jüngere sitzen gelassen
wird …
Barbara Auer: … also der Klassiker.
ARTE: Wie stehen Sie dazu?
Barbara Auer: Der Klassiker ist etwas, was mir als Schauspielerin in meinem Alter häufiger begegnet. Die Betrogene. Ich bin nicht mehr diejenige, für die Männer Frau und Kind verlassen. Das finde ich auch nicht schlimm.
ARTE: Wie ist es für Sie, mit jungen Schauspielerinnen wie Jessica Schwarz zusammenzuarbeiten, die Ihnen in „Der Liebeswunsch“ den Mann ausspannt?
Barbara Auer: Jessica ist etwas ganz Besonderes. Sie war Moderatorin beim Kölner Musiksender Viva, bevor sie ihre Schauspielkarriere begann – nicht jede kann moderieren und dann schauspielern. Ich hingegen habe einen klassischen Weg gewählt, bin an die Schauspielschule und ans Theater gegangen, habe einen gradlinigen, vielleicht braven Weg beschritten.
ARTE: Inwiefern brav?
Barbara Auer: Jessica Schwarz hat ganz andere Ansätze als ich. Vielleicht kann man gerade deshalb so herrlich mit ihr zusammen spielen. Sie traut sich Dinge und geht mit einer Leichtigkeit an die Arbeit heran, die ich mit meinem klassischen Werdegang nicht habe.
ARTE: Haben sich die Rollen für ältere Frauen im Fernsehen heute geändert – und wenn ja, inwiefern?
Barbara Auer: Ich glaube, dass Frauen um die 50 heute nicht unbedingt als alt wahrgenommen werden. Es gibt nicht mehr nur Geschichten von älteren Männern mit jungen Frauen, sondern auch von älteren Frauen mit jungen Männern. Das ist kein Tabu mehr, sondern kann eine starke Frau sogar auszeichnen. Insgesamt sind die Figuren interessanter geworden als früher, obwohl es immer noch zu wenige gibt. Man kann also nicht unbedingt sagen: Jetzt kommen die 50-Jährigen!

DER LIEBESWUNSCH
FR • 5.6. • 21.00

ARTE: Haben sich die Arbeitsbedingungen im Vergleich zu Ihren ersten Dreherfahrungen verändert?
Barbara Auer: Die haben sich eklatant verändert. Als ich anfing, hatten wir noch 29 Drehtage pro Fernsehfilm. Jetzt sind es, wenn man Glück hat, 25, wenn man Pech hat, 20. Es wird gespart, und wir wissen alle nicht, welche Folgen die derzeitige Wirtschaftskrise haben wird. Das geht auf die Qualität und auf die Knochen.
ARTE: Sie sind seit Jahren fester Bestandteil des deutschen Fernsehens – haben Sie es geprägt?
Barbara Auer: Ich kann nicht sagen, den Film mitgeprägt zu haben. Ich habe ihn begleitet und er hat mich begleitet – aber ich glaube beispielsweise nicht, dass die Leute mein Gesicht auf Anhieb erkennen …
ARTE: Stört Sie das?
Barbara Auer: Nein, das ist wunderbar! Das gibt mir Freiheit. Auch das Alter gibt diese Freiheit, dass ich mich mehr um mich selbst kümmern kann, auch wieder die anderen Leute beobachten kann.
ARTE: Leute beobachten?
Barbara Auer: Man steht nicht mehr so sehr selbst unter Beobachtung, sondern kann zurückgucken. Was auch in Ihrem Beruf als Journalistin wichtig ist. Wenn man über Menschen schreibt wie Sie oder Menschen darstellt wie ich, muss man bei anderen genau hinschauen.
ARTE: Auf welche Qualität schauen Sie besonders bei einem Regisseur?
Barbara Auer: Ich finde es gut, wenn die eigene Vorstellungskraft gesprengt wird und sich neue Wege auftun. Ich bin ein eher ängstlicher Mensch, habe noch nie das Bedürfnis gehabt, mich an einem Bungee-Seil vom Turm zu stürzen. Es gibt Regisseure, die einen beim Drehen verunsichern, mit Grenzen konfrontieren. Wenn man versucht, auszuweichen, sagen manche: Nein, jetzt gucken wir uns das genau an. Und sie lassen einen dabei nicht allein. Es war mir immer wichtig, mit Regisseuren zu arbeiten, deren Arbeit ich schätze. Bei solchen Regisseuren spiele ich lieber eine kleine Rolle als eine große bei jemandem, der mich nicht interessiert.
ARTE: Sollte ein Film den Zuschauer genauso aufwühlen wie ein Regisseur Sie bei den Dreharbeiten?
Barbara Auer: Ich glaube nicht, dass Filme die Gesellschaft verändern können. Aber es ist ganz wichtig, Menschen zu unterhalten. Wenn ein Film wie Geschichtsunterricht daherkommt, finde ich das langweilig.
ARTE: Also ist Unterhaltung am wichtigsten?
Barbara Auer: Es hängt vielleicht einfach vom Anspruch ab. Was erwarte ich von einem Film? Es gibt Filme, die einen noch am nächsten Tag beim Aufwachen begleiten. Sie tun gut, tragen einen über Lebenssituationen hinweg. Das ist schon ziemlich viel. Vielleicht erwarten wir auch von allem zu viel. So wie man immer die große Liebe, den großen Wurf anstrebt, aber die kleinen Dinge übersieht. Das Tolle am Kino ist dieses kollektive Erleben, wenn man mit vielen Menschen im Kinosaal sitzt. Das ist etwas ganz Besonderes, das man nicht unterschätzen darf. Ja, vielleicht verändert Film in diesem Sinne ein wenig die Welt. Der Film macht einen nicht zu einem besseren Menschen, aber glücklich. Er gibt einem für Momente das Gefühl, nicht alleine zu sein.
ARTE: Ist die Schauspielerei ein einsamer Beruf?
Barbara Auer: Ja, und es ist ein Beruf zwischen zwei Polen. Einerseits steht man in der Öffentlichkeit und wird zur Projektionsfläche. Andererseits wirft einen die Schauspielerei immer wieder auf sich selbst zurück. Man kreiert zwar eine fremde Figur, gibt aber immer auch Teile von sich preis.
ARTE: Momentan stehen Sie für „Nachtschicht“ vor der Kamera – eine unkonventionelle Krimireihe, bei der nicht die Lösung eines Falls, sondern die Charaktere im Mittelpunkt stehen. Was gefällt Ihnen an dem Projekt?
Barbara Auer: Eigentlich wollte ich nicht in einer Serie spielen, das erschien mir langweilig. Aber die Krimis von Lars Becker sind Kult. Sie sind nie politisch korrekt, sie machen etwas mit dem Zuschauer: Plötzlich findet man sich auf der falschen Seite wieder und sympathisiert mit dem, der eigentlich der Böse ist. Das Leben ist nicht immer schwarz-weiß, schlecht-gut, es wird im Film aber oft so dargestellt. Und in „Nachtschicht“ ist es eben anders, das finde ich spannend.
ARTE: Sie spielen viel deutsche Zeitgeschichte, so im ZDF-Dreiteiler „Die Wölfe“ oder in Christian Petzolds „Die innere Sicherheit“. Ist Ihnen das wichtig?
Barbara Auer: Nein. Wichtig sind mir nur Dinge, die mich persönlich interessieren. Ich war da immer sehr egoistisch. Natürlich finde ich es spannend, an einem Projekt zum Mauerfall wie „Die Wölfe“ mitzuwirken. Aber eine Rolle nur ihrer politischen Brisanz wegen zu spielen – das wäre mir zu wenig. In diesem Fall hat mich die Geschichte dieser Frau fasziniert: Lotte, die glaubt, im falschen Leben zu sein. Was ein Lebensthema mancher 50-Jähriger ist – ich bin selbst gerade 50 geworden.
ARTE: Haben Sie jemals geglaubt, im falschen Leben zu sein; es bereut, Schauspielerin geworden zu sein?
Barbara Auer: Nein. Aber manchmal vermisse ich den sozialen Aspekt, mehr für andere tun zu können. Der Beruf gibt mir zwar viel, aber man muss Spaß daran haben und darf nicht alles vom Erfolg abhängig machen – oder dem Wunsch, berühmt zu sein. Wenn die Menschen einen feiern, ist das natürlich etwas ganz Besonderes. Aber es ist auf Dauer keine Seelennahrung. Das wahre Leben erfüllt viel mehr.



DAS INTERVIEW FÜHRTE DIANA AUST


ARTE PLUS


Filmografie Barbara Auer (Auswahl):
„Effi Briest“ (2009), „Die Wölfe“ (2009), „Krupp – Eine deutsche Familie“ (2009), „Warten auf Angelina“ (2008), „Yella“ (2007), „Eine gute Mutter“ (2007), „Ich bin die Andere“ (2006), „Der Liebeswunsch“ (2006), „Schiller“ (2005), „Die innere Sicherheit“ (2000), „Solo für Klarinette“ (1998), „Nikolaikirche“ (1995), „Der große Abgang“ (1995), „Meine Tochter gehört mir“ (1992), „Der Boss aus dem Westen“ (1988), „Die Macht der Gefühle“ (1983)


Erstellt: Tue Dec 09 00:00:00 CET 2008
Letzte Änderung: Tue May 19 15:17:35 CEST 2009