Bei meinen Recherchen habe ich den Eindruck gewonnen, dass mehr Frauen spielsüchtig sind als Männer. Das sind ganz traurige Figuren, die regelrecht in den Casinos rumhängen: Beginnend bei Black-Jack-Tischen und Roulette bis hin zu den einarmigen Banditen in den Automatenspielhallen. Sie sind oft auch durch anderes Suchtverhalten geprägt, wie z. B. sehr starkes Rauchen. Man findet allerdings selten, dass die Leute viel Alkohol trinken. Spielsucht ist auch, das ist bei den Recherchen deutlich geworden, eine der wenigen Suchtform, die in jedem Alter bei Menschen ausbrechen können. Da ist niemand davor gefeit, weder von der sozialen Herkunft noch vom Alter her, es kann jeden überfallen.
Zu den Typika der Spielsucht gehört es, dass die Krankheitsgeschichte meist anfängt mit einem großen Gewinn. Jemand geht mehr oder weniger aus Spaß mit 200,- EUR ins Casino und sagt, die verspiel ich, und kommt dann mit mehreren tausend Euro heraus. Dann sagt sich irgend ein Suchtmechanismus im Unterbewusstsein: Warum kann das nicht noch einmal passieren? Dann geht es los, und es endet meist in extremer Verarmung und in extremer persönlicher und psychologischer Verwahrlosung.
Ihre Figur hat auch sehr spät damit angefangen, erst durch die Begegnung mit dem Unbekannten im Hotel, der sie dazu veranlasste, an ihrem angeblichen Glückstag zu spielen, verfiel sie dem Spiel. Wann, würden Sie sagen, merkt man, dass man der Spielsucht verfallen ist?
Man merkt es, wenn sich die Gedanken nur noch um dieses Thema drehen. Wenn außer „rouge et noir“ oder „passe/impasse“, nichts mehr eine Rolle spielt. Wenn man nicht mehr darauf verzichten kann, irgendwo sein Spielglück zu suchen. Es gibt ganz unterschiedliche Suchtspielerpersönlichkeiten. Doch die meisten zocken auch in allen möglichen anderen Bereichen. Sie spielen dann beispielsweise Toto-Lotto nebenbei, oder dass sie Sportwetten machen und ins Casino gehen. Sie schließen auch im Privatleben gerne Wetten ab gegen Geld. Das sind regelrechte Zockerpersönlichkeiten.Es gibt die normalen Casinos, die staatliche lizenziert sind. Dort kann man gesperrt werden oder man kann sich sogar selbst sperren lassen. Gehen diese Leute dann in illegale Spielclubs?
Zunächst ist es so, dass der Staat die Casinos bei uns nicht lizenziert, sondern selbst betreibt. Das ist ein sehr großes Problem, denn der Staat verdient am Verlust der Leute. Ich halte es für unverantwortlich, dass man Werbung für Spielcasinos zulässt. Die Scheinheiligkeit geht soweit, dass in einigen Casinos Bürger der jeweiligen Stadt nicht spielen dürfen, weil sie dort unter Umständen Hartz IV-Opfer werden könnten und damit der Stadtkasse zur Last fallen könnten. Man kann sich freiwillig sperren lassen, das stimmt. Diese Sperre wirkt sich aus auf alle Casinos in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber in Frankreich und Benelux ist das Spiel weiterhin leicht zu machen. Es gibt auch Schiffe, die von der deutschen Nordseeküste ablegen, und die, ähnlich wie bei Butterfahrten, das Automatenspiel anbieten. All das ist möglich. Das heißt, der wirklich süchtige Spieler wird durch eine selbstauferlegte Sperre nur sehr begrenzt daran gehindert, sein Geld zum Fenster rauszuwerfen.
Dazu kommt natürlich ein Netz von illegalen Spielcasinos. In die illegalen Spielcasinos reinzukommen ist sehr schwer. Mir ist es nicht gelungen. Es kursieren unter den Junkies Handynummern. Diese Handynummern, werden so genutzt, dass man dort anruft und auf die Mailbox spricht und eine kleine Rückrufnummer angibt. Man wird zurückgerufen und der betreffende „Betreiber“ macht ein Kennwort aus und gibt die Adresse bekannt. Das sind meistens fliegende Veranstaltungen, die in leeren Wohnungen oder leeren Büros stattfinden, oft nur für wenige Tage, manchmal auch drei oder vier Wochen, und in die man nur hineinkommt, wenn man gute Beziehungen innerhalb der süchtigen Spielerschaft hat, weil die keinerlei Interesse haben, dass diese Clubs auffliegen, denn das ist oft deren letzte Chance. Ich habe es mir beschreiben lassen, von Leuten, die in diesen Clubs verkehren, dass es freizügig Alkohol gibt, ohne dass man etwas dafür bezahlen muss. Das nimmt bekanntlich die Hemmungen. Außerdem sind die Einsatz- und Gewinnrelationen schlechter. Das heißt, dass teilweise auch das Personal betrügt. Das sind die Gerüchte, die herum kursieren.
Die meisten Suchtspieler, mit denen ich gesprochen habe, sind der Überzeugung, dass die legalen Casinos teurer sind, das heißt der Gewinn fällt kleiner aus, doch dafür werden sie insgesamt reell betrieben. Der Spieler begreift das staatlich betriebene Casino als seinen einzigen Feind. Die Angestellten dort aber nicht, denn sie leben von den Chips, die sie von ihren Spielern bekommen.
Wieweit haben Sie sich bei Ihrer Geschichte von Dostojewskis Roman „Der Spieler“ inspirieren und beeinflussen lassen?
Dostojewski war selbst spielsüchtig. Er hat dementsprechend genau gewusst, worüber er schreibt. Dostojewski ist außerdem ein meisterhafter Schriftsteller, dem man gerne mal in die Arbeit schaut. Das Werk ist frei, man kann es also bearbeiten. Die Grundzüge meiner Geschichte entsprechen auch der Geschichte von Dostojewski. Deswegen heißt es auch nach Motiven des Romans „Der Spieler“ von Dostojewski. In meinem Fall wird ein Frau von jemanden, den sie liebt, gebeten, für ihn zu spielen. Es kommt zu diesem ersten großen Gewinn. Sie wird selbst in die Spielsucht reingerissen und kommt nicht davon weg. Die Schlussdialoge in meinem Film sind zum Teil wörtlich aus dem Roman übernommen und einfach modernisiert. Wenn es bei Dostojewski zum Beispiel heißt: „Zeitung und Nachrichten spielen keine Rolle“ dann habe ich geschrieben „Zeitung und Fernsehen spielen keine Rolle.“ Von diesen kleinen Modernisierungen abgesehen sind es zum Teil die Originaldialoge aus dem Roman. Am Schluss, wo die Spielerpersönlichkeit bei Polina, die auch bei Dostojewski so heißt, zum Vorschein kommt, da denke ich, passen die Texte auch sehr gut und sind von Hannelore Elsner wunderbar gesprochen. Man merkt gar nicht, dass die Texte hundert Jahre alt sind.
Wieder ein starke, dramatische Rolle für Hannelore Elsner. Haben Sie beim Schreiben schon an sie gedacht für die Hauptrolle?
Das war sogar die Vorgabe, dass Hannelore Elsner die Rolle spielen soll. Es wurde am Anfang besprochen und festgelegt. Es war sogar so, dass ich mit Hannelore Elsner über den Stoff im Auftrage des Sender gesprochen habe und sie gefragt habe, ob sie ein Interesse daran hat, diese Figur zu spielen. Ich habe ihr die Idee geschildert, und sie war von Anfang an informiert, und hat es mit großem Interesse verfolgt und - wie man auch sieht - meisterhaft gespielt.
Während den Recherchen zu diesem Drehbuch, haben Sie selbst mal Anzeichen verspürt, gefährdet zu sein, also unter Umständen der Spielsucht verfallen zu können?
Ich habe noch nie in meinem Leben einen Cent gesetzt und ich werde auch keinen setzen. Ich glaube, dieses Selbstexperiment ist nicht notwendig. Ich will nicht sagen, dass ich eine Suchtpersönlichkeit bin. Aber ich habe es als abstoßend empfunden, diese menschlichen Wracks, die in diesen vom Ambiente her doch teilweise sehr schick ausgestatteten Casinos rumhängen. Diese Erfahrung wollte ich mir nicht geben, denn als Autor ist man zum Glück in einer vernünftigeren und besseren Position, indem man es von außen, aus der Distanz beobachtet.-----------------------------------------
Mehr zu Fred Breinersdorfer: http://www.breinersdorfer.com
Interview: Thomas Neuhauser / ARTE






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