Kritik: „Aus der Tiefe des Raumes“ – so heißt auch die Biografie von Deutschlands neben Franz Beckenbauer wohl bis heute elegantesten Fußballers: Günther Netzer. Dass der heutige Multimillionär, Fußballrechtevermarkter und Fernseh-Gelegenheitskommentator aber einen Werdegang hinter sich hat, die eher an Golem und andere künstliche, von ungeschickter Menschenhand gekreuzte Wesen erinnert, denn an einen redlich rackernden Fußballaufsteiger, behauptet gänzlich unbekümmert der deutsch-türkische Theaterregisseur Gil Mehmert in seinem Spielfilmdebüt. In der nordrhein-westfälischen Provinz treibt das Wirtschaftswunder gerade erste zarte Wohlstandsblüten, wie die Hingabe einer eingeschworenen Fangemeinde an das Tischfußballspiel und die liebevolle Pflege des dazugehörigen Blei- oder Blechfußballerinventars. Genauso liebevoll haben Mehmert, seine Ausstatter, Kostüm- und Maskenbildner sowie Filmmusiker die verklemmte Adoleszenzphase der frühen Bundesrepublik zwischen Petticoat und Karman Ghia wiederauferstehen lassen. Die Besessenheit seines verklemmten Hauptdarstellers, der sich anstelle seiner ersten Liebe für seine ‚Nummer 10’ entscheidet, überträgt sich von der Leinwand auf den Zuschauer, so dass die ebenso unglaubwürdigen wie umständlich ausgebreiteten Erklärungsversuche für die chemisch verursachte Menschenwerdung des Tippkickfußballers gerne billigend in Kauf genommen werden. Da steht er nun, der mannshohe Tischfußballer und muss wie ein Wiedergänger des Caspar Hauser Essen, Sprechen und menschliche Umgangsformen lernen. Aber die Liebe seines „Vatis“ und allerhand absurde (und nicht immer komische) Zufälle (aus dem Trainerbefehl „Netz her“ wird der Nachname „Netzer“) bewahren ihn vor der Entdeckung seine Geheimnisses.
Leider gerät der Plot um den Roboterkicker in der Folge immer mehr ins Stocken. Anstatt die Schlaglichter seiner Geschichte auf die genialischen Qualitäten seines Standfußballers zu richten und parallel dazu die gesellschaftlichen Hintergründe der 60er-Jahre-BRD auszuleuchten, vor dem das Ausnahmetalent zum Nationalhelden heranreifen konnte, verzettelt sich Mehmert mit seinem Vorhaben, seine Geschichte als Komödie erzählen zu wollen, in der es vor allem um die Frage geht, wie der Tischfußballer unerkannt bleiben kann und sein Ziehvater den Spagat zwischen Arbeit, Liebe und „Baby“ hinbekommt. Dies ist vielleicht auch, aber nicht nur ein Budgetproblem. Allzu steif hält Mehmert an seinem holprigen Drehbuchtext fest, dessen fader Wortwitz und dramatische Wendungen kaum für einen Langfilm ausreichen. Zudem fehlt es seiner Komödie an Tempo und Rhythmus. Das Geheimnis um die wahre Identität Günther Netzers wäre wohl doch besser in einem Kurzfilm gelüftet worden.
Martin Rosefeldt






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