Auch in der heutigen Verhaltungsforschung sind kognitive Modelle für das Erforschen von "Tiersprachen" en vogue, und auch abseits der Ethologie hat sich dank Informatik unter dem Namen Artificial Life eine ganze Richtung etabliert, die über mathematische Algorithmen Lebensmodelle errechnet. Auch Kenneth Rinaldo beruft sich auf diese Entwicklung und auf einen ihrer wichtigsten Theoretiker, Christopher Langton. Kernfrage ist hier, welche autonomen Verhaltensmuster, emergent behavior, intelligente Automaten entwickeln können, die den Charakteristika von "Leben" entsprechen. Einige Künstleringenieure wie Louis Bec oder Natalie Jeremijenko bauen ebenfalls Roboter, mittels derer Tier, Mensch und Maschine über die 'Artengrenzen' hinweg kommunizieren können.
Rinaldos interaktive Installation will gar nicht spektakulär wie die Automaten von damals sein, sondern via Robotik die durchaus komplexe Kommunikation von Fischen untereinander veranschaulichen. Das erfordert Zeit, Muße und Interesse. In "Augmented Fish Reality" schwimmt je ein siamesischer Kampffisch in einem Goldfischglas, das auf einem rollenden Sockel steht. In jedem Aquarium erfassen vier eingebaute Infrarotsensoren die Bewegungen der Fische und setzen sie in Bewegungen der Sockel um. Die Fische können sich so nicht nur im Aquarium selbst bewegen, sondern lernen, im Raum umherzufahren. Schwimmt der Fisch zum Rand des Aquariums, so aktiviert er die motorisierten Räder. Siamesische Kampffische hat Rinaldo schon in früheren Installationen eingesetzt. "Sie haben exzellente Augen und weisen einen hohen Grad an sozialer Organisation auf." So sollen sie zum Beispiel trotz der Konkurrenz untereinander bei der Ausschau nach Raubfischen und Beute zusammenarbeiten. Statt die Fische in einem gemeinsamen Glas gegenander kämpfen zu lassen, sollen die rollenden Aquarien Droh- und Fluchtgebärden sichtbar machen. Die einzige "Interaktion" zwischen Fischen und Besuchern besteht darin, dass via Mini-Kameras die Umgebung aus der Perspektive der Fische auf eine Leinwand projiziert wird und als eine "intersubjektive" Beobachtungssituation erscheint, bei der man sich selbst aus dem Aquarium heraus sehen kann; so wie es auch in den bio-telematischen Medienkunstarbeiten des brasilianischen Künstlers Eduardo Kac geschieht.
Nun ist Kenneth Rinaldo vor allem durch seine international gezeigte Arbeit Autopoiesis bekannt geworden, die auf der Ars Electronica 2001 zu sehen war, und die aus einer "künstlich-lebendigen" Serie von Robotern besteht, die mit dem Besucher interagieren und je nach Präsenz der Mitspieler ihre Position ändern. Den Begriff Autopoiesis hat Rinaldo von den Theoretikern Francisco Varela und Humberto Maturana übernommen: Selbstschöpfung, das Charakteristikum lebender Systeme. Die aus Cabernet-Sauvignon-Reben gefertigten Roboterskulpturen kommunizieren untereinander und entwickeln Feedback zum Publikum, das wie von Hunden umschnüffelt und begleitet wird. Es entsteht eine skulpturale Gruppenästhetik, ein "kybernetisches Ballett aus Erfahrung", wie Rinaldo es beschreibt, "wobei die Computer/Maschinen und die Teilnehmer einen gemeinsamen großen Tanz aus gegenseitigem Fühlen und Reagieren tanzen." Vielleicht sind nun die durch zügellose Interaktivität verwöhnten Ars Electronica-Besucher durch diesen Tanz, bei dem der Besucher eine Hauptrolle spielen darf, konditionniert? Inwieweit ist der digitalkunstinteressierte Homo Faber Opfer seines anthropozentrischen Installationskunstkonsums? Schon sporadische Beobachtungen im Ausstellungsraum von "Augmented Fish Reality" zeigen, dass kaum jemand zu einer kontemplativen Auseinandersetzung mit dieser Kommunikationssituation, in der der Zuschauer einmal keine Hauptrolle spielt, in der Lage ist. Vielmehr besteht ein menschlich allzumenschlicher Drang, durch seine unerhebliche Präsenz zu versuchen, die Fische wie Descartes-sche Tamagotchis hin- und her zu chauffieren, indem nahe der Glaswände Grimassen geschnitten oder Gesten vollführt werden, wenn es schon keine Knöpfchen zu drücken gibt. So ist im Installationsraum von Kenneth Rinaldo auch, und vor allem, das Beobachten des Homo Sapiens ein Wahrnehmungsgenuss.
Augmented Fish Reality - Ken Rinaldo
Award of Distinction Interactive Art
>> Kenneth Rinaldo - http://accad.osu.edu/~rinaldo/
Bis zum 19. September 2004 im OK Zentrum - Linz
>> http://www.ok-centrum.at/
Bis zum 07. November 2004 bei der "Biennale of Electronic Arts" in Perth - Australien
>> http://www.beap.org
Autopoiesis bei der Transmediale
>> Artikel lesen
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Kultur Digital
September 2004
Ars Electronica 2004
Bericht: Jens Hauser
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