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ARTE Journal, August 2010 - 28/09/10

Auf den Spuren der Mythen: Die Kulturkarawane in den Kaukasus

Interview mit der Dokumentarfilmerin Mylène Sauloy zum Projekt "Babel Caucase"


Ein Gebirge, eine Region, eine reiche Geschichte, eine oft grausame Geschichte. Von der Vielfalt des Kaukasus ist Mylène Sauloy schon lange fasziniert. Bekannt für ihre engagierte und furchtlose Arbeit ist die Dokumentarfilmerin spätestens seit dem Tschetschenien-Konflikt. Für ARTE-Journal beschreibt sie, was "Babel Caucase" für sie bedeutet und was die ARTE-Zuschauer von der zweiten Karawane Richtung Osten erwarten dürfen.

Claire Stephan für ARTE Journal:
Mylène, Sie bereiten sich gerade auf Ihre nächste Reise mit der Karawane „Babel Caucase“ vor. Diese Reise ist die Fortsetzung eines großen Abenteuers in Sachen Kultur, Freundschaft und Politik, das 2007 seinen Anfang nahm.

Mylène Sauloy:
Ja, es ist eine neue Karawane, die aber vom gleichen Geist geprägt ist wie die erste 2007. Es geht uns um den Reichtum dieser Welt, um das Recht auf Kultur für Minderheiten, um die Schönheit und Vielfalt des Kaukasus. Außerdem widmen wir sie den Menschen, die in Kriegsgebieten leben. Die Karawane unterscheidet sich aber von der ersten, weil es eine Kino-Karawane ist. Wir machen uns auf den Weg, um mit den Menschen einen Film zu drehen. Wir wollen die Leute wiedertreffen, denen wir vor drei Jahren begegnet sind. Wir wollen ihnen den Film zeigen, den wir damals über die erste Karawane drehten, und die Bücher, die über unsere gemeinsamen Erlebnisse entstanden sind. Wir wollen mit ihnen einen Film über die Mythen des Kaukasus drehen.

ARTE Journal:
Diesmal haben Sie nicht das Ziel, Grosny zu erreichen – das uneinnehmbare Babel, das von den russischen Behörden abgeriegelt wurde. Stattdessen wollen Sie die Mythen des Kaukasus bekannt machen. Davon gehören viele zur europäischen Kulturgeschichte.

Mylène Sauloy:
Ich möchte trotzdem noch etwas zu Grosny sagen. Wir verzichten auf Grosny, weil das viele Kompromisse mit der herrschenden Regierung bedeutet hätte. Es ist die Regierung eines kleinen, psychopathischen Diktators, Ramsan Kadyrow, der von Moskau eingesetzt wurde. Wir tun es aber auch deshalb, weil die Menschen, die damals bei der ersten Karawane 2007 die Grosny-Etappe organisierten, nun ganz große Probleme haben.

Die Lage hat sich sehr verändert. Die eine Organisatorin war Rayana Sadulajeva, eine Freundin, die eine Hilfsorganisation namens „Spassjom pokolenije“ - zu deutsch „Rettet die nächste Generation“ leitete. Der Name spricht für sich, die Organisation rettete Kinder, die Minenopfer geworden waren. Auch Rayana wurde vor genau einem Jahr ermordet. Sie war unsere Kooperationspartnerin in Grosny. Unser zweiter Partner war der Leiter einer Kindertanztruppe in Grosny, die der Grund für die erste Karawane war. Er wurde buchstäblich zur Zusammenarbeit mit der Regierung verdonnert, sonst hätte er gehen müssen. Er will Tschetschenien aber nicht verlassen. Deshalb verzichteten wir auf Tschetschenien und gehen stattdessen nach Georgien, in Konfliktgebiete, in die die Bevölkerung durch den Krieg und die jüngsten russischen Einmärsche vertrieben wurde. Wir behalten zwar den Geist der Karawane bei, dass wir uns kulturell solidarisch mit Minderheiten zeigen, die in vergessenen Kriegs- oder Konfliktsituationen leben, aber es ist eine andere Karawane.

ARTE Journal:
Ist dieser kulturelle Streifzug durch den Kaukasus auch Tschetschenien gewidmet? Sie können zwar nicht dorthin, aber in welcher Form spielt Tschetschenien eine Rolle für das Projekt?

Mylène Sauloy:
Tschetschenien nimmt einen großen Platz in unserem Herzen ein, wir engagieren uns seit vielen Jahren für das Land. Wir versuchen schon sehr lange, eine Brücke der Kultur und Solidarität nach Tschetschenien zu schlagen, mit den Künstlern dort zusammen zu arbeiten, Künstler von hier dorthin zu entsenden und die Verbindung aufrecht zu erhalten. Deswegen machen wir lange Station im Pankissi-Tal. Das Pankissi-Tal liegt im Hochkaukasus, an der Grenze zu Georgien. Die Tschetschenen haben sich seit dem Beginn der Eroberung des Kaukasus durch Katharina die Große dorthin geflüchtet. Sie kamen in mehreren Wellen dort an, und heute nennt man sie „Kissi“. Sie stammen aus Tschetschenien, aber jetzt sind sie Georgier. Auch während der aktuellen Konflikte gingen einige Tschetschenen dorthin. Dies ist für uns also eine wichtige Station. Es leben noch sehr viele Tschetschenen im Pankissi-Tal, Flüchtlinge aus mehreren Epochen. Ein Projekt dort schwebt uns schon lange vor. Wir greifen die Vorstellung auf, dass die Tschetschenen von den Amazonen abstammen. Diese Etappe ist ganz den Amazonen und ihrem Drang nach Freiheit gewidmet, den die Tschetschenen geerbt haben.

ARTE Journal:
Die kaukasische Mythologie ist besonders umfangreich, weil im Kaukasus viele Kulturen und Religionen ihren Platz haben. Worauf werden Sie Ihren Schwerpunkt legen?

Mylène Sauloy:
Wir greifen nicht auf die Religionen, sondern nur auf die Mythen zurück. Eine ganze Reihe davon ist uns vertraut, weil es römische und griechische Mythen sind. Geographisch sind diese Mythen im Kaukasus angesiedelt, zum Beispiel der von Prometheus, von dessen Leber jeden Abend ein Adler fraß, weil er den Menschen das Feuer gebracht hatte – er ist an einen Felsen des Kaukasus gekettet.

Mit unserer ersten Karawane waren wir in Lik Riani. Diesmal kehren wir dorthin zurück und wandeln auf den Spuren der Gog und Magog. Ihretwegen wurde die eiserne Pforte von Derbent geschlossen. Derbent befindet sich in Dagestan.

Die Arche Noah soll in Armenien gestrandet sein, auch wenn der Berg Ararat nun offiziell zur Türkei gehört. Doch in der Seele der Menschen ist der Ararat ein armenischer Berg, und dort lief die Arche Noah auf Grund.

Bei unserer Mythensuche gehen wir von der Geschichte von Jason und den Argonauten aus. Sie gefällt uns, weil Jason und die Argonauten in Griechenland aufbrachen, um das Goldene Vlies zurück zu holen. Es geht also darum, dem Volk einen Schatz zurückzubringen. Das Goldene Vlies befindet sich in Kolchis, und Kolchis gehört zu Georgien.

Mit Lastwagen bewegen wir uns auf den Spuren von Jason und den Argonauten. Wir werden aber nichts stehlen, um daraus Gold herzustellen, sondern werden stattdessen den kulturellen Reichtum der Menschen dort teilen und ihn sammeln.

Wir sind Jason und die Argonauten, und wir werden uns auch mit den Amazonen im Pankissi-Tal treffen, weil sie dort gelebt haben. Wir werden uns mit den heroischen Narten treffen, den ossetischen Helden, und wir werden in einem Flüchtlingslager in Ossetien spielen – vor Menschen, die vor dem letzten russischen Einmarsch im August 2008 geflohen sind. Ihre Helden waren die Narten.

Was ich in Georgien bemerkenswert finde, ist die Tatsache, dass die Geschichten, die für uns Mythen sind, für sie echte, wahre Geschichte sind. Bei den Erkundungsarbeiten für die erste Karawane von „Babel Caucase“ stießen wir auf eine Festung bei Batumi, an der Grenze zwischen der Türkei und Georgien am Ufer des Schwarzen Meeres. Diese Festung hieß Gonio, und am Eingang der Festung hing ein Schild, auf dem geschrieben stand: „Hier übernachteten die römischen Legionen im Jahr 160 vor Christus, und hier kamen Jason und seine Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies vorbei.“ Auf ein und dasselbe Schild schrieben sie also etwas, das für uns historisch objektiv belegt ist – die Geschichte der römischen Legionen - und etwas, das für uns nur Mythologie ist. Uns gefällt diese Vorstellung von einer Mythologie, die zum Teil des Lebens wird, die in die Geschichte eingeht – ein Traum, der zu Geschichte wird.

ARTE Journal:
Ihre Fahrt führt sie von der Drôme in das Pankissi-Tal in Georgien. Dies ist die letzte Station Ihrer Karawane.

Mylène Sauloy:
Ja, sie endet im Pankissi-Tal. Wir hoffen – wissen aber noch nicht, ob das funktionieren wird – dass wir einen Ritt zur tschetschenischen Grenze machen können. Ich weiß nicht, ob uns das gelingen wird, aber wir würden gern mit Tschetschenen an die Grenze reiten. Diese Idee geht uns schon seit langem durch den Kopf. Wir wollen ein symbolisches Zeichen setzen, dass der Kaukasus den Kaukasiern gehört, und dass es zwischen den Ländern des Kaukasus keine Grenzen geben sollte. So sind zum Beispiel die Tschetschenen durch eine Grenze getrennt. Aber sie sind nicht die einzigen, auch andere Kaukasusvölker befinden sich in dieser Situation. Die Kaukasier sind in erster Linie Kaukasier und dann erst Georgier, Russen oder Angehörige anderer Nationalitäten. Deshalb wünschen wir uns diesen Ritt, müssen aber noch abwarten, ob das aus Sicherheitsgründen möglich sein wird. Dieses Gebiet ist immer noch schwierig.

ARTE Journal:
Wo ist der erste Treffpunkt der Karawane?

Mylène Sauloy:
Wir treffen uns in Igoumenitsa in Griechenland. Und wir treffen auch Flüchtlinge, Illegale, Migranten.

ARTE Journal:
Wie laufen die letzten Vorbereitungen ab?

Mylène Sauloy:
Wir installieren das Kino auf dem Lastwagen, und wir bringen Bretter auf den Lastwagendächern an, damit die Leute dort schlafen können. Das Ganze erinnert schon an ein Zigeunerlager! Der Kino-Lastwagen mit einer Konstruktion von 16 Metern Durchmesser auf dem Dach ist praktisch fertig. Außerdem bringen wir einen großen Flügel mit, und auch dieser Klavierlastwagen ist fast fertig. Es bleibt noch ein Lastwagen, darauf laden wir Riesenmarionetten und Material für die künftigen Workshops, die wir mit den Leuten organisieren.

ARTE Journal:
Was für eine Karawane – viel Glück für die letzten Vorbereitungen und gute Reise! Vielen dank Mylène, bis sehr bald!

Erstellt: 19-08-10
Letzte Änderung: 28-09-10