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Berlinale 2005 - German Cinema - 13/02/05

Auch Schildkröten können fliegen

Ein Film von Bahman Ghobadi


Synopsis: An der türkischen Grenze des Nord-Irak in einem kurdischen Flüchtlingslager kurz vor Beginn des amerikanischen Angriffs auf den Irak. Die Flüchtlinge, unter ihnen viele elternlose Kinder, sind sich selbst überlassen. Sie kämpfen ums Überleben. Die Kinder bergen Minen, entschärfen sie und verkaufen sie auf dem Waffenmarkt. Viele der Kinder sind bereits verstümmelt. Mit einer Satellitenschüssel könnten sie Nachrichten empfangen und hören, ob die Amerikaner bereits im Anmarsch sind. Satellit, ein technisch versiertes Kind, führt die Kindergruppe bei ihrer Suche nach einer Satellitenschüssel an. Da tauchen ein verstümmelter Junge und seine Schwester aus dem Nachbardorf auf und verkünden, dass die Amerikaner morgen einmarschieren werden….


Kritik: Selbst der mit hochgelobten Filmen wie Zeit der trunkenen Pferde (2000) und Verloren im Irak (2002) berühmt gewordene Regisseur Bahman Ghobadi liefert heute leider den Beweis, dass das „etablierte“ iranische Kino in einer formalen und ethischen Krise steckt, zumindest dann, wenn die Filmemacher nach Erfolgen auf internationalen Filmfestivals schielen. Bahman Ghobadi verfällt zunehmend dem Konventionellen (ein - selbstverständlich - bildschönes tieftrauriges junges Mädchen, obszön Spiel mit aufgebauter Spannung um die Bergung von Minen, das Ganze berieselt von Hollywood-Musik), auch wenn das Thema „verlorene Kindheit“ als (mehr und mehr fragwürdiger) Vorwand dient. Anstelle der Machthaber aus dem Irak oder dem Westen, so sein vermeintliches Anliegen, sollen andere zu Wort kommen, vor allem Menschen aus der Zivilbevölkerung, an denen die Medien kein großes Interesse haben, oder sie als Zerrbild zeigen. Doch der Regisseur benutzt seine Protagonisten, um Szenen zu konstruieren, die dermaßen explizit sind, dass sie an Bedeutung verlieren und keinerlei Reflexionsprozess auf Seiten des Zuschauers auslösen.

Ein Grund zum Verzweifeln? Wohl nicht. Schließlich gibt es noch Filme wie Osama von Siddiq Barmak, der im vergangenen Jahr in Berlin zu sehen war und einen ganzen anderen Blick auf die Schrecken des Krieges und des Totalitarismus aus der Sicht einer Frau und eines Kindes wirft. Schulmeisterei, chronologische Detailversessenheit und Absichtserklärungen sucht man in Osama vergebens. Wohltuend die Erzählform: zeitlos, verpackt in ein grausames Märchen, dessen beste Übermittler oft Kinder sind. So werden die Taliban in Osama nur selten erwähnt, kaum gezeigt, oftmals außen vor gelassen. Und dennoch sind sie präsent: böse, feindselig, ein Symbol für die Unterdrückung schlechthin, jenseits von Ort und Zeit, jenseits aller Zivilisationen und Kultur.

Es wäre Bahman Ghobadi und seinem herablassend gönnerhaften Film zu wünschen, dass er sich seinen Themen, ähnlich wie Siddiq Barmak und andere, weniger bekannte Regisseure, mit Strenge, Fantasie und Authentizität nähert.

Julien Welter
Auch Schildkröten können fliegen
(Les tortues volent aussi)
Regie: Bahman Ghobadi
(Iran 2004, Dauer : 1 Stunde 35 Minuten)
Darsteller: Soran Ebrahim, Hirsh Feyssal, Avaz Latif…

Erstellt: 12-02-05
Letzte Änderung: 13-02-05