Berlinale 2005 - Wettbewerb - 19/02/05
Asylum
Ein Film von David MacKenzie
Ian McKellen beweist einmal mehr, dass er zu Recht als einer der besten Schauspieler unserer Zeit gilt
Die Filme - Berlinale 2005
Synopsis: 1950. Stella ist die Frau eines jungen aufstrebenden Psychiaters. Vor kurzem ist das Ehepaar mit seinem Sohn auf das Gelände der Anstalt gezogen, in der Max die Stelle des stellvertretenden Leiters angenommen hat. Die Ehe kriselt, Stella langweilt sich. Dann begegnet ihr Edgar, ein Bildhauer, der das Gewächshaus im Garten der Anstalt repariert. Edgar ist ein Patient des eiskalten Dr. Cleave. Er wurde vor sechs Jahren eingeliefert, weil er seine Frau bestialisch ermordet hat. Stella und Edgar gehen eine leidenschaftliche Liebesbeziehung ein. Doch schon bald geraten sie in einen Strudel der Gewalt, dem sie wehrlos ausgeliefert sind.
Kritik: „Asylum“ basiert auf dem gleichnamigen Roman des Briten Patrick McGrath, aus dessen Feder auch der Kriminalroman „Spider“ stammt. „Asylum“ ist ein Film über Sex, Leidenschaft und Wahnsinn. Das Thema ist nicht ungewöhnlich, die Perspektive schon. Auch wenn David MacKenzies Film weniger abstrakt und faszinierend ist als die „Spider“-Verfilmung von David Cronenberg, so gelingt es dem Regisseur doch, vor allem am Anfang des Films, die trostlos-bedrückende und geheimnisvolle Atmosphäre einer „Irrenanstalt“ (Asylum) wieder zu geben. Der Zuschauer sieht die Patienten nur von weitem, als Außenstehender, mit den Augen Stellas, die von Natasha Richardson perfekt dargestellt wird. Wie Stella fühlt auch er sich unwiderstehlich angezogen von diesen in den Mauern der Anstalt und ihren Neurosen gleichermaßen gefangenen Wesen.
David MacKenzie offenbarte bereits in „Young Adam“ seine Neigung für das Zwielichtige, Dunkle, aber auch sein großes Talent und viel Fantasie bei der Inszenierung heißer Liebesszenen. Das Risiko des Herabgleitens auf das Niveau von „Lady Chatterley“ ist stets vorhanden, doch MacKenzie gelingt der Balanceakt, die Leidenschaft zwischen Stella und Edgar glaubhaft zu vermitteln. Das Fieber, das die beiden verzehrt, wird greifbar. Die anfangs etwas aufgesetzt wirkende Story nimmt eine erstaunliche Wendung und lässt den Zuschauer schließlich nicht mehr los. Stella ignoriert Max, ihren Ehemann. Max kann Stella kaum noch ertragen. Max spricht fast nicht mehr mit Stella und wenn doch, dann nur, um sie mit seinem Sarkasmus zu verletzen. Max ist nicht unbedingt ein Mann, der Frauen zum Träumen bringt: etwas füllig, farblos, bieder, kleinlich und pedantisch. Dagegen ist Edgar der Bildhauer bedeutend anziehender: rätselhaft, charismatisch, sinnlich-animalisch. Wenn Stella ihn beim Spielen mit ihrem Sohn im Garten beobachtet, geht ihr das Herz auf. Doch jenseits aller Klischees bleibt diese obsessive Amour-fou bis zum Ende glaubwürdig.
Die Story verweilt lange Zeit bei Edgar und Stella und dem Entstehen ihrer Leidenschaft. Gegen Ende des Films kommt es schließlich zu einigen überraschenden Wendungen: Edgar gelingt die Flucht aus der Anstalt. Stella verlässt ihren Mann und dann Edgar, wird von Edgar zurück geholt und beginnt sich vor ihrem Geliebten zu fürchten. Die Geschichte entwickelt sich zum Thriller und verwandelt sich dann plötzlich unvermutet in eine Tragödie. In diesem Teil erinnert „Asylum“ sehr an John M. Stahls Film „Todsünde“ aus dem Jahr 1945, in dem die Hauptfigur wegen ihrer krankhaften Eifersucht langsam dem Wahnsinn verfällt, ihre Schwangerschaft abbricht und den kleinen Bruder ihres Geliebten ertrinken lässt. Nur um den Mann, den sie liebt, mit niemandem teilen zu müssen. In „Asylum“ beherrscht am Ende Dr. Cleaver das Geschehen. Wie ein Untoter wandelt er durch die Zellen der Anstalt, die sein Lebensinhalt ist.
Ian McKellen beweist einmal mehr, dass er zu Recht als einer der besten Schauspieler unserer Zeit gilt. Mit jedem Blick, jeder noch so kleinen Geste wird die Obsession des Dr. Cleaver deutlich, seine gefährliche Neigung, in die Tiefen des Unterbewusstseins zu blicken, ganz nah am Entstehen der Leidenschaft, ohne sie je selbst empfinden zu können.
Delphine Valloire
Asylum
Regie: David MacKenzie
(USA/Irlande 2005, Dauer: 93 Minuten)
Darsteller: Natasha Richardson, Ian McKellen, Hugh Bonneville, Marton Csokas
Erstellt: 12-02-05
Letzte Änderung: 19-02-05