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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

10/08/11

Archie Shepp: "Fire Music" (1965)

Jahrhundertaufnahmen des Jazz


Zorniger Kommentar in afro-amerikanischer Kontinuität
von Thomas Neuhauser

Jahrhundertaufnahmen des Jazz

Im Jahr 1965 legte der damals erst 28-jährige Saxophonist Archie Shepp ein Album vor, das bis heute die kreative Aufbruchstimmung der zornigen, jungen, afroamerikanischen Musiker mustergültig zum Ausdruck bringt: „Fire Music“ erscheint nur ein halbes Jahr nach „Four for Trane“, Shepps unvermeidlicher und beispielhafter Auseinandersetzung mit dem Freund und Übervater Coltrane, auch wieder auf dem Impulse-Label, dass sich damals vehement dem zeitgenössischen „New Wave of Jazz“ verschrieben hatte.
Aber bei Shepp entsteht das Neue nicht einfach aus einem radikalen Bruch oder dem allzu berechtigtem Aufschrei der Black-Power-Bewegung, sein schwarzes Selbstbewusstsein speist sich aus umfassender Kenntnis und spielerischer Verarbeitung aller afro-amerikanischen Einflüsse und Traditionen. So findet sich auf „Fire Music“ neben einem Duke Ellington Stück auch die eigenwillige, aber durchaus respektvolle Version eines weltweit bekannten brasilianischen Bossa Nova-Klassikers: Mit „The girl from Ipanema“ erweist Shepp auch diesen musikalischen Wurzeln seine Referenz.

Im Zentrum des Albums steht jedoch nicht die Arbeit an der Tradition sondern die brennende musikalische Auseinandersetzung mit den Zeichen der Zeit: Schwarze Bürgerrechtsbewegung, der Mord an Malcolm X, die Schockwellen des Free Jazz und der alltägliche Rassismus – um nur ein paar Stichworte zu nennen. „Los Olvidados“, „Die Vergessenen“ nennt Archie Shepp denn auch seine Eigenkomposition nach dem berühmten Buñuel-Film und verzichtet in diesem spannungs- und zitatreichen, äußerst modern anmutenden Stück, weitgehend auf die sonst immer spürbare Anbindung an die afrikanischen Roots.
Mit den vier expressiven, dynamischen Bläsern seiner Fire Music werden hier mit Nachdruck neue Freiheiten eingefordert. Das Stück mit Archie Shepp am Tenorsaxophon, Ted Curson Trompete, Joseph Orange Posaune, Marion Brown Alt-Saxophon, Reggie Johnson Kontrabass und Joe Chambers am Schlagzeug ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie wenig authentische Avantgarde altert.

Shepp war schon immer ein großer Redner und Erzähler auf dem Saxophon, so sehr, dass man manchmal fast glaubt, die dahinter stehenden Worte zu hören und zu verstehen, obwohl doch „nur“ das Saxophon spricht. Dennoch und vielleicht gerade deshalb greift Shepp in seiner ganzen Karriere auch immer wieder direkt auf Sprache zurück, auf einen intensiven Sprechgesang wie er ihn in seinem vielleicht bekanntesten Stück „Mama Rose“ von 1982 verwendet, den er aber auch schon hier für sein musikalisches Statement zur Ermordung von Malcolm X im Februar 1965 einsetzt. Im Stück “Malcolm, Malcolm – Semper Malcolm” erinnert sein Saxophon-Spiel bezeichnenderweise noch am deutlichsten an die Spiritualität eines Albert Ayler.

Archie Shepps zorniger Kommentar zur Ermordung des umstrittenen schwarzen Bürgerrechtlers ist bis heute eine musikalisch und politisch ergreifende Anklage, weil man hören kann, wie er die Kraft aufbringt, trotz aller Wut verstehen zu wollen und einen eigenen Ausdruck dafür zu finden. Vielleicht ist es auch diese Kraft, bei Shepp bis heute zu spüren, die das ganze Album „Fire Music“ neben seiner authentischen, musikalischen Substanz zu einer gültigen Jahrhundertaufnahme macht.
Archie Shepp: „Fire Music” (1965)
Impulse A-96 (abc Paramount Records)

Erstellt: 29-07-11
Letzte Änderung: 10-08-11