Das Lächeln von Angkor
Das entrückte geheimnisvolle Lächeln der Tänzerinnen auf den Tempelwänden von Angkor Wat wird das "Lächeln von Angkor" genannt. Auf den Zwischenwänden der Tempelanlage findet man zahlreiche Reliefs mit den königlichen Apsara-Tänzerinnen. Sie sind in fließender Bewegung auf den sandsteinernen Blöcken dargestellt.
Die feinen melanesischen Gesichtszüge sind in der vollendeten Perfektion der alten Steinmetzarbeiten zu bewundern. Die Steinmetze der fast tausend Jahre zurückliegenden Angkor-Periode haben die Feinheiten der Kleidung, des Körperschmucks und des Kopfputzes in meisterlicher Ausarbeitung festgehalten. Sie transportieren in ihren filigranen Kunstwerken die Schönheit der Körper der Tänzerinnen mit dem geheimnisvollen Lächeln. Detailgetreu lassen sich auf den steinernen Reliefs an den Tempelwänden kleinbrüstige Mädchen von den erwachsenen Tänzerinnen unterscheiden. Auf den Steinquadern findet ein feines Spiel mit dem Licht statt, das zu jeder Tageszeit unterschiedliche Effekte hervorbringt.
Apsara -"Tanz der himmlischen Nymphen"
Der Begriff "Apsara" stammt aus dem Sanskrit und bedeutet: "Wasserwandlerinnen". In der von den Khmer adaptierten indischen Mythologie waren die Apsaras nymphenähnliche Halbgöttinnen von verführerischer Schönheit, die den Himmels- und Luftraum bewohnten.
Die tanzende Göttin Apsara und die Reliefs der tanzenden Göttinnen in Angkor sind Vorbild der heutigen Apsara-Tänzerinnen, die mittlerweile wieder an der Königlichen Universität in Pnomh Penh diesen Tanz lernen. Der klassische Tanz wurde ursprünglich nur vor den Königen der Khmer getanzt, und die Tänzerinnen lebten abgeschieden von der äußeren Welt im Tempel. Angkor Wat war der Tempel des Gottkönigs. Als Mittlerinnen zwischen Himmel und Erde hatten die Tänzerinnen selbst einen göttlichen Status. Erst später erst durfte das Volk dieser wohl sinnlichsten Form der Götter- und Ahnenverehrung zusehen.
Eine Kultur wird vernichtet
So wie die gesamte Khmer- Kultur von den Roten Khmer unterdrückt wurde, so war auch der "Tanz der himmlischen Nymphen" verboten. Für das Terrorregime Pol Pots war der Tanz ein elitäres Produkt des "Klassenfeindes". 90 Prozent der Tänzerinnen und der Musiker wurden von Pol Pots Brigaden ermordet oder in Lager gesteckt. Von den Hunderten verschiedener Tänze ist ein großer Teil der Partituren verlorengegangen. Die Roten Khmer zerstörten in blindem Hass die Bühnen und Bibliotheken des Königlichen Ballets. Durch die mutige Tanzlehrerin Theay, die ihre Sammlung in Internierungslagern versteckte, konnten zweihundert Partituren gerettet werden. Weiteres Material taucht bisweilen aus anderen Quellen auf oder wurde wiedergefunden.
Der klassische Tanz heute
Heute ist dieser Tanz wichtigster Teil der kambodschanischen Identitätsfindung. Das kambodschanische Volk kann sich nach den Jahren des Krieges und des Terrors durch die Roten Khmer nun auf die eigene Kultur besinnen, um durch die Sprache der Kunst wieder eine eigene Stimme zu finden. Man mag anmerken, dass die ehemalige höfische Kultur der Khmer-Könige nicht diejenige des einfachen bäuerlichen Volkes ist. Der Tanz, und besonders der facettenreiche Apsara-Tanz ist jedoch eine wortlose Ausdrucksform, die in ihrer eigenen Sprache jeden anspricht und eine integrierende Kraft hat. Und der "Tanz der himmlischen Nymphen" ist eine spirituelle Darbietung, deren Sprache das kambodschanische Volk sehr wohl begreift.
Die verschiedenen Tänze sind sehr komplex und nur von einem jahrelang auf Geschmeidigkeit trainierten Körper in Perfektion durchführbar. Verborgen in der ungeheuren Vielfalt der Gesten und Bewegungsabläufe, erzählen die Tänze Geschichten aus der Mythologie. Die tanzenden Mittlerinnen zwischen Göttern und Menschen bewegen sich nach einer Choreographie, in der auch Gebete und Segnungen eingebettet sind.
Ein Leben für den Tanz
Wenige Tanzlehrerinnen überlebten das grausame Regime Pol Pots. Seit 1980 wird an einer Renaissance der musikalischen und tänzerischen Tradition gearbeitet. An der Akademie für Schöne Künste in Pnomh Penh unterrichten die wenigen überlebenden Tanzlehrerinnen nun junge Mädchen.
An der zur Königlichen Universität gehörenden Akademie bewerben sich jährlich viele junge Mädchen für die Ausbildung als Apsara-Tänzerin. Das Studium erfordert viel Talent, dauert sehr lange und stellt extreme Anforderungen an Durchhaltevermögen, Gelenkigkeit und körperliche Belastbarkeit der Mädchen. Die Bewegungen der Tänze sind ungemein fließend und geschmeidig. Allein das Repertoire der Grundausbildung zählt 4000 Positionen. Neun Jahre lang üben die jungen Tänzerinnen für ihr Diplom. Die Musiker müssen eine ähnlich lange Ausbildungszeit durchlaufen.
Aus der Erinnerung versuchen die älteren Tanzlehrerinnen das vor Jahren Gelernte zu rekonstruieren. Bei der Entwicklung dieser Rekonstruktionstechnik spielt Ron Rathmony, ehemalige Tänzerin und Tanzlehrerin der Akademie eine herausragende Rolle. Der Prozess des Erinnerns wird nicht nur intellektuell, sondern auch intuitiv über den Körper und die Bewegungen im Einklang mit der mühsam rekonstruierten Musik in Gang gesetzt. Ron Rathmony hat so selbst den Apsara-Tanz aus der Erinnerung heraus wiedererschaffen.
Ein alter Tanz mit hoffnungsvoller Zukunft
In der Komplexität des Tanzes spiegelt sich das religiös-höfische Element der alten Khmer-Hochkultur, in der die Apsara-Tänze seit 1500 Jahren ihren Platz haben. Doch so alt dieses Erbe der Khmer auch sein mag, der Tanz der Gottkönige von Angkor hat eine lebendige Zukunft vor sich. Die ehemalige Vortänzerin des königlichen Ballets, Prinzessin Buppha Devi, unterstützt als Kulturministerin engagiert die Bemühungen der Universität. Auch die UNESCO hat die Einzigartigkeit des "Tanzes der himmlischen Nymphen" gewürdigt. Sie hat den Tanz offiziell als wertvolles Kulturerbe der Menschheit anerkannt und unterstützt das königliche Ballett Kambodschas.






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