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Arte Journal - 21/06/12

Antonis Samaras - das kleinere Übel

Der neue griechische Ministerpräsident im Portrait


Drei Tage nach der Parlamentswahl hat Griechenland nun endlich eine neue Regierung. Sie besteht aus der konservativen Nea Dimokratia (ND), der sozialistischen Pasok und der Demokratischen Linken (Dimar). Die Konservativen haben 129, die Sozialisten 33 und die Demokratische Linke 17 Sitze im 300-köpfigen Parlament. Damit verfügt die Koalition über eine bequeme Mehrheit von 179 Abgeordneten. Unter der Führung von Ministerpräsident Antonis Samaras will sie für eine Lockerung der internationalen Sparauflagen kämpfen.


Wer ist Antonis Samaras?
Der 62-jährige stammt aus gutbürgerlichen Athener Verhältnissen und verfügt über einen MBA-Abschluss. Er studierte an den Eliteuniversitäten in Harvard sowie am Amherst College, wo er sich mit der Sohn eines Kardiologen ein Zimmer mit dem späteren griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou teilte. Letztes Jahr hatte sich ein Reporter des Boston Globe auf die Spuren der beiden berühmten Politiker begeben. Er erfuhr, dass "Papandreou entspannt und sanfmütig" gewesen sein soll, Samaras dagegen "konzentriert und leidenschaftlich".

Frühe Karriere
Für die Athener Journalistin Ioanna Kourela jedenfalls ist er ein Profi. "Er ist schon mit 28 Jahren in die Politik gegangen. Er hat so gut wie nie etwas anderes gemacht." Schon mit 38 Jahren wurde Samaras Finanz- und später dann Außenminister im Kabinett des wirtschaftsliberalen Premiers Konstantin Mitsotakis. Doch bald gerieten sie sich in die Haare wegen der sogenannten Mazedonienfrage: Samaras drohte, die Grenze zum Nachbarland zu schließen, sollte Mazedonien nicht seinen Namen ändern. Daraufhin wurde er entlassen. Samaras rächte sich 1992 mit der Gründung seiner eigenen Partei, dem nationalistischen 'Politischen Frühling", der ein wechselnder Erfolg beschieden war. 2004 kehrte Samaras zur Nea Dimokratia zurück. Im Januar 2009 wurde er Kulturminister. Nach der Wahlniederlage der ND im November 2009 war er bis zur vorgezogenen Parlamentswahl im Mai 2012 Oppositionsführer.

Samaras polarisiert
In der eigenen Partei ist Samaras nach wie vor umstritten. Moderate Konservative werfen ihm vor, ständig zu polarisieren und dabei in Kauf zu nehmen, Wählerstimmen in alle Richtungen zu verlieren. Wie zum Beweis fuhr die ND bei den Wahlen im Mai 2012 mit 18,6 Prozent das schlechteste Wahlergebnis seit ihrer Gründung ein - und wurde dennoch stärkste Partei. Es gelang Samaras jedoch nicht eine Koalitionsregierung zustande zu bringen - so kam es zu den Neuwahlen am 17. Juni 2012, bei denen Samaras 10,8 Prozent zulegen konnte und erneut mit der Regierungsbildung beauftragt wurde.

Das kleinere Übel
Viele Griechen halten Samaras für das kleinere von allen Übeln. Einigkeit herrscht, dass es einen Neuanfang braucht und mit ihm einen geben kann. Uneinigkeit aber herrscht darüber, ob sein Poker-Spiel mit Brüssel aufgeht. Samaras war nämlich von Anfang an gegen den strikten Sparplan der EU-Troika, musste jedoch inzwischen viel Wasser in seinen Wein schütten. Ein bisschen Sparen JA, aber verteilt über einen wesentlich längeren Zeitraum. Die Rede ist von 2017. Für Ioanna Kourela kommt jetzt alles darauf an, wie konstruktiv sich die Opposition verhalten wird. "Ich befürchte, dass Syriza die Anstrengungen der Regierung kritisieren und torpedieren wird. Warum sonst hat sich Syriza als zweitstärkste Fraktion geweigert, mit der ND eine Koalition einzugehen?" Ioanna Kourela hat Angst davor, dass Griechenland von neuen Demonstrationen und Streiks erschüttert wird.
Ulrike Dässler für ARTE Journal

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Erstellt: 20-06-12
Letzte Änderung: 21-06-12