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Synopsis: Nach dem tragischen Unfalltod ihres Kindes, zieht sich ein Ehepaar aus Seattle, das namenlos bleibt, zur Trauerarbeit in ein abgelegenes Waldhaus zurück, ausgerechnet Eden genannt. Er ist Psychotherapeut und versucht ihren selbstzerstörerischen Schmerz, die Schuld- und Angst-Attacken mit seinen professionellen Methoden zu behandeln. Aber die Situation gerät zunehmend außer Kontrolle, für sie und für ihn – der Wahnsinn und das allgegenwärtige Böse sind stärkere Energien als Therapie oder Liebe.

Ein Film von Lars von Trier (DK, D, F, 2009, 104 Min.)
Drehbuch: Lars von Trier
Mit: Charlotte Gainsbourg (She), Willem Dafoe (He)

Kritik: Über das Verstörende und zutiefst Beunruhigende an Lars von Triers Filmen gibt es in den Filmbibliotheken schon genügend Literatur, aber seine Filme sind zu komplex angelegt, als dass irgendjemand die Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen könnte. Das macht die Sache spannend, man tastet sich an seine großen Filme immer neu heran und ist immer wieder überrascht, wie es ihm gelingt, Bilder zu finden, die den Zuschauer in eine Art Schockzustand versetzen – in einen kathartischen Schock wohlgemerkt. Auch in seinem neuen Film „Antichrist“, der in Cannes wieder höchst kontrovers aufgenommen wurde, geht er diesen scheinbar radikalen, aber eigentlich nur konsequenten Weg, d. h. er muss seine Ideen so umsetzen, wie er – und unter Umständen nur er - es für richtig hält. Bei ihm scheint Kunst tatsächlich mehr von „müssen“ als von „können“ zu kommen. „Ich bin der beste Filmemacher der Welt“ sagte er in der Pressekonferenz mit seinem oft unterschätzten, abgründigen Humor auf die sichtlich aggressiv gestellte Frage eines amerikanischen Journalisten nach dem Sinn dieses Films. Das muss man natürlich nicht ernst nehmen, aber wahrscheinlich muss man, um einen solchen Film zu machen, als Regisseur zumindest zeitweise so tun, als glaube man es selbst.
Es ist schade, dass man den Film wahrscheinlich wieder nur anhand seiner expliziten Szenen einer Verzweiflungs- und Zerstörungs-Sexualität, der körperlichen Verletzungen und einer vorgeblichen Misogynie diskutieren wird. Dabei sind diese mehr oder weniger schockierenden Bilder eigentlich leichter zu verkraften, als die sich langsam steigernde Bedrohung, die von der Natur ausgeht, die in beeindruckenden Bildern als finsterer Märchenwald inszeniert wird. Für eine Verfilmung von Grimms oder Hauffs Märchen wäre von Trier jedenfalls bestimmt der Beste, ganz ohne Ironie. „Chaos reigns“ spricht der Fuchs im Wald mit tiefer Wolfsstimme inmitten riesiger, fast urzeitlicher Farne, und verunsichert schwankend zwischen Furcht und Lachen, weiß man wieder einmal nicht, was dieser Regisseur eigentlich ernst meint und was nicht.
Weil Er mit seinen professionellen Therapiemethoden schon bald nicht nur Ihr sondern auch dem Zuschauer auf die Nerven geht, kann man zunächst an eine sarkastische Abrechnung mit Psychotherapie und Psychoanalyse glauben, seinen eigenen Therapiebedarf hat Lars von Trier ja immer wieder thematisiert, ohne allerdings damit kokettieren zu wollen, wie er in Interviews betont. Die Psycho-Gurus der Szene werden ja schon seit längerem gern vom Sockel gestoßen, und da ist von Trier ausnahmsweise gar nicht so fern von seinem Feindbild Hollywood, auch wenn es bei ihm auf ganz anderem Niveau passiert. Aber Sie im Film auch noch sagen zu lassen „Freud is dead“ ist jedenfalls unnötig und redundant – es sei denn es wäre auch wieder ein ironisches Zitat des Zitats.
Auch dass Sie schon lange – und natürlich unabgeschlossen - an einer Arbeit über den Gynozid schreibt, in der sie die jahrhundertelange Verfolgung und Ermordung der Frauen dokumentiert, dürfte den von Trier Exegeten recht gelegen kommen. Allerdings muss Er im Film bei seinen Therapieversuchen feststellen, dass Sie das Thema eher so verstanden hat, dass die Frauen eigentlich zu Recht verfolgt wurden. Sie trugen das abgründig Böse in sich, so wie es nun durch den Tod des Kindes (oder sogar erst durch die Therapie) auch bei ihr zum Vorschein kommt. Es war aber schon früher da, denn immer zog sie dem Kind die Schuhe falsch herum an, so dass es sogar zu einer kleinen Fehlstellung des Fußes kam, wie Er jedoch erst durch den Autopsiebericht erfährt. Von da an geht es zwischen beiden um Leben und Tod, und niemand wird von einem Lars von Trier Film erwarten, dass einer dabei besser oder schlechter da steht, als der andere. Obwohl er so tief in den Brunnen der christlich-religiösen Mythologie hinabsteigt, sind Tröstungen hier nicht vorgesehen – schon gar nicht von der Natur. Das macht auch diesen Film wieder groß und widerständig, und für manche vielleicht auch zum Hassobjekt.
Die herausragenden, preiswürdigen schauspielerischen Leistungen müssen nicht extra erwähnt werden, von Triers geniale Schauspielerführung ist bekannt, aber etwas ist dem Film doch vorzuwerfen: Bei genauerer Überlegung kommt der Verdacht auf, dass Er, der Mann, gegenüber der Frau doch sehr schlicht und eindimensional dargestellt ist. Denn was ist eigentlich mit seiner Trauer um das eigene Kind? Nur ein kurzes Weinen am Grab, dann geht er einfach zur professionellen Therapie seiner Frau über, deren Nutzlosigkeit oder sogar Gefährlichkeit er viel zu spät begreift. Da läuft auf das bekannte und etwas platte Klischee der rationalen Disziplin und emotionalen Verkümmerung des Mannes hinaus, und man darf vermuten, dass der Regisseur im Grunde - wenn auch geschickt getarnt - mit seinem eigenen Geschlecht weit mehr hadert, als mit dem weiblichen. Die Frauen sind am Ende meist doch die stärkeren, und kehren aus den Jahrhunderten als Mahnung zurück, wie in dem schönen, unerwarteten Schlussbild. So sind die Männer immer an die Schuld erinnert, und sie werden den Frauen nie verzeihen können, was sie - die Männer - ihnen angetan haben.
Thomas Neuhauser
FR
Synopsis: Ein Paar verliert auf tragische Weise sein Kind und zieht sich in eine abgelegene Hütte im Wald zurück, wo sich Mann und Frau nach und nach zerfleischen…
Kritik: Mit "Manderlay" lief 2005 der letzte Lars Von Trier-Film im Wettbewerb von Cannes. Umso sehnsüchtiger wurde sein neuer Film von den Fans erwartet. Doch ob man ihm nun Bewunderung oder Geringschätzung entgegenbringt, eines steht fest: unbemerkt wird das düstere und gewaltige Werk kaum bleiben. Der dänische Schöpfer ist nach einer zweijährigen Depression verschlossener denn je zurück in Cannes, wo er sich den geschriebenen Ohrfeigen der lauernden Kritiker auszusetzen hat. Doch Von Trier verharrt unbeirrt in der (vermeintlich) aufrichtig demütigen Opferrolle des Genies, welches für einen Film leidet, der letztendlich eine ganze Reihe von Fragen über den Urheber aufwirft, auch wenn dieser nicht einmal den Bruchteil einer Antwort gewährt: haben wir das Recht, die Nabelschau eines Filmemachers zu verdammen, der von jeher eigene Phantasmen auf die Leinwand projizierte? Reichen wiederkehrende Obsessionen des Künstlers aus, um von einem moralisch wertvollen Werk zu sprechen? Und sind die Filmkritiker heute entsprechend gerüstet, um dem etwas entgegenzusetzen? Bezeichnenderweise hat sich anlässlich der Pressekonferenz als erster ein sehr aggressiver amerikanischer Journalist mit folgender Frage an einen ohnehin fiebrigen Von Trier gewandt: "Können Sie uns Ihren Film erläutern? Und könnten Sie bitte keine Umschweife machen, sondern eine klare Antwort geben?" Worauf Von Trier nichts weiter als « I can not justify » zu entgegnen hatte.

von Lars Von Trier
(Dänemark, 2009, 1h44)
Mit Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe
Eine ARTE-Koproduktion

Olivier Bombarda







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