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07/11/13

Anthony Burgess: Joyce für Jedermann

Rezension von Peter Wien


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Als ob das ginge! Joyce für Jedermann!
Schon dieser Titel ist ein Verwirrspiel. Die englische Originalausgabe der schon 1965 erstmals erschienenen „Einführung in das Werk von James Joyce für den einfachen Leser“ trug nämlich den Titel: “Here Comes Everybody“ und ist, ganz im Joyce’schen Sinne, eine versteckte Anspielung auf die Hauptfigur in „Finnegans Wake“, HCE - Humphrey Chimpden Earwicker - der seine Initialen immer wieder dafür hergibt, sie mit irgendeinem sinnreichen Schlagwort ausfüllen zu lassen. Im deutschen Titel lässt sich ein derartiger Bezug natürlich nicht herstellen. Aber eben das ist das Schöne an Anthony Burgess, dass er all so etwas auch gleich entschlüsselt. Im vorliegenden Fall sogar schon im Vorwort.
Rechtzeitig zur 100. Wiederkehr des Bloomsday hat der Suhrkamp Verlag diese „Liebeserklärung eines leidenschaftlichen Joyce-Lesers“ (Elias Torra in der FAZ) als Taschenbuch herausgebracht.
Burgess hat sich neben seiner Tätigkeit als Romancier und Schriftsteller 30 Jahre lang mit Joyce beschäftigt, alles gelesen, was auch nur im Entferntesten helfen konnte, diesen irischsten aller irischen Schriftsteller etwas besser zu verstehen, der mit seinem „Ulysses“ seine Stadt, Dublin, zu einer Welthauptstadt der Literatur gemacht hat. Dabei verließ er sie schon mit 22, weil er fürchtete, dort ersticken zu müssen und kehrte auch später – bis auf drei Kurzbesuche – nie mehr dorthin zurück.

Ganze Legionen von Literaturwissenschaftlern haben sich mit dem Phänomen Joyce und seinem „Ulysses“ auseinandergesetzt, den komplizierten Strukturen seiner Figuren, ihrer Sprache, ihrer Welt, ihrer Stadt, haben die Raster analysiert, die Joyce seinen Handlungsabläufen zugrunde legt, den Sprachfluss seiner unendlichen inneren Monologe voller Anspielungen auf das geballte Denken seiner Zeit, so dass den verwirrten, naiven Lesern das Lesen verging.
Diesen verschreckten Lesern will Burgess die Angst nehmen. Er ermuntert sie, eben doch einfach weiter zu lesen und sich von soviel Gelehrsamkeit nicht einschüchtern zu lassen. Allerdings passiert ihm dann doch genau das wieder, was allen passiert, die sich ernsthaft auf Joyce eingelassen haben. Er stellt Bezüge her, er analysiert, er weiß unendlich viel. Sein in den schon genannten 30 Jahren seiner Beschäftigung mit Joyce gesammeltes Wissen steht ihm – zur Entschlüsselung – ständig abrufbar zur Verfügung.
Vielleicht ist das Anthony Burgess’ liebenswerter Irrtum, dass er natürlich den einfachen Leser nicht einfach, nicht naiv bleiben lassen kann, sondern aus ihm einen interessierten, mehr wissen wollenden Leser, machen will, dass er ihn verführen will zu der Anstrengung, tief in den Joyce'schen Kosmos einzutauchen. Und seine Hilfestellung besteht darin, immer da, wo es ihm notwendig erscheint, kommentierend zu erklären, wie und warum Joyce im „Ulysses“ seinen Helden Leopold Bloom am 16. Juni 1904 nicht nur seine persönliche Odyssee in seiner Zeit, in seiner Stadt, durchleben lässt, sondern weshalb er das auch formal streng auf dem literarischen Raster der Odyssee geschehen lässt oder warum auch die beschriebenen Orte dem wirklichen Dublin entsprechen. Man kann noch heute mit dem „Ulysses“ durch die Stadt gehen und findet sie wieder, so wie sie einen der Autor erleben ließ.
Wenn Kunst der Versuch ist, dem Chaos dieser Welt dadurch zu entrinnen, dass man sich wenigstens für einen kleinen Augenblick seine eigene Ordnung schafft, dann ist James Joyces literarische Welt eine unendlich komplexe, vielschichtige, lebendige, höchst subjektive Kompensation für das außerordentlich chaotische, unordentliche Leben des irischen Dichters. Alles was Leopold Bloom im „Ulysses“ an jenem 16. Juni 1904 widerfährt und durch den Kopf geht, ist folgerichtig und logisch. Allerdings von der subjektiven Logik seines Schöpfers, James Joyce. Sich ihm zu nähern verlangt außerordentliche Anstrengungen.
Anthony Burgess will und kann dabei helfen. Wobei ich denke, dass Joyce für Jedermann nicht möglich ist.


Joyce für Jedermann
Anthony Burgess
Suhrkamp Verlag, April 2004
ISBN: 3518456083

Erstellt: 24-06-04
Letzte Änderung: 07-11-13