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08/10/04

Anna und Ines Walachowski

Interview mit dem Pianistinnen-Geschwisterpaar aus Polen

Von Teresa Pieschacón Raphael

- Schwestern sind sich ja im Drama oder Film oft spinnefeind, ob bei Tschechow, Woody Allen oder Rosamunde Pilcher. Wie ist das bei Ihnen?

Ines: Wir sind beide im polnischen Glatz sehr glücklich aufgewachsen,
Anna: Ich war zweieinhalb Jahre alt, als Ines 1966 zur Welt kam, kann mich aber nur daran erinnern, dass wir sie und meine Mutter abgeholt haben. Sie muss ein sehr ruhiges Kind gewesen sein, denn ich kann mich an kein Geschrei erinnern. (Lachen)
Ines: Unser Vater, der Zahnarzt ist, liebte sehr die Musik, hat in Jazzkellern Klarinette gespielt. Er hat sich für seine Kinder immer gewünscht, dass sie Klavier spielen. Wir haben die Musikschule besucht und bekamen Klavierunterricht. Unsere Mutter ist Juristin; beide haben ihre Existenz in Glatz aufgegeben und sind nach Breslau gezogen, weil Anna mit zwölf Jahren dort auf eine Spezialmusikschule bessere Möglichkeiten hatte.
Anna: Ich wollte weiter kommen, da waren sie gezwungen mitzukommen. An dieser Schule habe ich eine hervorragende kostenlose Ausbildung bekommen.

- 1983 beschlossen Ihre Eltern nach Deutschland auszuwandern

Ines: Unsere Großmutter lebte schon lange in Deutschland. Die kam ja aus Schlesien und ist im einstigen Deutschen Reich aufgewachsen. Und unsere Mutter wollte zu ihrer Mutter. Aber mein Vater wollte seine Mutter in Polen nicht alleine lassen. Als die Oma starb, sind sie 1983 nach Deutschland gekommen. Es war schwierig, wir waren in der Pubertät, konnten die Sprache nicht, wir wollten gar nicht bleiben, wir wollten zurück zu unserer Schule und zu unseren Freunden. Die musikalische Bildung war ein Chaos, wir wussten ja nicht wie das hier funktioniert. Irgendwann habe ich entschieden nach Hannover zu gehen zu Professor Kämmerling.

- Inwiefern hat Ihre Schwester Anna Sie darin beeinflusst auch Pianistin zu werden?

Ines: Wir sind gemeinsam aufgewachsen, haben alles gemeinsam gemacht. Da haben wird uns gegenseitig beeinflusst. Für mich stand immer fest, dass ich Pianistin werde. Ich hatte nie den Wunsch Krankenschwester oder Lehrerin zu werden. (Lachen)

- Ines, können Sie mir den Charakter Ihrer Schwester Anna beschreiben?

Ines: (Lachen) Das ist schwierig!
Anna: Ich glaube Ines hat mehr Mut. Als Kinder haben wir die gleichen Stücke gespielt, natürlich in einem gewissen Abstand. Und ich musste immer so lachen, weil sie die Stücke genauso gespielt hat, wie ich. Sogar im Gedächtnis muss sie mich gehört haben! Irgendwann hat sie das dann gemerkt und anders gespielt. Ines ist ruhig, sehr zuverlässig und sehr geduldig.
Ines: Aber auch Anna ist ausgeglichen und ruhig, vor allen Dingen seitdem sie ein Baby hat. Die Zeit der Schwangerschaft war ein bisschen schwierig, vor allen Dingen, wenn wir vierhändig an einem Klavier spielen wollten. Dieser Bauch! Sie saß so richtig weit weg vom Klavier (Lachen).

- Es war nicht nur der Bauch. In einem Interview mit Ihnen Ines sagen Sie: ‚Am Anfang war immer ein Klavier zu viel‘

Ines: Ja, das war schrecklich, diese Mozart Sonate, die dröhnte mir ins Ohr, das war heftig. Wenn man lange Solo spielt, dann muss man sich an den anderen Klang erst gewöhnen.

- Gab es nie Rivalität?

Ines: Nein. Anfangs, 1995, hatte ich das Gefühl, dass die charakterlichen Unterschiede zwischen uns wesentlich stärker waren. Ich habe sehr ‚nach vorne‘ gespielt, so als würde ich die Kontrolle verlieren. Anna hat Ruhe hineingebracht. Ich hatte auch das Bedürfnis, dass man beide Charaktere auf der Bühne spüren muss. In den folgenden Jahren haben wir uns immer mehr angeglichen; Anna hat etwas von mir übernommen und ich einiges von ihr.

- Wie sehen Sie das Anna mit den Charakterunterschieden?

Anna: Ines hat es sehr gut beschrieben. Jetzt, würde ich sagen, haben wir eine Balance gefunden. Bei mir ist vielleicht manchmal mehr Mut da für eine leichte interpretatorische Veränderung (lacht leise)

- Wie kann man überhaupt, wenn man vierhändig spielt eine eigene Identität finden bzw. wahren?

Anna: Das Bedürfnis war am Anfang sehr ausgeprägt, jetzt haben wir ein Ziel, streben eine gemeinsame Interpretation an. Am Anfang hatte ich das Gefühl, ich müsste mich fügen, auf etwas verzichten.

- Wieso?

Anna: Gewisse Dinge waren nicht selbstverständlich wie heute. Gewisse Sachen macht man automatisch...
Ines: Ich musst einmal mit einem Kollegen spielen, der war sehr sehr gut. Aber die Selbstverständlichkeit, die wir uns erarbeitet haben, war nicht da. Es war wie ein Fremdkörper.

- Hatten Sie auch schon Krisen?

Ines: Die gibt in jeder Beziehung, in jedem Quartett. Ich empfinde es als ein Vorteil, dass man sich in der Familie schneller versöhnen kann. Wir wohnen getrennt, haben unsere eigenen Familien. Anna hat vor acht Monaten ein Baby bekommen.
Anna: Der erste Junge in unserer Familie! Jetzt hat mein Vater jemanden zum Fußballgucken.

- Wie oft treffen sich?

Anna. Etwa zweimal pro Woche, dann vor den Konzerten und je nach Bedarf. Ich muss mich jetzt nur besser organisieren.
Ines: Bis kurz vor der Geburt hat sie gespielt und vier Tage danach auch schon!

- Als Kinder haben Sie ein Zimmer geteilt; wie funktioniert es heute mit der Kommunikation auf der Bühne?

Anna: Wir fangen zusammen an, gucken uns an, dazwischen aber kaum mehr. Einmal gab es ein Missverständnis, nach einem Konzert hatten wir uns falsch abgesprochen, jede von uns meinte eine andere Zugabe. Dann habe ich angefangen mit einem Stück von Poulenc. Doch Ines setzte zu einem Stück von Gershwin an. Ich habe mich sehr gewundert, weil sie ein sehr gutes Gedächtnis hat und sehr sehr zuverlässig ist. Sie guckte mich ganz entsetzt an. Gott sei Dank war das keine Live Übertragung. (Lachen)

- Besprechen Sie nach dem Konzert den Abend?

Anna: Ja sicher, aber in zwei Sätzen (Lachen).
Ines: Ja. Alles ganz schnell und dann immer in Polnisch.

Erstellt: 07-07-04
Letzte Änderung: 08-10-04