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05/08/08

Angelika Kirchschlager über "Hosenrollen"

Mezzosopran im Männerrock

Die österreichische Opernsängerin Angelika Kirchschlager über Mozart, Hosenrollen, Opern-Diven und die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten René Jacobs.
Die in Salzburg geborene Angelika Kirchschlager studierte Klavier am Mozarteum und Gesang an der Wiener Musikakademie. Ihr Operndebüt gab sie an der Wiener Kammeroper, seit 1993 ist sie Mitglied der Wiener Staatsoper. 1999 stand sie zum ersten Mal auf der Bühne der Mailänder Scala. Neben Opernrollen singt sie auf Liederabenden in Europa, Nordamerika und Fernost.

ARTE: Frau Kirchschlager, in Paris singen Sie unter René Jacobs den Cherubino in „Figaros Hochzeit“. Was zeichnet für Sie die Zusammenarbeit mit Jacobs aus?

Angelika Kirchschlager: Für mich hebt sich seine musikalische Herangehensweise in erster Linie durch die historischen Instrumente von der anderer Dirigenten ab. Jacobs schafft zudem viele Verzierungen, die sehr schön, aber auch gewöhnungsbedürftig sind. Für mich ist es vor allem angenehm, die Rolle des Cherubino zu singen, weil in dieser Produktion alles einen halben Ton tiefer ist und dadurch die anstrengende Übergangslage ein wenig entkräftet wird.

ARTE: Der Cherubino war Ende der 80er Jahre eine Ihrer ersten Opernrollen, kurz darauf haben Sie auch den Idamante in Mozarts „Idomeneo“ und den Octavian in Strauss’ „Rosenkavalier“ gesungen. Haben Sie sich diese so genannten Hosenrollen bewusst ausgesucht?

Angelika Kirchschlager: Der Cherubino bietet sich für meine Stimmlage, den lyrischen Mezzosopran, wahrscheinlich als erstes an. Meine Stimme und mein Äußeres passen zu diesen Figuren und deshalb sind mir Männerrollen wahrscheinlich häufiger angeboten worden. Mir war das sehr recht, denn wenn man jung ist, gibt es eigentlich kaum Frauenrollen, die musikalisch und darstellerisch so herausfordernd sind. Ich habe natürlich auch eine Zerlina („Don Giovanni“) gesungen, die Rosina („Der Barbier von Sevilla“), die Despina oder die Dorabella („Così fan tutte“) – aber das sind halt immer nur die lustigen Pupperl.

ARTE: Haben Sie als gebürtige Salzburgerin eigentlich ein besonderes Verhältnis zu Mozart?

Angelika Kirchschlager: Nein, ich glaube, Mozart ist so groß, dass seine Herkunft kaum eine Rolle spielt. Es gibt so viele Dinge, die wesentlich wichtiger sind an Mozart und die jeder Mensch verstehen kann, egal woher er kommt. Natürlich hat die Tatsache, dass ich die ersten Jahre meines Lebens in den gleichen Gebäuden verbracht habe wie er, einen besonderen Reiz. Die Salzburger Altstadt sieht ja noch so aus wie damals und auch die Salzach fließt noch genauso.

ARTE: Sind Opernsängerinnen, wie oft behauptet wird, grundsätzlich Diven? Wenn ja, warum?

Angelika Kirchschlager: Zum einen denke ich, dass das Publikum hin und wieder ganz gerne eine Diva sieht. Zum anderen stehen Opernsängerinnen unter enormem Druck: Und je mehr man unter Druck steht, desto mehr wird man vielleicht zur Diva. Ich versuche immer sehr freundlich und geduldig zu sein. Aber wenn der berufliche Stress zunimmt, weil man vielleicht krank ist oder keine Zeit hat, kann es schon mal vorkommen, dass man zickig wird. Plötzlich passt einem gar nichts mehr, man wird unfreundlich und muss irgendwo Luft ablassen.

ARTE: Wie gehen Sie damit um?

Angelika Kirchschlager: Die Herausforderung besteht darin, mit diesem Druck anders fertig zu werden als mit Unfreundlichkeit. Ich versuche mich gut auf meine
Partie vorzubereiten und mich nicht zu überschätzen. Wenn man sich immer als etwas Außergewöhnliches darstellt, muss man irgendwann diese Erwartungen erfüllen. Am besten, man schleicht in aller Bescheidenheit umher – stellt man dann etwas ganz Tolles auf die Beine, wird man sowieso mit mehr Aufmerksamkeit bedacht.

Das Gespräch führte Jakob Buhre für das ARTE Magazin

Erstellt: 09-06-04
Letzte Änderung: 05-08-08