Zur Abrundung des Rohmer-Bildes steuert der junge Schauspieler Andy Gillet, der in Rohmers Film „Les Amours d’Astrée et Céladon“ (nach dem Roman „L’Astrée“ von Honoré d’Urfé, 1607-1627 – A.d.Ü.) den Céladon spielt, Eindrücke und Anekdoten von den Dreharbeiten bei. Was für ein Bild ich von Rohmer habe? Ich bin sein Fan geworden (Lachen). Er ist ein außergewöhnlicher Mann, und die Begegnung mit ihm war für mich sehr wichtig. Seine Tiefe, sein Humor und seine Modernität machen ihn einfach faszinierend, und er umgibt sich mit faszinierenden Menschen: seinen Mitarbeiterinnen wie seinen Schauspielerinnen und Schauspielern: Françoise Etchegaray (künstlerische Mitarbeiterin, Eric Rohmers Produzentin – A.d.R.), Diane (Baratier), Pascal Ribier (Ton), Marie Rivière, Arielle Dombasle (beide Schauspielerinnen – A.d.Ü.). Alle Mitglieder der Rohmer-Familie, die ich kennen gelernt habe (und er selbst), sind unglaubliche Leute. Das ist ziemlich typisch für ihn. Er versteht es, ein Vertrauensverhältnis zu schaffen und umgibt sich mit interessanten, intelligenten und lustigen Leuten, die ihm ein wenig ähneln.
Richtig mit seiner Arbeit beschäftigt habe ich mich erst nach den Dreharbeiten (zu „Les Amours d’Astrée et de Céladon“). Um mich in seine Herangehensweise hineinzudenken, begann ich, Schriften von und über ihn zu lesen, alle seine Filme (mitsamt Bonusmaterial) anzusehen. Dabei wurde mir klar, was ihm bei den Dreharbeiten wichtig gewesen war und inwiefern es sich auf sein früheres Werk bezog. Ich war ganz unbekümmert an die Sache herangegangen und wusste nicht allzu gut, wer Rohmer ist. Bei der Arbeit zog das ganze Team an einem Strang.
Rohmer hatte Stéphanie (Crayencour) für die Rolle der Astrée gefunden und suchte nun jemanden für den Céladon. Die Begegnung mit ihm – nicht bei einem Casting oder Vorsprechen wollte er mich kennenlernen – war ein wunderbarer Augenblick. Ich kam in sein Büro, und den ganzen Nachmittag lang sprachen wir über alles und nichts, über Literatur … Er erzählte mir den Film, sprach mit mir über das Drehbuch, die Vorbereitung der Dreharbeiten, die Suche nach Kostümen und Dekors. Auch alte Stiche zeigte er mir. So diskutierten wir über das Projekt, und er bat mich nur, Verse vorzulesen, und zwar aus der Racine-Tragödie „Bajazet“. Mit dieser Lektüre endete unser Gespräch. Danach habe ich ihn ungefähr jeden Monat wiedergesehen: das erst Mal im April 2005, dann regelmäßig, und im November gab er mir das Drehbuch.
Wenn er über das Drehbuch mit mir sprach, ging es um ein zentrales Thema seiner Filme, die Irrungen und Wirrungen der Liebe, und um die Natur, die in seinem Ausgangskonzept schon sehr präsent war. Sehr wichtig – und sehr schwer zu finden - war das Dekor. Die im Roman beschriebene Region Le Forez ist heute völlig verstädtert, daher ließen sich kaum noch unberührte Orte mit Wäldern ohne Stromleitungen und Autobahnlärm finden.
Das Drehbuch, die Schreibweise überzeugten mich, und letztendlich fühlte ich mich Céladon sehr nahe. Ich bin ihm vom Wesen her sehr nahe, ich habe mich nicht intellektuell mit ihm auseinander gesetzt, um mich ihm zu nähern. Beim Spielen schöpft man dann natürlich vor allem aus seinen „privaten“ Empfindungen …
Dass Céladon eine „historische“ Figur ist, hat mir nicht viel ausgemacht. Ich sagte mir, es ist eine lebendige Person, also spielt die Zeit keine große Rolle. Menschliche Gefühle bleiben gleich. Ich habe mir nicht gesagt: Es ist eine Gestalt aus dem 17. Jahrhundert, also muss ich ihn so oder so darstellen, nein, Céladon, das war ich, ein Mensch von heute.
Bei der schauspielerischen Arbeit fühlt man sich nicht ein für alle Mal von Rohmers Vorstellungen festgelegt. Was für ihn feststeht, ist die Inszenierung, die wir vorher beschlossen haben. Bei der Probe am Morgen zum Beispiel wird ein Weg festgelegt, und den muss man einhalten. Aber so etwas findet man gemeinsam, und sobald es festgelegt ist und ihm gefällt, wird es aufgeschrieben, und dieser Weg bleibt derselbe, man kann ihn am Nachmittag nicht verändern. Gleichzeitig braucht man auch nichts neu zu erfinden, denn es gibt eine Aufnahme oder zwei. Wir halten uns daran. Wenn er aber zum Beispiel Wind in den Bäumen will, weil er meint, das verleihe der Szene Poesie, warten wir eine halbe oder eine Stunde, so lange bis ein Windstoß in den Bäumen zu hören ist. Was sich nicht ändert, ist der Text, das heißt, wir wiederholen eine Szene, wenn die Liaison zwischen zwei Worten nicht korrekt gesprochen wurde: da lässt er nicht locker. Aber nur dabei ist er sehr dezidiert; danach wird alles im vollen Einklang mit dem gesamten Team beschlossen: die Bewegungen, die Spielweise – da ist nichts von vornherein festgelegt.
- Legt er grundsätzlich besonderen Wert auf den Ton, insbesondere auf den Ton der Schauspieler, darauf, wie sie klingen, wie ihre Sprache klingt?
Ja, so arbeitet er im Wesentlichen, nach dem Gehör.
- Kann es zum Beispiel vorkommen, dass er Sie bei einer Probe nicht ansieht, sondern nur zuhört?
Ja, das kommt vor, ziemlich oft sogar.
Er behält gern eine Aufnahme, in der sich der Schauspieler einen Moment lang ungeschickt angestellt hat. Er belässt es möglichst bei der ersten, instinktiven Aufnahme, statt die Szene zwanzig Mal nachzudrehen, bis sie perfekt ist. Ein solcher Arbeitsstil widerstrebt ihm.
Ich erinnere mich an ein Gespräch, das wir führten, als die Dreharbeiten schon recht fortgeschritten waren: Wir fragten ihn, warum er manche Szene nicht nachdrehen wolle, denn manchmal fühlten wir uns unsicher. Daraufhin erklärte er uns anhand von Beispielen aus der Filmgeschichte, insbesondere der russischen, warum er die seiner Meinung nach sehr intensive Spielweise in den russischen Filmen nicht möge und warum er sie für dem Film abträglich halte. Aus unserem Wunsch nach mehr Aufnahmen entspann sich also eine lange filmtheoretische und filmgeschichtliche Diskussion.
Es gab einen weiteren Anlass: die Szene, in der ich als Frau verkleidet bin und in der Astrée mir sagt, dass sie Versprechen nie bricht. Da weiche ich zurück, ich weiche sehr weit zurück, fast ins Dunkle hinein. Als Rohmer die Aufnahmen wieder ansah, stellte er sofort Bezüge zu Beispielen aus der Filmgeschichte her, zu Fritz Lang u.a. Er diskutierte vor allem mit Françoise Etchegaray, die ebenfalls eine unglaubliche filmgeschichtliche Bildung hat.
- Nach der ersten Vorführung von „Les Amours d’Astrée et de Céladon“
Filmvorführungen sind nie ganz leicht, man muss sich an sein eigenes Konterfei auf der Leinwand gewöhnen. Dennoch war ich von der Frische und Poesie, vom Reiz des Films hingerissen, und ich schlüpfte vollständig in die Rolle des Zuschauers, ohne mich an Anekdoten von den Dreharbeiten zu erinnern. Der Film zog mich in seinen Bann, und ich erinnere mich merkwürdigerweise gern an die erste Vorführung. Der Film war sowieso von der ersten Begegnung mit Rohmer an reines Glück, spürbares Glück, jede Sekunde bis zur Vorführung. Auch wenn es mir zuerst schwer fiel, mich auf der Leinwand zu sehen, habe ich mich mitreißen lassen.
Nachdem ich mir alle Rohmer-Filme noch einmal angeschaut hatte, kam mir „Les Amours d’Astrée et de Céladon“ wirklich wie eine Art Synthese seines Filmschaffens vor: Es geht zum einen um Liebesverwicklungen, die er so gern in seinen Filmen behandelt, und zum anderen um die Natur. Es ist ein historischer Film wie „Die Marquise von O …“ und „Perceval Le Gallois“; und es ist eine Synthese seines ganzen Werkes, das sich Themen öffnet, die er bisher nicht behandelt hat. All das stellte ich aber erst nachträglich fest. Beim Drehen selbst habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, und ich wollte es auch gar nicht.
Ich finde, er war immer unglaublich modern, zum Beispiel in „Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek“. Genauso ist es doch, so war es Ende der 90er-Jahre, und so ist es auch heute noch. Seine Filme zeugen oft, eigentlich immer, von einer Art Modernität und Hellsicht. Und Les Amours d’Astrée et de Céladon“ ist modern aufgrund der Themen, die der Film anspricht. Sogar das Thema „Treue“ scheint mir überhaupt nicht veraltet, und es ist momentan wieder sehr im Kommen. Ebenso wie „sexuelle Ambivalenz“, „Treue zu sich selbst“, „Liebe und Eigenliebe“.
Als ich den Film „Les Amours d’Astrée et de Céladon“ zum ersten Mal sah, sagte ich mir: Ein totales UFO, aber auch vollkommen zeitlos, denn das Thema spricht einen immer an. Außerdem ist der Film sehr poetisch und frisch … Sogar die Sprache ist nicht altmodisch. Es ist natürlich keine Sprache von heute, man muss sich schon anstrengen, um sie zu verstehen, aber wirklich veraltet ist sie nicht.
Rohmer macht keine Bilder, sondern Film: Die Ästhetik ist durchdacht, die Drehbücher sind gehaltvoll. In diese Richtung möchte ich gehen.
Die Arbeit mit Rohmer hat mir eine ganze Welt eröffnet. Für mich, der ich aus einer kleinen Provinzstadt stamme, aus einem überhaupt nicht filminteressierten Milieu, der ich kaum etwas über die Nouvelle Vague wusste, war das eine echte Entdeckung. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal solche Drehbedingungen haben werde: mit so wenig Leuten, einem so kleinen Team. Zu dieser Welt gehört eben auch diese Arbeitsweise. Auf jeden Fall war ich froh, sie zu entdecken.
Das Gespräch führte Olivier Bombarda im Juli 2007 in Paris.