Eine Suada. Der, der hier spricht und zu sprechen nicht aufhört; der sich erinnern muss, obwohl er vergessen wollte; der die Vergangenheit aufrollt, weil sie ihn einholt; der von den Dingen, die ihm geschehen und denen, die ihm einst widerfahren sind, getrieben wird, weil ihm die Kraft fehlt, sie selbst zu bestimmen - er heißt George Verney. Er war, es ist Jahre her, ein erfolgreicher Gesellschaftsjournalist, Teil der besseren Gesellschaft von Brisbane und lebt, nach einem weit über ihn persönlich hinausreichenden Skandal diskreditiert, im Kaff Highwood in den Bergen an der Grenze des australischen Bundesstaats Queensland. Der Skandal ist das, was ihn einholt, und aus der Perspektive dieses Einholens, im Rückblick also, wird er von George Verney erzählt.Rückblick heißt in diesem Fall nicht Distanz. Ganz im Gegenteil, das Geschehene ist wieder da, etwas Verdrängtes, das auftaucht, auf einen Schlag, mit einem Telefonanruf, nach zehn Jahren. Ein Mord ist geschehen, ein abscheulicher Mord. Charles Monohan ist in einem kleinen Umspannwerk in der Nähe von Highwood gefoltert worden und durch Stromstoß verbrannt. Monohan war in den Skandal damals verwickelt, ein Freund von George Verney, aber auch ein Konkurrent um eine Frau, sie hieß Maybellene. George Verney hat Charlie nicht gesehen seit damals. Wie kann es sein, dass der offenbar zu ihm wollte? Und wer kann etwas gehabt haben gegen ihn, der nicht mehr derselbe war nach den Ereignissen einst? Diesen Fragen geht George nach, er wird, nicht weil er will, sondern weil etwas in ihm muss, zum Archäologen der eigenen Vergangenheit, die das Buch nach und nach in Rückblenden entfaltet.
Den Skandal in Brisbane gab es wirklich, Ende der achtziger Jahre. Eine korrupte Gesellschaft mit Hintermännern von Hintermännern von Hintermännern. George Verney hat das nie wirklich durchschaut als kleine Nummer, das muss er auf seiner Recherche nachträglich erfahren. Der Mangel an Klarheit hat allerdings auch einen sehr eindeutig benennbaren Grund: Seine Vergangenheit ist durchtränkt, ganz buchstäblich, von Alkohol, Strömen von Alkohol, die nun auch das Erinnern selbst, die Suada, die dieser Roman ist, zu einem einzigen mal reißenden, mal strudelnden, mal fast stillstehenden Fluss machen. Dieser Strom, diese Suada, diese unendliche Trinkerei , in der das Gefühl für die Zeit, für die Wirklichkeit, für die Grenzen des eigenen Selbst sich auflösen bis hin zur Selbstzerstörung, das ist es, worauf Andrew McGahan mit seinem Trinkerroman "Last Drinks" hinauswill.
Die doppelte Auflösung, zu der der Roman strebt, verfestigt sich aufs Ende hin zum nicht unbedingt reizvollen Widerspruch. Das strudelnde Chaos des - irgendwann nicht mehr rein retrospektiven - Sich-zu-Tode-Trinkens wird von der detektivischen Mustererkennung konterkariert, ohne dass der Roman daraus eine interessante Spannung bezieht. Die destruktive Auflösung der Subjekte und die rekonstruktive Auflösung des Falls verstärken einander nicht, sondern nehmen sich gegenseitig Kraft und Glaubwürdigkeit. "Last Drinks", der erste - und laut Selbstauskunft leider auch letzte - Versuch des hoch angesehenen Autors im Kriminalroman-Genre, hat einzig den Fehler, dass er den vermeintlichen Regeln des Genres zu treu ist. Denn dass geschürzte Rätselknoten am Ende sauber auseinandergedröselt gehören, steht nirgends geschrieben.
Ekkehard Knörer/Perlentaucher







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