„Was uns Russen passiert ist, ist verrückt. Mit dem Untergang der Sowjetunion und den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen, die darauf folgten, haben wir auf einen Schlag unsere Vergangenheit, unsere ganze kommunistische Vergangenheit, verloren, konnten uns aber auch keine Zukunft vorstellen. Keine Vergangenheit mehr und keine Zukunft, nur eine ständige Gegenwart. Hier und jetzt. In einer solchen Lage muss man sehr stark und zugleich sehr reaktionsschnell sein, um zu überleben.
(…) Man ist bei Ihnen erstaunt und empört darüber, dass es im russischen Volk so wenige Reaktionen auf die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja gab und dass ihre Ermordung kein nationales Ereignis geworden ist. Aber heute geht das russische Reich zum Gegenangriff über. Die Menschen spüren, dass man sich nicht in diesen neuen Machtkampf einmischen darf. Das ist zu riskant. Alle wissen um die Gräueltaten in Tschetschenien, die Folter, die politischen Morde. Trotzdem, und das ist ein neues Paradox, fürchten die Menschen nicht, wir könnten uns auf einen neuen Faschismus zubewegen ... Denn wir sind zu schlecht organisiert, um wie in der kommunistischen Zeit Befehlen zu gehorchen. Anna Politkowskaja hat alles getan, um die Lügen der Machthaber anzuprangern und die Öffentlichkeit auf diesen abscheulichen Krieg aufmerksam zu machen. Es klingt schrecklich, aber ihre Tragödie ist vor allem eine persönliche.
(…) Der Freiheitsbegriff ist in meinem Land nicht heimisch. Die Demokratie ist keine russische Idee, wir haben sie weder erfunden noch angewandt. Sie ist eine griechische und europäische Idee. Ich sage das nicht aus Zynismus. In geografischer Hinsicht mag Russland zu Europa gehören, nicht aber in geistiger, psychologischer, ästhetischer oder kultureller Hinsicht. Schließlich gab es vor gut 140 Jahren noch Millionen von Sklaven in Russland!
(…) Glauben Sie nicht, dass der russische Fatalismus zu einer ewigen Kapitulation führt. Er besteht aus Geduld und Mut. Um ans Überleben zu glauben, braucht man einen gewissen Humor. Der große Dichter Joseph Brodsky erzählte, er habe zu der Zeit, als er wegen ‚gesellschaftlichen Parasitentums zum inneren Exil verurteilt war, ein gewisses Glück darin gefunden, jeden Tag im Morgengrauen aufzustehen und Holz zu fällen wie Millionen Russen. Zum ersten Mal fühlte er sich dieser großen Gemeinschaft angehörig. Ich kann ihn verstehen. Seien Sie beruhigt, alles geht vorbei.“
Auszüge aus dem Gespräch mit Andrej Gelassimow: „Nos démons“, in Le Nouvel Observateur, 27. Oktober 2006






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Nachdem 2001 in Russland sein Band mit Erzählungen, Foks Malder pochosh na svinja (Fox Mulder sieht aus wie ein Schwein) erschienen war, wurde Andrej Gelassimow von der Kritik als der neue „sibirische Salinger“ gefeiert. 2002 veröffentlichte er sein zweites Werk, Zhazhda (Durst), ein tragikomisches Roadmovie über einen jungen Mann, der entstellt aus dem Tschetschenienkrieg zurückgekehrt ist. „Bei Gelassimow ist der Humor weniger eine zweite Natur als vielmehr eine Waffe, eine Form des Widerstands, um überleben zu können“, urteilte Le Monde des livres 2005. Seitdem ist der 1965 in Irkutsk geborene Schriftsteller der aufsteigende Stern der russischen Literatur. 2003 veröffentlichte er den Roman God obmana (Jahr der Lüge). In deutscher Übersetzung erschien seine Erzählung „Zartes Alter“ in dem von Galina Dursthoff herausgegebenen Sammelband Russland. 21 neue Erzähler (Deutscher Taschenbuchverlag, München 2003). In französischer Übersetzung erschienen die drei erstgenannten Werke beim Verlag Actes Sud. Gelassimow wurde beim französischen „Festival des Belles Étrangères“ zur „Révélation de l’année 2004“ erklärt. Bei der Pariser Buchmesse „Salon du livre“ erhielt er 2005 den „Prix de la Découverte“.
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