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Im Gespräch mit... - 09/01/07

Andrea Sawatzki

u. a. zu ihrer Rolle im zweiteiligen Fernsehfilm "Helen Fred und Ted" von Sherry Hoemann (auf ARTE am 5. 1. 2007)


Frau mit Geheimnissen

Andrea Sawatzki ist Spezialistin. Für Frauenrollen, die den Zuschauer nicht selten verwirrt zurücklassen – so wie die rätselhafte und spröde Tatort-Kommissarin Charlotte Sänger. In der zweiteiligen Komödie „Helen, Fred und Ted“ spielt sie eine Psychotherapeutin. Ob das hilft?
Andrea Sawatzki ist eine der talentiertesten deutschen Schauspielerinnen, die alle Genres vom Drama bis zur Komödie beherrscht. Zuletzt wurde sie mit dem Hessischen Fernsehpreis und dem Deutschen Comedy-Preis ausgezeichnet. Im Januar ist sie in ihrer bisher wohl menschlichsten Rolle zu sehen. In „Helen, Fred und Ted“ spielt sie die Psychologin Helen Cordes, die in die Praxis von Fred (Friedrich von Thun) und Ted (Christian Berkel) einsteigt. Alle drei haben eines gemein: Ihren Patienten können sie fast immer helfen, nur wenn es um die eigenen Gefühle geht, geraten sie ins Schleudern. ARTE traf die Schauspielerin in Berlin.

ARTE: Frau Sawatzki, „Helen, Fred und Ted“ erzählt die Geschichte von drei Psychotherapeuten – hatten Sie sich vorher schon einmal mit diesem Thema befasst?
Andrea Sawatzki: Überhaupt nicht. Außer dass ich immer fasziniert war von Menschen mit Problemen – natürlich, weil das die interessantesten Rollen sind.
ARTE: Durchgeknallte Frauen zu spielen scheint Ihre Spezialität zu sein …
Andrea Sawatzki: Ich liebe das. Es gibt noch zu wenige Geschichten von Menschen in psychischen Extremsituationen. Das ist doch auch für die Zuschauer am spannendsten, weil die Figuren nicht so reagieren, wie man es erwartet. Durch meine Rolle in „Helen, Fred und Ted“ kam ich nicht umhin, bei mir selbst nachzuforschen, was da alles schon schief gelaufen ist. Wo man schon einmal die Schotten dicht gemacht und gesagt hat: Ich mache jetzt einfach irgendwie weiter und kümmere mich nicht um das, was gewesen ist.
ARTE: Sie waren vorher noch nie beim Psychiater?
Andrea Sawatzki: Nein.
ARTE: Warum nicht?
Andrea Sawatzki: Es wäre vielleicht mal ganz gut gewesen, gerade in der Pubertät. Mein Vater ist früh gestorben, als ich 13 Jahre alt war. Er war sehr krank, hatte Alzheimer und Krebs. Meine Mutter und ich mussten uns mit der Pflege abwechseln, weil wir es finanziell gar nicht anders geschafft hätten. Auch sonst hatte ich oft Situationen in meinem Leben, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen soll. Aber dann habe ich den Beruf der Schauspielerin ergriffen und mich wohl gewissermaßen über meine Rollen gerettet.
ARTE: Schauspielern statt Psychotherapie?
Andrea Sawatzki: Man kann ja Parallelen ziehen, zwischen dem, was eine Figur, die man zu spielen hat, erlebt, und dem, was man selbst erlebt hat. Man ist ja nicht nur ein einziger Mensch, sondern sozusagen aus vielen Personen zusammengesetzt.
ARTE: Aber die Schauspielerei schützt einen doch nicht davor, auch mal mit den eigenen Abgründen konfrontiert zu werden.
Andrea Sawatzki: Die Abgründe sind vorhanden, aber ziemlich gut verschlossen. Wenn ich die Gelegenheit habe, etwas zu spielen, was ein womöglich verdrängtes Erlebnis aufgreift, kann ich es wieder rausholen und mit der Rolle darauf reagieren. Man hat die Möglichkeit, sich beim Nachdenken über die Arbeit mit dem eigenen Leben abzugleichen. Aber so genau will ich mich auch gar nicht kennen. Ich finde es gut, wenn man sich selbst auch ein Geheimnis bleibt.
ARTE: Macht Sie das nicht unruhig, sich selbst ein Geheimnis zu sein?
Andrea Sawatzki: Es macht mich unruhig, aber es ist zum Spielen ganz gut. Die meisten Menschen denken ja noch viel weniger über sich nach, und – schwupps – landen sie in einer Depression. Auch darum geht es übrigens in „Helen, Fred und Ted“.
ARTE: Man hat das Gefühl, dass Helen Ihre bisher normalste Rolle war. Am ehesten so, wie man sich Andrea Sawatzki privat vorstellt.
Andrea Sawatzki: Das liegt sicher daran, dass die Regisseurin Sherry Hormann von uns verlangt hat, nicht zu spielen. Die Therapeuten sollten neutral bleiben, und die Spielfläche sollte an die Patienten gehen. Es war sehr anstrengend, sich nicht hinter einer Figur verstecken zu können. Unangenehm.
ARTE: Auch ihre Tatort-Kommissarin, Charlotte Sänger, ist eigentlich ein Fall für den Psychiater. Oder?
Andrea Sawatzki: Total! Ich durfte die Figur mitentwickeln und wollte auf keinen Fall ein Scheidungsopfer spielen oder eine allein stehende Frau mit zwei Kindern – die typischen Konfliktfelder. Ich wollte eine Frau spielen, die man nicht auf den ersten Blick versteht. Bei der man denkt: Was hat die denn? So kam der Anfangskonflikt mit den Eltern zustande, die Charlotte Sänger versorgen muss. Auch aus der Erfahrung mit meinem Vater.
ARTE: Für die Charakterrolle der Charlotte Sänger haben Sie kürzlich den Hessischen Fernsehpreis gewonnen. Zwei Wochen später wurde Ihnen der Deutsche Comedy-Preis verliehen. Ein ziemlicher Spagat.
Andrea Sawatzki: Mich freut das natürlich, weil ich das alles gerne spiele.
ARTE: Erklärt das, warum sich Ihre Filmografie von ambitionierten Projekten wie „Das Experiment“ bis zum Erkan-&-Stefan-Film „Der Tod kommt krass“ erstreckt?
Andrea Sawatzki: Oh je! Warum habe ich bei dem Erkan-&-Stefan-Film damals noch gleich zugesagt …?
ARTE: Geld?
Andrea Sawatzki: Auch. Aber das Ziel war eigentlich, mal andere Filmemacher auf mich aufmerksam zu machen – und zu zeigen, dass ich auch was Komisches spielen kann.
ARTE: Hat ja funktioniert.
Andrea Sawatzki: Auf jeden Fall. „Arme Millionäre“, die Serie, für die ich den Comedy-Preis gewonnen habe, kam dadurch erst zustande. So etwas muss man ab und zu mal machen, wenn man sich nicht festlegen will. Trotzdem wäre ich heute kritischer, bevor ich einen Erkan-&-Stefan-Film annehme. Meine Agentin klopft mir da auch ein bisschen auf die Finger – obwohl es schwierig ist, mich zu bremsen. Dahinter steckt die Urangst, keine Rollen mehr zu bekommen. Das hat sich bei mir erst durch den „Tatort“ gelegt. Heute weiß ich, dass ich 2007 drei Filme mache. Das entspannt.
ARTE: Sind die lustigen Rollen ein Ausgleich? Ihre Möglichkeit, es sich auch mal leicht zu machen?
Andrea Sawatzki: Leider ist auch Komik schwer, weil das Timing so schwierig ist. Bei Tragik kann man den Moment mal verschleppen. Aber es stimmt: Komödien sind meine Auszeiten, meine Erholung von den menschlichen Abgründen.
ARTE: Wird es Ihnen nie zuviel, immer das menschliche Grauen an die Oberfläche zu befördern?
Andrea Sawatzki: Nein. Das sind ja die Argumente der Fernsehmacher: Die Zuschauer wollen abends die Füße hochlegen und entspannen – deswegen wird so etwas zu selten produziert. Aber mir geht es genau darum. Ich bin Schauspielerin geworden, um etwas auszulösen. Aus den Dreharbeiten für „Das Experiment“ habe ich den Satz mitgenommen: Der Mensch kann nicht gut sein. Vielleicht noch, wenn er geboren wird, aber im Laufe seines Lebens strömt so viel auf ihn ein, dass er auf jeden Fall auch das Schlechte in sich sammelt.
ARTE: Keine angenehme Erkenntnis.
Andrea Sawatzki: Die meisten Menschen muss man nur in die richtige Situation bringen, dann tun sie das Falsche. Ich habe bei meiner Arbeit oft Gelegenheit, mich zu fragen, wie ich selbst reagieren würde, und komme zu dem Schluss, dass ich es leider auch bei mir nicht ausschließen kann, ein schlechter Mensch zu sein. Es kommt immer auf die äußeren Umstände an.
ARTE: Wie genau sehen Sie denn bei Ihrem Mann Christian Berkel hin, mit dem Sie auch in „Helen, Fred und Ted“ zusammen spielen?
Andrea Sawatzki: Wir lernen uns beim Spielen immer wieder neu kennen, weil wir durch die verschiedenen Lebensgeschichten gezwungen sind, mal ganz anders auf den Partner zu reagieren. Das macht großen Spaß.
ARTE: Wann ist denn eigentlich die Arbeit zu Ende – wenn Sie zusammen spielen oder leben?
Andrea Sawatzki: Bei Christian und mir gibt es Gott sei Dank den Ausgleich, dass wir ganz pragmatische Probleme zu lösen haben: Wer bringt die Kinder zur Schule, wer kauft ein?
ARTE: Es passiert also nicht, dass Ihre Kinder sich beschweren: Mama, Papa, es ist Drehschluss!
Andrea Sawatzki: Nein, bei uns zu Hause ist alles völlig normal.

Das Gespräch führte David Pfeifer für das ARTE Magazin

Freitag, 5. Januar 2007, um 20.40 Uhr
Helen, Fred und Ted
Zweiteiliger Fernsehfilm
(1): Was ist schon normal?
Freitag · 5. Januar · 20.40
(2): Drei ist eins zuviel
Freitag · 5. Januar · 22.10

Andrea Sawatzki Biografie: geb. 1963 in Kochel am See, Studium an der Münchner Schauspiel-schule. Seit 2002 die Kommissarin Charlotte Sänger im „Tatort“ Frankfurt.
Filmografie (Auswahl): „Erkan & Stefan: Der Tod kommt krass“ (2004); „Die Manns“ (2000); „Das Experiment“ (2000); „Late Show“ (1998); „Die Apothekerin“ (1996/97); „Das Leben ist eine Baustelle“ (1995)
Auszeichnungen: 2006: Hessischer Fernsehpreis für Tatort-Folge „Das letzte Rennen“; Deutscher Comedy-Preis für „Die armen Millionäre“ (TV-Serie); 2005: Adolf-Grimme-Preis und Preis des besten deutschen Fernsehkrimis für Tatort-Folge „Herzversagen“

Erstellt: 21-12-06
Letzte Änderung: 09-01-07