Cannes 2007 - Un Certain Regard - 11/09/08
Am Ende kommen die Touristen
Ein Film von Robert Thalheim
Entspannt begeht der junge Regisseur Robert Thalheim einen für deutsche Verhältnisse immer noch mittelgroßen Tabubruch - den touristischen Rummel im einstigen Konzentrationslager Auschwitz ohne falsche Betroffenheit durch die Brille eines Berliner Zivis zu zeigen.
Darsteller: Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka u.a.
BRD, 2007, 85’
Synopsis: Sven, 19 Jahre alt, Berliner, ist nur durch Zufall in Auschwitz gelandet. Eigentlich wollte er seinen Zivildienst in Amsterdam ableisten. Nun aber soll er Touristen im Besucherzentrum und vor allem den störrischen ehemaligen Häftling Stanislaw Krzeminski des einst größten und schrecklichsten Vernichtungslagers der Nazis betreuen.
Kritik: Eigentlich merkwürdig, denkt man, dass kein deutscher Regisseur oder Drehbuchautor schon früher auf diese Idee gekommen ist – Auschwitz als musealen touristischen Erinnerungsort zu zeigen, aus der Perspektive eines unpolitischen deutschen Spätgeborenen. Keine bleischweren historischen Flashbacks, keine nachgestellten Bilder der Vernichtung, die sich von selbst verbieten (und deshalb seitens der Erinnerungsstätte am Originalschauplatz grundsätzlich nicht gestattet sind) - also eben nicht noch ein künstlerisch zum Scheitern verurteilter und am anvisierten Publikum vorbei erzählter Holocaust-Mahnmalfilm der 68er-Generation, wie ihn 2002 beispielsweise Constantin Costa-Gavras mit Rolf Hochhuths „Stellvertreter“-Adaption „Amen“ fabriziert hat.
Vielleicht muss man selbst lange am Ort des einstigen Schreckens gewesen sein, um ein neues, unvoreingenommeneres Verhältnis zu diesem von deutscher Schuld überladenen Ort und Bilder dafür zu finden, die die Ikonographie aus „Arbeit macht frei“-Lagereinfahrt, Verbrennungsofenschlot und Kofferhaufen, die wir alle im Kopf haben, nicht einfach verdoppelt oder auf peinliche Art und Weise variiert, wie Costa-Gavras damals mit seiner symbolschwangeren, zu Stakkato-Streichersätzen durch weißen Schnee schnaufenden, schwarz qualmenden Vernichtungszug-Diesellokomotive. Länger als ein Tourist zumindest, der im Normalfall ein paar Stunden in der Gedächtnisstätte museale Erinnerungsstücke an sich vorbeiziehen lässt und nachher ein paar Postkarten vom schulischen oder dem vom eigenen Gewissen verordneten Pflichtbesuch mit nach Hause bringt. Wie es der 1974 in einem Westberliner Vorort geborene Robert Thalheim getan hat, der wie sein männlicher Protagonist seinen Zivildienst in der Begegnungsstätte in Oswiecim geleistet hat.
Sehr unverkrampft und unbelastet nähert sich denn auch sein Alter Ego diesem geschichtsträchtigen Ort. Zumal Sven ja eigentlich gar nicht hierher wollte, sondern eine Verwaltungspanne ihn nach Auschwitz gebracht hat. So entdeckt der Zuschauer mit dem kein Wort Polnisch sprechenden, ortunkundigen Protagonisten die für Außenstehende erst einmal befremdlichen Seiten eines touristischen Großereignisses: Busladungen voller Menschen lassen sich unter dem „Arbeit-macht-frei“-Schild fotografieren lassen und weniger geschichtsrevisionistische, als dummdreiste deutsche Lehrlinge fordernden den einzigen überlebenden KZ-Häftling vor Ort dazu auf, seine auf den Unterarm eintätowierte Lagernummer zu zeigen, wie eine Art Glaubwürdigkeitsausweis.
Je genauer Sven hinguckt, desto subtiler sind die Grabenkämpfe, die an diesem Ort immer noch existieren. Moralinsaure deutsche Geschichtsvermittler beanspruchen vor Ort die emotionale Deutungshoheit über die eigene historische Schuld, wie etwa die im Auftrag eines neu in Auschwitz angesiedelten deutschen Chemieunternehmens (hier wird Thalheim in Anspielung an die IG Farben etwas plakativ) Gedenksteine aufstellende und KZ-Überlebende einladende Öffentlichkeitsarbeiterin, der das einzelne menschliche Schicksal hinter dem millionenfachen Tod egal ist. Dem alte Krzeminski widerfährt an dem Ort, den er nach seiner Befreiung nicht mehr verlassen mochte, weil er sich gegenüber den Opfern der Nazis, die er überlebt hat, in der Pflicht sieht, auch noch auf anderem Gebiet Herablassendes – seine Arbeit als Restaurator ist nicht mehr gefordert und keiner traut sich, ihm dieses beizubringen. Und auf der anderen Seite macht sich die polnische Jugend, ihrerseits mindestens genauso desinteressiert an der eigenen Vergangenheit, über den deutschen Friedenskämpfer- Hitlers Nachhut - lustig. Am stärksten ist Thalheim da, wo er solche genauen Beobachtungen in seine Geschichte einfließen lässt, auch in der unmerklichen Annäherung zwischen dem jungen Deutschen und dem alten KZ-Überlebenden Obwohl auch die frei hinzu erfundene Liebesgeschichte, die sich zwischen dem Zivi und der jungen polnischen Fremdenführerin Ania entwickelt, auf leise Zwischentöne setzt, funktioniert die Völkerverständigung immer dort am allerbesten, wo aus dem direkten Konflikt, generiert aus gegenseitigen Vorurteilen, wo aus unauflöslich erscheinenden Widersprüchen Erkenntnis und Empathie entsteht. Wie in dem Moment, als Sven den frustrierten, weil seiner Lebensaufgabe beraubten alten Krzeminski nach Hause chauffiert und wie gewohnt dessen geliebte Schubert-Lieder-Kassette abspielt. Wenn Krzeminski dann lospoltert, er wolle diese ‚sentimentale Scheiße’ nicht mehr hören, dann sind jene bis heute immer noch gültigen gegenseitigen nationalen Klischeevorstellungen endgültig ad absurdum geführt worden.
Martin Rosefeldt
Erstellt: 28-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08