Wie die Nazi-Väter so die Söhne? Das Buch ist in seinem ersten Teil ein brillant geschriebenes Pamphlet, das mit neuem historischen Wissen und dem Blick von Innen den „Mythos 68“ differenzierter sehen lässt. Leider hat sich der Historiker mit der überzogenen Polemik vor allem gegen die ehemaligen „Kampf“-Genossen um viel Wirkung gebracht.
Götz Aly rechnet ab. Schmerzlich beschämt zuerst mit der eigenen Revoluzzer-Vergangenheit. Nach der Journalistenschule in München war er im Dezember 1968 nach Berlin gekommen und gleich zum SDS gestoßen. Anstatt am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität zu studieren, habe er bis zum Sommersemester '71 „herumrevolutioniert“, sei einmal rechtskräftig verurteilt worden und habe eine Nacht im Gefängnis verbracht. Aly berichtet einerseits autobiographisch, andererseits als Zeitzeuge und als Historiker, der Quellen neu erschlossen hat.
Rudi Dutschke - kein strahlender Held?
Vor allem rechnet er mit dem Ruf des Gladiators von damals, Rudi Dutschke ab, der nach dem Attentat vollends zum charismatischen Helden aufgerückte. Er schildert Dutschke als machthungrig und gewaltbereit, auch zu „Aktionen jenseits des bestehenden Rechts,“ und zitiert Jürgen Habermas, der bereits im Juni '68, nach der ersten Begegnung mit ihm, „Dutschkes Tendenz zur Gewalt“ feststellte und erstmals auch vom „linken Faschismus“ sprach: „Jedenfalls glaube ich Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen.“ Als Aly jetzt die Texte der „Gegenseite“, des Bundesverfassungsschutzes, auf die Zeugnisse von damals - übrigens als erster Historiker - durchforstete, fand er tatsächlich in den Berichten des SDS-lers Dietrich Staritz, der auch die Stasi bediente, jenen mysteriösen Plan der „Machtergreifung“ - ein Wort, das Dutschke liebte - in Westberlin protokolliert. „Das revolutionäre Männerquartett“ Dutschke, Enzensberger, Rabehl und Semler hatten im Oktober '67 die politische Loslösung Westberlins von der Bundesrepublik als unabhängige „Rätedemokratie“ phantasiert.
Die Geschichtsklitterung der Altachtundsechziger
Vor allem richtet sich seine Polemik gegen die graubärtigen Konservatoren der „Bewegung“, die „in hoffärtiger Einbildung zum besseren Teil der Menschheit zu gehören“ seit Jahren ihre eigene Biographie verteidigten. „Die Quellensammlungen zu den unruhigen Jahren, wurden ausschließlich von einst beteiligten ehemaligen Linksradikalen erstellt, die selbstlegitimatorische Tendenzgeschichte produzierten.“ Heute entdeckt man gerade in der Reaktion auf Alys Buch zehn- bis zwanzig Jahre Jüngere, die sich mit „68“ leidenschaftlich identifizieren und sich das nicht vermiesen lassen wollen, auch nicht ihre kleine Revolutionsromantik im Kopf. Mehr Demokratie, mehr Freiheit, mehr Transparenz - wären ohne „68“ niemals so gekommen, meinen sie. Auch nicht die Öffnung der Gesellschaft, nicht zuletzt in Sachen Sexualität, und das Zerschlagen der Hierarchien und des Muffs von 1000 Jahren. Und all die Befreiungen! Der Frauen, Schwulen, Kinder, Behinderten und überhaupt aller Schwachen der Welt. Auch in China und Kambodscha? Dass man für die Massenmörder Mao und Pol Pot die Fahne hoch gehalten habe - Schwamm über diesen peinlichen Personenkult! Man hatte das alles nicht gewusst! Ein Zweifler, Ralf Dahrendorf, begriff schon damals nicht, dass die in seinen Augen „provinziellen und selbstbezogenen“ deutschen Studenten das wirklich Wichtige in der Welt in diesem ominösen Jahr nicht wahrnahmen: die „staatlich veranlasste Mordkampagne im kulturrevolutionären China“ und der Einmarsch der sowjetischen Truppen im August in die Tschechoslowakei.
![]() | |
|
Wer damals Mit-Student war, erinnert sich, dass gerade die Lieblingsvorlesung immer gesprengt wurde und Studieren sowieso kaum möglich war, wenn nicht sogar verwerflich. Und dass man hilflos dem remigrierten, aufgeschlossenen und nun als „liberales Schwein“ oder „jüdischem Kapitalismusknecht“ titulierten Professor gegenüberstand. Noch hilfloser seinem weinenden Kollegen, dessen falsches Bewusstsein die Revoluzzer in der Aula demonstrierten. Adorno fasste das 1969 an seinem Todestag an Herbert Marcuse in die Worte: „Die Meriten der Studentenbewegung zu unterschätzen“, sei er „der letzte“. „Aber es ist ihr ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt.“
„Verbissene Generalverdammnis“
Darum kann der Rezensentin nicht gefallen, dass Kollegen wie die sonst hochgeschätzte Franziska Augstein von der Süddeutschen Zeitung, die '68 noch in der Sandkiste spielte, jetzt, weil ihr Alys Argumente nicht passen, den infamen Satz in ihre Kritik stellt: „Aly leidet darunter, dass er nicht Ordinarius geworden ist.“ Seiner „verbissenen Generalverdammnis“ setzt sie rühmend die „internationale Perspektive“ des Jenaer Historikers Norbert Frei gegenüber, der freilich dieses ja zum Thema hat: Sein Buch trägt den Titel „1968. Jugendrevolte und globaler Protest“. Übrigens stellt er darin fest, dass im Vergleich mit den Studentenrevolten „'68“ in Paris, Berkeley, Turin oder Tokio das deutsche „'68“ als „überkommentiert“ und zugleich „untererforscht“ gelte.
Die frierenden Kinder einer kalten Väter-Generation
Da genau holt Götz Aly nach. Sogar durch den Wust der „in einem durchweg hypertrophen Tonfall gehaltenen Schriftzeugnisse“ aus dem APO-Archiv der FU hat er sich gequält: „begrifflich aufgepumpt, Dokumente der Gedankenflucht, Kraftmeierei und Selbstsucht“. Er las die Schriftzeugnisse von Professoren wie Richard Löwenthal, der schon 1967 beschwörende Appelle an die Studenten richtete. Und die Dokumente, die im Bundeskanzleramt und Bundesinnenministerium unter dem milden Stichwort „Unruhe in der Jugend“ geführt wurden. Zeugnisse einer den protestierenden Studenten gegenüber – im Gegensatz zur bundesrepublikanischen Bevölkerung – verständnisvoll gestimmten Bundesregierung (Kiesinger/Brandt). Bei einer von ihr einberufenen Beraterdiskussion antwortete laut Protokoll Max Horkheimer, nach den Ursachen der deutschen Revolte im Vergleich zu den Protesten anderswo im Westen gefragt: „Wenn man die deutsche von der allgemeinen Unruhe unterscheiden wolle, so seien hier auffallend das Ressentiment, das Minderwertigkeitsgefühl, das ‚Unbewusste’. All denen, die da aufständen, sei offenkundig eines gemeinsam, dass keine sie beglückenden Ziele vorhanden seien, dass es sie nicht locke, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Die Jugend sei infolgedessen mit Recht todunglücklich und setze sich in ihrer Verzweiflung selbst ihre Ziele.“ In der gleichen Gesprächsrunde fiel das Wort eines Amerikaners der Besatzungsmacht über die Deutschen: „They don’t love each other.“ Die „frierende Generation“.
Auf der Welle nur mitgeschwommen?
Wiederum ist es auch Norbert Frei, der wie Götz Aly keinen Zweifel daran läßt, dass die Bundesrepublik 1968 längst in einer Phase „des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels“ stand. Der Reformeifer der großen Koalition und der sozialliberalen Regierung danach war enorm. Deshalb hätten die 68er nicht allein und schon gar nicht als erste die Türen zur Moderne aufgestoßen, wie gerne von ihren Veteranen vorgegeben. Auch sie seien auf der Welle mitgeschwommen. Auch der
Anstoß zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sei keineswegs von ihnen gekommen. Auch da liefen die Dinge längst vor '68. 1963 bis 1965 fand der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt statt. Seit 1960, schreibt Aly, hätten sich in der Bundesrepublik „Hunderte Staatsanwälte, Kriminalbeamte und Richter um die Aufklärung der NS-Verbrechen“ gemüht. Allein im Jahr 1968 waren 2307 Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche NS-Mörder eingeleitet worden. Kein Niederschlag davon in Enzensbergers „Kursbuch“ oder in der „neuen Kritik“, dem Blatt des SDS, obwohl die deutsche Presse voll darüber berichtete. Die 68er hätten, mit sich und ihrer Revolution beschäftigt, nicht einmal hingesehen und hingehört. „Zum Kernbestand der Revolte gehörte die Strategie der Verweigerung“. Die Stimmung in den Reihen des Protests schlug denn auch bald in linken Antisemitismus um.„Das glückliche Scheitern der Ideen“
„1968 – die Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wusste“, heißt ein Buch, das Daniel Cohn-Bendit 1988 (!) herausgab. 1968, sagte er neulich in Berlin, habe es außerdem noch kein Aids, keine neuen Medien, keinen Zusammenbruch der Sowjetunion und keine Wiedervereinigung gegeben, geschweige denn den 11. September, den islamistischen Terror und die Globalisierung. In Frankreich gehöre „'68“ längst der Geschichte an. „Von ihnen (den meisten Achtundsechzigern)“, lautet Alys versöhnlich-ironischer Schlusssatz, „bleibt das glückliche Scheitern ihrer Ideen und die Reintegration in eine Gesellschaft, die sich in der Krise erneuerte.“
Von Ariane Thomalla








per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

