Berlinale 2005- German Cinema - 12/02/05
Alles auf Zucker
Ein Film von Dani Levy
Endlich können Deutsche und Juden einmal
wieder gemeinsam auf Augenhöhe miteinander lachen
Die Filme - Berlinale 2005
Synopsis Für Überlebenskünstler und Billardzocker Jackie Zucker (Henry Hübchen) brechen schwere Zeiten an, als sein bei der Bank arbeitender Sohn ihm endgültig den Kredithahn abdreht, der Knast droht und die Ehefrau (Hannelore Elsner) den untreuen Ehemann, obendrein heimlicher Betreiber eines Bordells, aus der Wohnung wirft. Ein winziges Schlupfloch tut sich in Gestalt des Testaments der gerade verstorbenen Mutter auf – gelingt es Jackie, 7 Tage nach strengem jüdischen Ritual zu trauern und sich mit seinem orthodoxen Bruder (Udo Samel) zu versöhnen, bekommen die zerstrittenen Brüder ihr Erbe zugesprochen. Ein scheinbar unmögliches Unterfangen für den überzeugten Atheisten, muss er doch gleichzeitig versuchen, ein hoch dotiertes Billardturnier zu gewinnen.
Kritik Schwer haben die Deutschen auch 60 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs noch an ihrer Schuld zu tragen. Im zurückliegenden Hitlerjahr definierte Bernd Eichinger ihre Niederlage als „Untergang“, als zwar nicht Geschichte klitternde, aber sie doch banalisierende und verkürzende Tragödie. Auf der anderen Seite wird in diesem Jahr am Brandenburger Tor das gigantomanische Holocaust-Mahnmal aus Betonstelen eröffnet, als Sinnbild des auf ewig in Stein gegossenen deutschen Schuldbekenntnisses. Wunden im deutsch-jüdischen Verhältnis, so findet der in Basel aufgewachsene und in Berlin lebende Regisseur Dani Levy, heilen dadurch schwerlich. Im Gegenteil: In der von beiderseitigen Beißreflexen geprägten Antisemitismusdebatte haben sich Tabus, Neurosen und Verkrampfungen eingenistet.
Als Medizin dagegen hat Levy dem deutschen Kinopublikum eine sehr unterhaltsame Komödie verschrieben, frei von historischem Ballast und mit großer Lust daran, die gängigen Klischees und Vorurteile zu bedienen, um sie von seinen sympathischen Protagonisten gleich darauf wieder ad absurdum führen zu lassen. Allen voran schreitet Jackie Zucker, der Zocker mit dem jüdischen Stammbaum, der von Schiva, Chanukka-Fest und von der Tora weniger Ahnung hat, als ein deutsches Lehrerkollegium. Henry Hübchen mimt den Verlierer mit großer Verve, ohne Aussicht, heil aus dem von ihm angerichteten Chaos herauszukommen. Um ihn herum gruppiert sich eine bizarre Familienkonstellation – die Tochter lesbisch, der Sohn ein stotternder Lederfetischist und die Ehefrau eine berlinernde, platinblond gefärbte Reinigungsbesitzerin. Als der säkularisierte Familienhaushalt - in Gestalt des orthodoxen Bruders auf sein genaues Gegenbild trifft, nimmt das Familienschlamassel seinen Lauf.
Im Stil von Billy Wilder, mit weniger Pointen zwar, aber dank Mut zum Improvisatorischen und einem guten Rhythmusgefühl, ist Levy mit dem ursprünglich nur für das Fernsehen gedrehtem „Alles auf Zucker!“ eine befreiende Komödie geglückt, befreiend vor allem deshalb, weil Deutsche und Juden einmal wieder gemeinsam auf Augenhöhe miteinander lachen können. Ein Lachen, dass nicht im Hals stecken bleibt und dennoch auch die Melancholie erfahrbar macht, die der Verlust der jüdischen Kultur auch in diese Familie gerissen hat.
Martin Rosefeldt
Alles auf Zucker
Regie & Drehbuch: Dani Levy
Darsteller: Henry Hübchen, Hannelore Elsner, Udo Samel u.a.
Deutschland, 2004, 90’
Erstellt: 12-02-05
Letzte Änderung: 12-02-05