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24/02/06

Alles Müll?


Sie sind schriller, direkter und provokativer als das typische Hollywood-Kino. Sie werden billig produziert und laufen den gängigen Film-Konventionen entgegen – Trashfilme.


„Es ist gut, weil es schrecklich ist“, hielt Susan Sontag 1964 über Trash fest. Doch gerade diese (schrecklich) schlechten Filme – der schnell und billig produzierte so genannte Abfall – sagen mehr über seine Zeit aus als der glatt polierte Mainstream. Trashfilme betonen die Schattenseiten, das Schockierende und Abartige. Was sonst unter den Teppich gekehrt wird, wird im Trashfilm grell übertrieben. Damit verstößt er gegen jeden guten Geschmack und bürgerliche Werte. Seine dilettantische Machart und Geldknappheit wird nicht schamvoll vertuscht, sondern offen zur Schau gestellt. Daher rührt auch die Komik vieler Trashfilme: schlechte Dialoge, unbeholfene Darsteller, ein Scheinwerfer im Bild. Trash, das ist das Gegenteil des Illusionskinos – und die Filme zeigen dies am deutlichsten in ihrer Machart.


Provokation, Protest, Ironie

Seine Wurzeln hat der Trashfilm im B-Movie der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Während der Weltwirtschaftskrise reagierte Hollywood auf das gesteigerte Bedürfnis nach Ablenkung mit der Einführung von so genannten „Double Features“: Zwei Filme wurden im Rahmen eines Abendprogramms gezeigt, wobei auf eine aufwändige Groß-Produktion, das A-Movie, ein schnell und billig gedrehter B-Film („B“ für „back-end“) folgte. Auf teure Ausstattung und kostspielige Stars
wurde verzichtet. Die Betonung lag auf Action, und die bevorzugten Genres waren Krimis, Melodramen, Western, Horror und Science-Fiction. Am Rande der Traumfabrik produzierten B-Firmen wie Republic Pictures, Monogram Productions und Grand National Films rüde inszenierte und sublim mit Gewalt und Sexualität aufgeladene, in der Regel nur 70 bis 80 Minuten lange Massenware.
Mit dem Ende der „Double Features“ Anfang der 1950er Jahre wurden auch die B-Movies überflüssig.

B-Firmen gingen entweder bankrott oder wechselten in die aufkommende Fernsehbranche, in der Serien die Rolle der B-Movies übernahmen. Daneben gab es auch radikale Außenseiter wie Ed Wood, dessen legendärer Streifen „Plan 9 aus dem Weltall“ (1956) bis heute als der schlechteste Film aller Zeiten gilt.
Eine grundsätzliche Änderung dieser Entwicklung lässt sich in den 1960er Jahren feststellen. Denn während die B-Movies von Hollywood als reine Kommerzfilme konzipiert waren, stellen die Filme von Roger Corman, Russ Meyer, Andy Warhol und später John Waters eine Reaktion auf die Traumfabrik dar. Diese Regisseure arbeiteten nicht innerhalb des Studiosystems, sondern unabhängig und im Grunde gegen Hollywood. Cormans liebevolle Edgar Allan Poe-Adaptionen aus den frühen 60er Jahren sind zwar noch der Tradition der B-Movies verpflichtet, doch mit dem Rockerstreifen „The Wild Angels“ (1966) und dem Drogenfilm „The Trip“ (1967) hielt er Amerika den Spiegel vor. Russ Meyer dagegen wurde zum Pionier des Sexfilms. Kurze Drehzeit, kleines Team, grell-vulgäre Bildsprache und eine Inszenierungweise, die es auf den Punkt bringt – das macht seine Filme aus. Zwar werden seine durch
die vollbusigen Überfrauen berühmten Filme „Mud Honey“ (1965) oder „Super Vixens“ (1975) mit den B-Movies assoziiert, doch Meyers Filme liefern immer auch einen kritischen Kommentar zur US-amerikanischen Realität und parodieren den „sauberen“ Hollywood-Mainstream. In die gleiche Richtung zielt John Waters, der als Meister des schlechten Geschmacks gilt. Nicht nur im kruden Inhalt, sondern auch in der wüsten Ästhetik seiner Filme wie „Pink Flamingos“ (1975) äußert sich seine anarchistische Protesthaltung.


Zwischen Kunst und Kommerz

Andy Warhol und Paul Morrissey beziehen sich schon im Titel ihres Filmes „Trash“ (1970) auf dieses Gegenkino. Das Duo bricht konsequent mit den ästhetischen Spielregeln des Hollywoodfilms. Entgegen der Filmkonventionen setzen sie formale Mängel gezielt als stilbildendes Mittel ein. Dem Hochglanzkino, in dem laut Warhol die Menschen zu Objekten degradiert werden, setzen er und Morrissey eine Gegenwelt entgegen und entwerfen ein depressives, vom moralischen Verfall
gezeichnetes Bild der Gesellschaft. Im Mittelpunkt ihrer Trilogie, der neben „Trash“ auch „Flesh“ (1968) und „Heat“ (1972) angehören, stehen folglich auch nicht die Schönen, Reichen und Erfolgreichen, sondern alternde Ex-Stars oder heruntergekommene Stricher und Fixer, so genannter „White Trash“ (weißer Abfall).
Diese Reibung an Hollywood bestimmt auch „Andy Warhol’s Frankenstein“ (1973), in dem Morrissey die Elemente des Horrorfilms aufgreift und diese mit baumelnden Eingeweiden bis ins Exzessive steigert. Wie in Warhols Bildern verschwimmen in diesen Filmen die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz. Bezeichnenderweise sind dies fast die einzigen Underground-Filme, die den Weg in die Kommerzkinos schafften.


Trash als Zitat

Wie Anfang der 50er Jahre die B-Movies aus den Kinos verschwanden, hat auch der Trashfilm, der sich außerhalb der USA nur in Japan und Italien signifikant entwickelte, an Bedeutung verloren. Wurden die B-Movies vor 50 Jahren vom Fernsehen aufgesaugt, so erfolgt der Vertrieb von „Schundfilmen“ heute per Video, DVD oder Internet. Nur Ausnahmen wie George A. Romeros „Land of the Dead“ (2005) oder Rob Zombies „The Devil’s Rejects“ (2005) kommen noch ins Kino.
An Beliebtheit gewonnen hat heute das ironische Zitieren von Trash. Beispiele dafür sind Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ (1993) und „Kill Bill I+II“ (2003/2004), David Lynchs „Wild at Heart“ (1990), Tim Burtons „Mars Attacks“ (1996) oder auch Frank Millers und Robert Rodriguez’ Comic-Verfilmung „Sin City“ (2005). Lust- und kunstvoll wird hier mit Trashmotiven und -elementen gespielt, doch billig ist im Gegensatz zu den Originalen dabei nichts mehr. Geschmacklosigkeiten werden mit Witz und filmischer Eleganz abgefedert. Damit ist das einstige Schmuddelkind Trash salonfähig geworden.

Walter Gasperi

Erstellt: 24-02-06
Letzte Änderung: 24-02-06