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Allergien

In Europa leiden inzwischen rund 30% der Bevölkerung an Allergien, Schätzungen gehen davon aus, dass im Jahr 2010 jeder Zweite betroffen sein wird ! Trotz dieser dramatischen Zunahme stoßen Betroffene oft auf Unverständnis.

> "Allergien ernst nehmen"

17/09/08

"Allergien ernst nehmen"

Interview


In Europa leiden inzwischen rund 30% der Bevölkerung an Allergien, Schätzungen gehen davon aus, dass im Jahr 2010 jeder Zweite betroffen sein wird ! Trotz dieser dramatischen Zunahme stoßen Betroffene oft auf Unverständnis. Prof. Dr. Zuberbier über die dramatischen Auswirkungen einer solchen Bagatellisierung und aktuelle Richtungen der Allergieforschung.

Prof. Zuberbier ist Leiter des Bereiches Allergologie an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Berliner Charité und Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung.

ARTE: Allergien sind stark auf dem Vormarsch: Hängt diese Feststellung nicht eher mit einer verfeinerten Diagnostik zusammen ?

Prof. Zuberbier: Nein. Vergleichsstudien haben die starke Zunahme von Allergien in den letzten 20 Jahren eindeutig bestätigt. Wenn man alle Allergien zusammennimmt, die Atemwegsallergien wie Heuschnupfen und Asthma, Insektengift- und Nahrungsmittelallergien, Kontaktallergien und Medikamentenallergien, muss man davon ausgehen, dass jeder zweite Europäer schon einmal mit der einen oder anderen Art von Allergien zu tun hatte.

Wie erklären Sie sich diese Zunahme ?

Ein Erklärungsmodell betrifft vor allem Atemwegsallergien : In den letzten 20 Jahren ist es - wahrscheinlich im Zuge der globalen Erwärmung – in ganz Europa zu einer Verlängerung der Zeit des Pollenfluges gekommen, seine Intensität ist um Faktor 20 gestiegen. Dadurch haben sich auch Vegetationen in Europa verändert, zum Beispiel ist das stark Allergie-auslösende Traubenkraut heute viel weiter im Norden verbreitet als früher.
Ein weitere Hypothese bezieht sich auf die Veränderung der Hygienebedingungen in den letzten 50 Jahren. Menschen in Entwicklungsländern kommen häufig mit gefährlichen Darmbakterien in Berührung, dieser Faktor schützt sie offensichtlich vor Allergien. Auch Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, im ersten Lebensjahr mindestens drei Stunden täglich Kontakt zu Tieren im Stall haben und nicht pasteurisierte Milch trinken (hier besteht wiederum Tuberkulosegefahr), entwickeln vermindert Allergien.
Ein weiterer viel diskutierter Faktor ist die Zunahme der Feinstaubbelastung in Europa – Pollen sind aggressiver und werden vom Immunsystem leichter als Feind erkannt, wenn sie im Bereich stark befahrener Straßen wachsen. Zudem produzieren Pflanzen unter schlechten Umweltbedingungen bestimmte Stoffe, die Pollen aggressiver machen.

Allergologen beklagen die Bagatellisierung von Allergien. Liegt das an den Patienten oder an der mangelnden Ausbildung von Ärzten?

Gerade bei Atemwegsallergien begegnen wir vor allem in Deutschland häufig der Einstellung "was mich nicht tötet, härtet ab". Die Allergie wird schnell gleichgesetzt mit einem einfachen Schnupfen. Obwohl Allergien sehr häufig vorkommen und von der WHO als schwere Krankheit eingestuft werden, werden sie auch von vielen Ärzten nicht richtig ernst genommen. Auch beim Studium sind Allergien unterrepräsentiert, es gibt keinen eigenes Fach.
Aber auch die Medien tragen zu der Verbreitung von Fehlinformation bei. Es wird zwar regelmäßig über Allergien berichtet wird, das aber häufig in der negativen Form "Es gibt nichts Neues" - anstatt etwa zu berichten, dass wir mit den aktuellen Therapieformen Allergien sehr wirksam behandeln können…

Was sind die Folgen einer solchen Bagatellisierung ?

Verkaufszahlen von Medikamenten zeigen, dass in Europa nur 10 % Prozent der Patienten mit Inhalationsallergien optimal behandelt werden. Wenn man eine Allergie unbehandelt lässt, hat das zunächst starke Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit – mit einem „Wattekopf“ arbeitet man deutlich langsamer. Tests konnten zeigen, dass bei Kindern die Leistungsfähigkeit im Lernvermögen um 30 % nachließ. Ein unbehandelter allergischer Schnupfen führt in 40 % aller Fälle zu einem allergischen Asthma, welches wiederum dauerhaft die Lunge schädigen kann. Das führt zu einer verringerten Lebenserwartung und zu erhöhten Behandlungskosten. Vorsichtige Schätzungen der EU-Kommission gehen davon aus, dass Allergien in Europa jährlich 25 Milliarden Euro indirekte Kosten verursachen.
Können Allergien nicht von selbst wieder verschwinden ?

Prinzipiell ja, das ist aber eher selten. Daher wird auch empfohlen, zunächst symptomatisch beobachtend zu behandeln, wenn aber klar ist, dass eine Allergie vorliegt, unbedingt ursächliche Therapien wie die Hyposensibilisierung in das Behandlungskonzept einzubeziehen.

Bis wann können Allergien auftauchen?

Traditionell geht man davon aus, dass sogenannte Soforttyp-allergien wie Heuschnupfen und Asthma vor allem in Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter auftreten, während die „Spättypallergien“, wie z.B. allergische Kontaktekzeme, vermehrt ab 40 Jahren auftreten. Wir sehen aber heute auch immer mehr Menschen, die erstmals mit 60 oder 70 Jahren einen Heuschnupfen entwickeln. Ein heute 60-jähriger hat in der Nachkriegszeit eine andere Versorgung gehabt als die jetzt geborenen Kinder - dieser Schutz hält anscheinend nicht lebenslang.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Allergien und Psyche?

Bei allen allergischen Krankheiten besteht ein Zusammenhang insofern, dass psychische Beschwerden die allergische Reaktion verschlechtern können, aber nie ursächlich dafür sind. Das gilt ganz besonders für die Neurodermitis und Juckreiz. Aus diesem Grund integrieren therapeutische Schulungsprogramme, sowohl beim Asthma als auch bei der Neurodermitis immer auch Psychologen.

Viele Betroffene schwören auf Alternativmethoden, vor allem Homeöpathie und Akupunktur. Welche Zusammenarbeit gibt es und welchen Stellenwert räumen Sie diesen Richtungen ein?

Wir als Schulmediziner stehen grundsätzlich allen Methoden offen gegenüber - Hauptsache, sie sind nach fairen Standards getestet. Die Frage ist dann allerdings, ob man für solche Methoden Geld ausgeben möchte, da sie häufig von den Krankenkassen nicht erstattet werden. Die modernen Antihistaminika haben keine Wechselwirkungen mehr und sind perfekt verträglich. Unter den alternativmedizinischen Therapien gibt es seriöse Richtungen, aber auch viel - nach unabhängiger Prüfung durch Stiftung Warentest - unwirksames, z.B. die Bioresonanztherapie. Für die Akupunktur ist erwiesen, dass sie bei Allergien ähnlich funktioniert wie die symptomatische Therapie - sie ist aber bei weitem teurer und aufwendiger und hält nur solange an, wie man sie durchführt. Die Homeöpathie hat sich hingegen bei Heuschnupfen und Neurodermitis als nicht erfolgreich erwiesen.
Aber auch einfache Hausmittel können hilfreich sein. Bei Atemwegsallergien ist es sehr wichtig, die Atmungsorgane zu stärken und Sport zu treiben. Der Patient ist durchaus eigenverantwortlich in der Lage, positiven Einfluss auf den Verlauf der Krankheit zu nehmen.

In welchen Bereichen der Allergieforschung sind in Zukunft Neuerungen zu erwarten?

Im Bereich der Weiterentwicklung der Hyposensibiliserung gibt es zur Zeit die meisten Fortschritte. Bei der Allergie richtet sich das ansonsten gut funktionierende Immunsystem versehentlich gegen Stoffe, die eigentlich gar nicht gefährlich sind. Mit Hilfe neuer Erkenntnisse über die Steuerung des Immunsystems wird die Hyposensibilisierung immer weiter verfeinert werden. Der zweite Forschungsbereich, aus dem viel zu erwarten ist, ist das Wissen um Entzündungsvorgänge im Körper, über dass sehr selektiv einzelne Vorgänge ausgeschaltet werden können. Mit den so genannten Kalzineurin-Inhibitoren (Pimecrolimus und Tacrolimus) stehen bereits Medikamente in Form von Cremes zur Verfügung, die ganz gezielt auf bestimmte weiße Blutkörperchen-Gruppen, die T-Lymphozyten eingehen.

Sie sind der Vorsitzende der europäischen Stiftung für Allergieforschung; Welchen Handlungsbedarf sehen Sie auf europäischer Ebene?

Mein wichtigstes Anliegen ist die Verbesserung der Wahrnehmung von Allergien innerhalb der Bevölkerung. Ein Wunschtraum wäre z.B., dass ein Nahrungsmittelallergiker im Restaurant auf Entgegenkommen stößt…
Wir haben zudem ein "Siegel für allergikerfreundliche Produkte" entwickelt, das wir auf Antrag für Produkte vergeben, die bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen – vor allem Nahrungsmittelunternehmen sollten darauf achten, ihre Produkte nicht zu verunreinigen. Diese unvermuteten Allergene stellen eine der größten Gefahren für Allergiker dar. Durch die häufig betriebene Absicherungsmentalität der Hersteller - "Das Produkt kann Spuren von…enthalten", werden wiederum den Allergikern viele Produkte unnötig vorenthalten..
Wichtig ist aber auch ein Schulterschluss der Experten in Forschung und Klinik: Hier schafft das neue EU-Netzwerk GA²LEN die ideale Grundlage.

Das Interview führte Nicola Hellmann

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28.03.2006, ab 20.40 Uhr
Allergien auf dem Vormarsch
Themenabend, ZDF

Erstellt: 24-03-06
Letzte Änderung: 17-09-08