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KrimiWelt auf www.arte.tv - Zurufe der Jury - 30/05/08

Marek Krajewski: Festung Breslau

Rezensionen zu Krimis der Juni-Bestenliste


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Breslau im März 1945. Der einst kunstsinnige Ort an der Oder, in dem die bedeutendsten Dichtungen des Barock entstanden, wird in den letzten Kriegsmonaten seinerseits zur Vergänglichkeitsallegorie: Die Nazis machen die Hauptstadt der preußischen Provinz Niederschlesien zur Festung. Sie verschanzen sich, um das dem Untergang geweihte Regime bis zum letzten Atemzug gegen die russischen Truppen zu verteidigen.

Den letzten Atemzug bereits getan hat eine junge Frau, die bestialisch ermordet worden ist. Gefunden wird die Leiche von Eberhard Mock, einem suspendierten Kriminalrat, dessen Gesicht bei einem Bombenangriff ähnlich stark entstellt worden ist wie der Vaginalbereich der Toten durch mit Flaschenhälsen gewappnete Peiniger. Als Mock den Leichnam auf dem Karren eines alten, trunkenen Kutschers abtransportieren lassen will, trägt sich eine ungeheuerliche Verwandlung zu: „Als sich der Fuhrmann zu ihm umdrehte und fragte, wohin er fahren wollte, zu welchem Friedhof, antwortete Mock mit dem Vergil-Zitat über den Seelen-Fährmann Charon: ‚Diese Ström’ und Gewässer bewahrt der grässliche Fährmann / Charon, in starrendem Wust graunvoll: dem struppige Gräue / Dick umstrotzet das Kinn; hell stehn die Augen im Feuer; / Aufgeknotet enthängt die schmutzige Hülle den Schultern.’“

Vergleichbare Metamorphosen, in denen Elendsgestalten nicht nur des Zweiten Weltkriegs unversehens zu mythischen Archetypen mutieren, sind in den anspielungsreichen, bildungsdrallen Krimis des Marek Krajewski die Regel. Die Romane des stämmigen Polen, Jahrgang 1966, spiegeln die grauenhafte Jetztzeit des Erzählens gern und gekonnt an Gräueln früherer Epochen und Literaturen. Seine brutalen Geschichten um den reichlich unsympathischen Kriminalrat und späteren Abwehroffizier Mock bedienen sich ausgiebig bei Homer, Ovid und Horaz. „Vielleicht musste man während der Belagerung mit Vergil auf den Lippen durch Breslau gehen, in dem man auf Schritt und Tritt Leichen sah. Um dieses Szenario auszuhalten“, übt sich Krajewski auf der Leipziger Buchmesse in einer Exegese eigener Texte. „Mock zitiert die Klassiker immer dann, wenn er nervös oder erschüttert ist, zur Beruhigung.“ Alles schon mal da gewesen, besagt die Rezitation, nichts weiter als die ewige Wiederkehr des Gleichen.

(…)
Bei Krajewski, der sich als Philologe wie auch als Schriftsteller zum Pedantentum bekennt, weist die penible Rekonstruktionsarbeit zudem die Qualität einer Totenbeschwörung auf: In seinen bislang vier Romanen um einen saufenden, hurenden und gewalttätigen Antihelden namens Eberhard Mock wiederersteht das deutsche Breslau in beachtlicher Plastizität. Bis hin zu akribisch recherchierten Verzeichnissen von Straßen und Institutionen, die sich im Anhang zu seinen Romanen finden, reicht sein auf Details versessener Wille zur bisweilen beschönigend scheinenden Wiederherstellung des doch irreversibel Zerschlagenen:
Die chronologischen Sprünge, die er dabei sich und seinem Protagonisten zumutet – „Gespenster in Breslau“ spielt 1919, „Der Kalenderblattmörder“ im Jahr 1927 –, sieht der Autor zugleich als Schwierigkeit und Chance: „Zwar besteht die Gefahr, dass ich etwas durcheinander komme; dafür hat dieses Vorgehen den Vorteil, dass Mock noch 15 ungenutzte Jahre zur Verfügung stehen.“

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In seiner Heimat gerät Marek Krajewski übrigens seltener in den Geruch eines Revanchisten als hierzulande, wo politisch überkorrekte Eiferer dem Romancier allzu schnell das unzutreffende Etikett Vertriebenenprosa anheften. „Die Polen“, sagt der Autor, „sind neugierig auf das ihnen unbekannte Breslau, dessen Vorgeschichte im Sozialismus ein Tabuthema war“. Dabei kommen Polen in den Mock-Romanen allenfalls am Rande vor. Dies darum, weil sie zu der Zeit, in der Mock ermittelt, also zwischen 1919 und 1945, eine Minderheit in Breslau waren: Maximal 15.000 Polen habe es damals in der 600.000 Einwohner zählenden Stadt gegeben, sagt der Schriftsteller. Das sei auch der Grund, warum es keine polnischen Helden in seinen Büchern gebe. „Sie haben schlicht keine Rolle gespielt in dieser Zeit.“ Dennoch bleibt von der Lektüre von Krajewskis merkwürdig erhabenen Endzeit-Impressionen der Eindruck, als hege hier jemand unverhohlene Bewunderung gegenüber einer Zeit und einer Hegemonialmacht, die es in dieser Weise nie gegeben hat. Ausgerechnet der Pole Krajewski, so scheint es, hängt literarisch einer deutschen Traumzeit nach, die aus dem Common sense gefallen scheint.

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Mock ist fürwahr rüde. Ein harter Hund, um im Bild zu bleiben, der seinen inneren Schweinehund gar nicht erst überwinden muss, weil er keinen hat. Ein selbstgefälliger Opportunist, der die Nationalsozialisten hasst, wie sein Erfinder gleich mehrfach mit Nachdruck beteuert, sich aber nach seiner Suspendierung zugleich bedenkenlos in eine SS-Uniform stecken lässt, um als Mixtur aus Rambo und Mike Hammer weiterhin einen Gerechtigkeitswahn ausleben zu können, der oft in Selbstjustiz mündet. „Politik“, sagt Krajewski über sein widersprüchliches Geschöpf, „interessiert ihn überhaupt nicht. Er ist ein Epikuräer, der nur sich selber Rechenschaft schuldig ist. Ein lavierender Antifaschist, der seine Gesinnung dann verrät, wenn er sich davon Vorteile erhofft.“

So zwiespältig ist diese Figur, dass sich Krajewski darüber freut, dass der auf ambivalente Charaktere abonnierte Klaus Maria Brandauer Interesse an der Hauptrolle einer geplanten Verfilmung bekundet hat. Und so disparat ist dieser Desperado, dass er am Ende des Romans „Festung Breslau“ für den Tod zweier Menschen verantwortlich ist, die unterschiedlicher kaum vorstellbar sind. Mocks gewohnt konsequenten Ermittlungsmethoden fallen sowohl ein sadistischer Lagerkommandant als auch eine verdiente Antifaschistin zum Opfer. Beide haben sich schuldig gemacht, beide müssen gerichtet werden. So einfach ist das für Mock, den brachialen Logiker, in dieser eingekesselten Stadt, für die der Ausnahmezustand die Regel geworden ist. In einer Stadt, in der sich jeder selbst der Nächste ist und ein Bluthund namens Mock zum Wolf des Menschen wird. Einer Stadt, die der bisweilen nachgerade masochistisch anmutende Dekadenzliebhaber Krajewski streckenweise so drastisch beschreibt, dass Dantes „Inferno“ dagegen wie eine Wellness-Landschaft wirkt. Einer weiland deutschen Stadt, die ebenso zum Sinnbild der Vergänglichkeit wurde wie die Barockliteratur, die ihr entstammt.

Hendrik Werner/Die Welt

Erstellt: 30-05-08
Letzte Änderung: 30-05-08


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