Durch die Hinwendung vieler türkischer Intellektueller zur westlichen Kultur, in besonderem Ausmass ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb auch die Literatur Westeuropas nicht ohne Einfluss auf die osmanischen Schriftsteller. Zwar erschien der erste türkische Roman bereits 1851, aber erst mit den ersten Übersetzungen westlicher Romane in das osmanisch-türkische begann wirklich die Verbreitung dieses Genres im Osmanischen Reich.Von Beginn an trägt die türkische Literatur bis in die jüngste Zeit hinein einen ausgeprägt sozialkritischen Zug. Diese Tendenz zeigen schon die ersten beiden Romane, die auf Türkisch verfasst sind, indem sie die sog. Zwangsehe, also die „arrangierte Ehe" problematisieren.
Der erste ins Türkische übersetzte Kriminalroman war ein Werk Ponson de Terrails (1881), mit seinem „gentleman-gangster“ Rocambole als Protagonist. Also ein Buch, das man nicht als Detektiv-Roman bezeichnen könnte. Letzteres trifft aber auf die Übersetzung von Gaboriaus Le crime d’Orcival (1884) zu. Gleichzeitig erschien in Fortsetzungen der erster autochthone türkische Kriminalroman (1883/84), und zwar Das Geheimnis der Verbrechen des Polyhistors Ahmet Midhat. Dieser bedeutende Reformer verstand seine zahlreichen Werke allerdings vorwiegend als literarisch verpackte Aufklärung und Information. So enthält dieser Kriminalroman immer wieder längere Passagen über moderne Polizeimethoden und forensische Medizin.
Französischen, weil dies die meist-gelehrte westliche Fremdsprache war. Erst 1902 erschien Edgar Allen Poes berühmtes Werk The Murders in the Rue Morgue und 1909 die ersten Übersetzungen von Conan Doyles Sherlock Holmes. Dieser wurde zum Superhelden, nicht nur der Leser, die sich die veröffentlichten Werke kauften, sondern auch Sultan Abdülhaits II (1876-1909), der sich Doyles Werke privat im Übersetzungsbüro übersetzen ließ. Seine Begeisterung für den Erfinder Sherlock Holmes ging so weit, dass er Doyle sogar nach Istanbul einlud.Diese und die nächsten vier Jahrzehnte waren die Zeit der Massenübersetzungen, angefangen von den Werken Maurice Leblancs bis hin zu einer Vielzahl von Groschenheften, wie sie vor allem in Amerika üblich waren. In vielen Fällen handelte es sich nicht nur um Übersetzungen, sondern um Adaptationen – mehr oder weniger frei – von Heften und Büchlein, die anscheinend eigenständig, unter Pseudonym erschienen, aber mit den bekannten westlichen Protagonisten. Manche solcher „dime novels“ wurden von ansonsten seriösen Schriftstellern verfasst, wie z.B. die kurzen Romane um den „gentleman-gangster" Cingöz Recai von Peyami Safa, der diese wahrscheinlich nur zur Aufbesserung seines Einkommens schrieb.
Ein Schriftsteller, der sich vor allem mit seiner Anatolien-Literatur einen wohlverdienten Namen gemacht hat, ist Refik Halit Karay (1888-1965).
Ob man seine beiden Kriminalromane aber wirklich zu diesem Genre rechnen soll, kann diskutiert werden, da sie teilweise surrealistische Elemente enthalten, die mancher als postmodern ansehen würde. Verbrechen und Aufklärung haben hier jedenfalls keine so tragende Bedeutung wie es für den Kriminalroman typisch ist.Der erste türkische Schriftsteller, den man als ausgesprochenen Krimiverfasser bezeichnen kann, ist Ümit Deniz (1922-1975). Seine Sprache ist nicht sonderlich kunstvoll, aber durchaus lesbar. Eine besondere Rolle gebührt ihm auch, da er den ersten Serien-Detektiv der türkischen Kriminalliteratur geschaffen hat, ein Wiederaufstehmännchen nach den Vorbildern der Detektive Chandlers und Hammets, und der sich damit in die Helden der „hard boiled school“ einreiht.
Ausschlaggebend für den endgültigen Durchbruch der autochthonen türkischen Kriminalliteratur waren wahrscheinlich die Übersetzungen von westlichen Klassikern wie Agatha Christie und George Simenon und deren – meist – Fernsehverfilmungen.
Den Beginn macht 1994 eigentlich ein Autor von Thrillern, der 1936 geborene Osman Aysu, der einen dicken Thriller nach dem anderen produziert. Zwar gehört dieses Subgenre nicht in unsere Thematik, aber es ist wichtig zu wissen, dass in der Türkei weder Leser noch Buchhändler bis in die jüngste Zeit zwischen diesen beiden Gattungen unterschieden haben.1999 beginnt dann Celil Oker seine Kriminalromane zu veröffentlichen, die wieder einen Serien-Detektiv zum Helden haben. Dieser ermittelt in Istanbul, weist auch Anzeichen auf, die ihn als Mitglied der „hard boiled school“ auszeichnen könnten, bleibt aber doch als Persönlichkeit recht konturlos. Neben Oker haben mehrere Autoren bisher nur ein oder zwei Kriminalromane vorgelegt, so dass es verfrüht wäre, sie schon als Vertreter dieser Gattung zu bezeichnen, so z.B. Hasan Dogan, Mehmed Murad Somer oder Esmahan Aykol. Sowohl Oker wie Aykol gibt es auch schon in deutscher Übersetzung.
Der bedeutendste Vertreter des türkischen Kriminalromans ist zur Zeit Ahmet Ümit, der 1960 in Gaziantep in Südostanatolien geboren wurde und mit achtzehn Jahren nach Istanbul kam, wo er zunächst studierte, dann aber als linker politischer Aktivist in den Untergrund ging.
Sein erster, 1994 erschienener Roman ist zwar kein Kriminalroman, bewegt sich aber durchaus im Kreise des Dunklen und Mystischen. Mitreißend wird hier die Auseinandersetzung zwischen Gemeindemitgliedern und Vorstehern eines alevitischen Dorfes geschildert. Die Alevis sind eine religiöse, nicht unbedeutende Minderheit in der Türkei und im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Repressalien ausgesetzt gewesen.
Diese Bemerkungen könnten den Eindruck erwecken, dass es sich bei Ümits Werken um türkische Politthriller handelt.
Jedoch haben alle Romane zwei Eigenschaften:
1. Die beschriebenen Probleme sind universeller, ja oft allgemein-menschlicher Art und
2. Die Bücher erfüllen alle Anforderungen des Kriminalromans, in dem die Tat, also das zu lösende Rätsel vorkommt, der Aufklärer und seine, ab und zu in die Irre führende Tätigkeit und schließlich die überraschende Lösung. Ohne auf weitere Werke einzugehen, mag das hier Gesagte bereits andeuten, dass der Kriminalroman in der Türkei eine vielversprechende Zukunft hat.
Wolfgang-E. Scharlipp
Bilder aus dem Dokumentarfilm "Orhan Pamuk - Die Entdeckung der Einsamkeit" von Florian Leidenberger, 2005






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