Berlinale 2005 - German Cinema - 12/02/05
Agnes und seine Brüder
Ein Film von Oskar Roehler
Satirisches Psychogramm
einer deutschen Familie
Die Filme - Berlinale 2005
Synopsis: Agnes (Martin Weiss) und seine beiden Brüder Hans-Jörg (Moritz Bleibtreu) und Werner (Herbert Knaup) gehen ihre eigenen Wege. Agnes hat sich zur Frau umoperieren lassen, Hans-Jörg ist sexsüchtig und besucht deswegen eine Selbsthilfegruppe und während Werner Karriere als Politiker macht, hängt sein Familiensegen mehr als schief. Seine gelangweilte Frau Signe (Katja Riemann) und sein Haschpflanzen anbauender pubertierender Sohn Ralf (Tom Schilling) verachten ihn. Einzig der Besuch des schrulligen, autoritären Vaters (Vadim Glowna) lässt die drei Geschwister gemeinsam in ein Auto steigen.
Kritik: Oskar Roehlers Absicht war es, mit seinem neuen Filme eine persönliche Bestandsaufnahme des Klimas in Deutschland zu geben, und dabei gleichzeitig zu unterhalten. Darunter versteht natürlich jeder etwas anderes, und für Oskar Röhler wird es dann richtig lustig, wenn es für andere extrem peinlich wird, oder wenn es so richtig kracht und schmettert. Seine Figuren haben alle das Temperament ihres Schöpfers, ihr Pulsschlag ist stets von 0 auf 180. So gut wie alles kann sie aus der Ruhe bringen. Alltag bedeutet für sie Stress, und die ruhigen Momente, die sie sich gönnen sind die Ausnahme.
Diese Charaktere, und die sich aus ihnen entwickelnden Handlungen und Beziehungen machen Oskar Roehler zu einem Ausnahmeregisseur, der bestimmt nie jedermanns Darling werden wird. Das will er auch gar nicht, er will vor allem sich selbst gegenüber ehrlich und authentisch bleiben. In AGNES UND SEINE BRÜDER ist er dabei bisweilen sehr unterhaltsam. Er konstruiert eine Familie, in die er alle möglichen Psychosen und Probleme packt. Selbstverständlich ist dabei in jeder der drei Hauptfiguren Agnes, Hans-Jörg und Werner auch ziemlich viel vom Regisseur selbst.
Die drei verschiedenen Geschichten der drei Geschwister erzählt er mit je unterschiedlichen Stilmitteln. Die Geschichte des sexsüchtigen Bruders variiert von realistisch bis hyperrealistisch (immerhin begeht er einen Mord), die von Agnes ist ein mehr oder minder klassisches Melodram und die des Karrieristen Werner ist eine überzogene Parodie. Als Zuschauer wäre es gut, über diese Absicht vorher informiert zu werden, denn die Grenzen sind nicht eindeutig gezogen. Wenn Hans-Jörg an seinem Arbeitsplatz, der Bibliothek stets von Dutzenden Mädchen umgeben ist, die alle wie Models aussehen, dann ist das nicht grade realistisch. In Werners Episode gibt es Momente, die selbst für eine Satire völlig überzogen wirken.
Als er mit Joschka Fischer am Telefon über die Einführung des Dosenpfand diskutiert, muss er auf einmal dringend auf Toilette, und verrichtet deshalb seine Notdurft auf ein Blatt Papier. Sein Sohn Ralf filmt dies mit seiner neuen DV-Kamera. Momente wie diese sind durchaus gewagt, und werden vom Publikum extrem zwiespältig wahrgenommen. Selbst für eine Parodie werden sie vielen Zuschauern zu weit gehen, denn sie übertreten ganz klar die Grenze des guten Geschmacks. Dieser Film ist bestimmt nicht für jeden empfehlenswert, aber er wird seine Fans finden. By the way, der Titel ist der Beste, der seit langer Zeit im deutschen Kino zu finden ist, dafür bekommt er auf jeden Fall alle vorhandenen Sterne.
Nana A.T. Rebhan
Agnes und seine Brüder
Deutschland 2004, 115 Min.
Buch und Regie: Oskar Roehler
Mit Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Katja Riemann, Martin Weiss
Erstellt: 12-02-05
Letzte Änderung: 12-02-05