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ARTE Journal - 23/05/12

Ägypten wählt Mubarak-Nachfolger

Ägypten wählt am Mittwoch und Donnerstag einen neuen Präsidenten. Es ist das erste Mal nach 30 Jahren Herrschaft von Husni Mubarak. Nach seinem Sturz gab es ein turbulentes Jahr des Übergangs.

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Kein echter Favorit

Doch wenn die 50 Millionen Ägypter zur Wahl gehen, haben sie keinen echten Favoriten, obwohl es dreizehn Kandidaten gibt. Denn kein Kandidat hat ein Programm präsentiert, mit dem sich die Probleme des Landes wirklich lösen lassen.

Fünf Kandidaten mit Chancen

Fünf Bewerber haben die Möglichkeit, eine Stichwahl zu erreichen. Die gibt es am 16. und 17. Juni, wenn keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent erhält. 
Einer der Kandidaten ist Abdul Monaim Abul-Futuh. Der Kinderarzt sieht aus wie ein Muslimbruder. Doch diese Bewegung warf ihn hinaus. Abul-Futuh hatte während des Aufstandes die Lazarette auf dem Tahrirplatz mitorganisiert. Anders als manche radikale Muslime gibt er Frauen die Hand. Er hat Frauen, Christen und Liberale um sich versammelt, aber auch radikal-islamistische Salafisten. Mit einem solchen Bündnis hat Abul-Futuh echte Chancen.
Der offizielle Kandidat der Muslimbrüder ist Mohammed Mursi. Die Muslimbrüder wollten ursprünglich gar keinen eigenen Kandidaten aufstellen. Doch sie entschieden anders. Mursi sprang ein, als der erste Kandidat aus formalen Gründen ausgeschlossen wurde. Er gehört dem konservativen Flügel der Bewegung an. 
Ex-General Ahmed Schafik steht für die Rückkehr zum alten System. Er würde im zeitgemäßen Gewand ähnlich regieren wie Husni Mubarak, dessen letzter Regierungschef Schafik war.
Amre Mussa ist ein ehemaliger Außenminister und Chef der Arabischen Liga. Er verkauft sich als Kritiker des ehemaligen Regimes, obwohl er Mubaraks Autokratie nie wirklich in Frage gestellt hatte.
Enttäuscht sind die jungen Revolutionäre vom Tahrir-Platz. Aber sie haben es nicht geschafft, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Doch die Jugend und die Alt-Linken favorisieren Hamdien Sabbahi. Er ist der einzige Kandidat mit einem klar linken Profil. Der ehemalige Parlamentarier hat wegen seiner Aktivitäten im Gefängnis gesessen.

Nach der Wahl

Kompromissfähigkeit ist offensichtlich nicht gerade die Stärke ägyptischer Politiker. Einige Kandidaten haben angedeutet, dass sie ein Ergebnis, das nicht nach ihrem Geschmack ist, für unrechtmäßig erklären wollen. Dann gäbe es wohl neue Proteste. Zudem wurden viele Präsidentschaftskandidaten ausgeschlossen, zum Teil unter fragwürdigen Umständen.

Erwartungen und Sorge

Viele sehen die Wahl mit Sorge. Die Eliten des Landes, etwa Akademiker oder Geschäftsleute, fürchten einen Sieg eines islamistischen Kandidaten. Auf der anderen Seite kann ein Viertel der Bevölkerung nicht lesen. Die Armut vieler Ägypter wäre ein wichtiges Thema des Wahlkampfes gewesen.

Unklarheit vor der Wahl

Ob eher einer der liberaleren Kandidaten sich durchsetzt, ein Vertreter des alten Regimes, oder einer der islamistischen Bewerber, ist schwer zu sagen. Denn Umfragen sind unzuverlässig, oder sie sind gekauft. Es gibt überhaupt wenig Klarheit vor der Wahl. Die Verfassung ist noch nicht fertig. Es gab Streit um die Besetzung des zuständigen Komitees, deswegen gibt es gar keines mehr. Solange ist offen, welche Macht der neue Präsident haben wird. Auch deswegen, weil die Militärs, die derzeit die wahre Herrschaft ausüben, ihre Privilegien wahrscheinlich behalten möchten.

Alexandra Jaenicke mit dpa

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Erstellt: 22-05-12
Letzte Änderung: 23-05-12