
DR. HOPE – EINE FRAU GIBT NICHT AUF
FR • 19.3. • ab 20.15

In vielerlei Hinsicht steht Hope Bridges Adams Lehmann im Gegensatz zu den politischen Strömungen ihrer Zeit: Die unorthodoxe Erziehung und Ausbildung ihres britischen Vaters, William Bridges Adams, der als Feminist und Sozialdemokrat um 1830 im London der Arbeiterbewegung aktiv ist, prägen die politische Entwicklung und Lebenseinstellung der jungen Hope. Ihre revolutionären Ideen und ihr Glaube an die positive Gestaltung der Zukunft bringt sie in Berührung mit der sozialistischen Bewegung dieser Jahre. Wilhelm Liebknecht, Clara Zetkin, August Bebel und auch Lenin zählen zum engen Freundeskreis der Ärztin. Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“ übersetzt sie sogar ins Englische.
Die Frauenfrage ist die Männerfrage
So ganz passt Hope Bridges Adams mit ihren fortschrittlichen Ideen jedoch in keine der damaligen gesellschaftlichen Strömungen hinein. Ihre politischen Betätigungen in Medizin und Erziehungsfragen außerhalb der Parteipolitik sowie ihre Vorstellung eines europäischen Staatenbundes anstelle einer sozialistischen Weltrevolution, stehen im Gegensatz zu den Vorstellungen ihrer sozialistischen Freunde. Die bürgerliche Frauenbewegung betont zu diesem Zeitpunkt den „natürlichen“ Unterschied zwischen Mann und Frau. Für Hope Bridges Adams gibt es diesen Unterschied nicht: Mann und Frau betrachtet sie in all ihren Anlagen, Bedürfnissen und Wünschen als grundlegend gleich. Die Frau der Zukunft ist für sie eine freie und kräftige Frau, die arbeitet, selbstbestimmt Kinder bekommt, heiratet, wen sie liebt, und mit dem Mann konkurriert – wodurch sie erst zu einer ebenbürtigen Partnerin wird. Die Befreiung der Frau ist für sie ein Teil des Klassenkampfes für eine ideale Gesellschaft. Daher plädiert sie für ein „Männerrecht“, welches den Männern zuteil werden läßt, was bisher den Frauen vorbehalten war – die Kindererziehung.
Als Hope Bridges Adams das „Glück ihres ganzen Lebens“, wie sie es selbst beschreibt, kennenlernt, den zehn Jahre jüngeren Sozialisten und Mediziner Carl Lehmann, will sie sich seinetwegen von ihrem Mann Otto Walther trennen. Dieser verweigert die Scheidung, bis auch er eine neue Partnerin für Beruf und Leben findet. Ihren Mädchennamen „Adams“ behält Hope Bridges Adams sowohl in der Ehe mit Otto Walther als auch in der mit Carl Lehmann bei – ein weiteres Detail ihres selbstbestimmten und fortschrittlichen Lebens.
Als akademische, emanzipierte und nunmehr geschiedene Sozialdemokratin verteidigt Hope Bridges Adams unverhohlen Geburtenkontrolle und Schwangerschaftabbruch und lebt in Beruf und Privatleben, was sie in der Öffentlichkeit zu erreichen sucht. So macht sie in ihrer Praxis nicht die damalig üblichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Einkommensklassen. Sie sorgt sich um die Frauen der Arbeiterklasse, denen sie sogar Arbeitsplätze vermittelt und unternimmt ausgiebige Ausflüge mit dem Rad, was für Frauen als unschicklich gilt. In der Ehe mit Carl Lehmann lebt sie ihre Vorstellung einer beruflich und privat gleichberechtigten, sexuell erfüllten Partnerschaft, worin sie die Vorraussetzung für die Befreiung der Frau aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ sieht.
Mit Erscheinen ihrer ersten Publikation 1896, dem „Frauenbuch“, beginnt eine Reihe von Veröffentlichungen zu gesundheits- und sozialpolitischen Themen, die althergebrachte Heilmethoden infrage stellen und moderne Behandlungsarten propagieren. Allein im ersten Jahr des Erscheinens erlebt ihr Buch sechs Auflagen. 40.000 Exemplare werden verkauft und im folgenden Jahr bringt sie eine Kurzfassung heraus. Mit ihrem unerschöpflichen Engagement und ihren Publikationen trägt sie die traditionellen Aufgaben der Frau, wie Geburt, Erziehung und Hauswirtschaft, aus der heimeligen Wohnung hinaus in die Öffentlichkeit.
Grenzen des Möglichen
Obwohl Hope Bridges Adams eher schüchtern auftritt und nie den öffentlichen Mittelpunkt sucht, macht sie sich mit ihrem öffentlichen Bekenntnis für den legalen und selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch, den sie als unorthodoxe Ärztin auch ausführte, viele Feinde. Zu ihren Gegnern zählen konservative Ärzte wie der Gynäkologe Professor Hans Döderlein, Hauptgutachter in der gerichtlichen Untersuchung gegen Hope Adams Lehmann wegen „Verbrechen wider das Leben“, und Hebammen, die ihren Berufsstand in Gefahr sehen. Nicht zuletzt Kriegsbefürworter und Sozialhygieniker wie Max von Gruber, der dem Ärzteausschuss zur „Erhaltung und Mehrung der Volkskraft“ vorsteht, sehen Geburtenkontrolle und Schwangerschaftsabbruch als Verbrechen „wider die deutsche Volkskraft“. Doch Hope Bridges Adams hört nie auf, an sich zu glauben. Der Film „Dr. Hope: Eine Frau gibt nicht auf“ lässt sie fast trotzig ihre zukünftige Aktualität erahnen, wenn sie sagt: „Die Zeit wird mir Recht geben, auch wenn ich verliere.“
ANNE GRÄFE FÜR DAS ARTE MAGAZIN
ARTE PLUS
BUCH-TIPP:
„Hope. Dr. Hope Bridges Adams Lehmann – Ärztin und Visionärin. Die Biografie“, Marita Krauss, Volk Verlag München 2009






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