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Kino auf ARTE - 16/04/12

Abschied von gestern

Spielfilm, Deutschland, 1966, ZDF, 84 Min.
Regie: Alexander Kluge, Drehbuch: Alexander Kluge, Kamera: Thomas Mauch, Edgar Reitz, Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus, Produktion: Max Film Verleih und Vertrieb GmbH, Kairos Film, Independent Film, Produzent: Andreas Kluge, Heinz Angermeyer
Mit: Alexandra Kluge (Anita G.), Hans Korte (Richter), Werner Kreindl (Chef der Plattenfirma), Günter Mack (Ministerialrat Pichota), Eva Maria Meineke (Frau Pichota), Alfred Edel (Universitätsassistent), Karl-Heinz Peters (Herr), Fritz Bauer (Generalstaatsanwalt)


Eine junge Frau stiehlt einen warmen Pullover und kommt vor Gericht. Nach Verbüßung der Strafe macht sie mehrere Versuche, ein neues Leben zu beginnen. Der Erstlingsfilm Alexander Kluges erzählt von den Erlebnissen einer jungen Frau, die aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland geflohen ist und auch dort mit einer Gesellschaft konfrontiert wird, die sie nicht annimmt. "Abschied von gestern" wird bei ARTE anlässlich des 50. Jahrestages des Oberhausener Manifests ausgestrahlt.



Anita G., 1937 in Leipzig als Kind jüdischer Eltern geboren, ist in den sechziger Jahren aus der DDR in den Westen geflüchtet. Die ehemalige Telefonistin bekommt dort eine Stelle als Krankenschwester. Nachdem sie wegen des Diebstahls einer Strickjacke zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist, zieht sie in eine andere Stadt. Als Vertreterin einer Plattenfirma fälscht sie Auftragsformulare, lebt über ihre Verhältnisse, wird die Geliebte ihres Chefs. Seiner Ehefrau zuliebe lässt dieser sie jedoch eines Tages fallen und zeigt sie an. Unschuldig des Diebstahls bezichtigt, verliert Anita auch ihren nächsten Job als Zimmermädchen. Schließlich wird sie die Geliebte des gebildeten Ministerialrats Pichota. Ihr Schicksal scheint sich zum Besseren zu wenden, doch als sie von ihm schwanger wird, speist er sie mit 100 Mark ab. Die mittlerweile steckbrieflich gesuchte Anita G. zieht von einem Ort zum anderen, bis sie sich wegen der bevorstehenden Geburt ihres Kindes der Polizei stellt. Das Kind wird ihr weggenommen, und im Frauengefängnis sieht sie ihrer kommenden Verurteilung entgegen ...

Regisseur Alexander Kluge hatte das Schicksal der Anita G. bereits in seinem 1962 erschienenen Buch "Lebensläufe" aufgegriffen. Die Geschichte, die auf einem authentischen Justizfall aus dem Jahr 1959 basierte, ist einer der ersten Spielfilme, die die beim Oberhausener Manifest am 28. Februar 1962 vorausgesetzten Anforderungen an einen zeitgemäßen deutschen Film zu erfüllen suchten. Bei der filmischen Umsetzung des Stoffes bedient sich Kluge filmsprachlicher Mittel, die "Papas Kino", das bei den Oberhausener Kurzfilmtagen kurzerhand für tot erklärt wurde, fremd sind. Gleich zu Beginn erscheint ein Titel auf Schwarz: "Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage". Auch danach wird die Handlung wiederholt durch von Kluge selbst gesprochenen Zwischentiteln und Kommentaren unterbrochen, die - orientiert am epischen Theater - den Zuschauer bewusst in die Rolle eines reflektierenden Beobachters versetzen. Frieda Grafe schreibt im Oktober 1966 in der "Filmkritik": "'Abschied von gestern' ist der Film von jemandem, der das Kino gerade entdeckt hat und mit aller Unbefangenheit das macht, was andere nur unter großen Anstrengungen im Kampf mit dem vergangenen Kino fertigbringen: neue Ausdrucksmittel finden. In gewisser Weise ist Kluges Verhältnis zur Kinogeschichte ein ähnliches wie das seiner Anita G. zur deutschen Geschichte." Die FSK wollte den Film zunächst nicht freigeben, weil ein Mitglied der Kommission, ein ehemaliger Gauamtsleiter in Danzig, in einer Szene des Films eine Verunglimpfung der deutschen Nationalhymne zu sehen glaubte.
Die Freigabe für die deutschen Kinos erfolgte erst, als "Abschied von gestern" bei der Mostra in Venedig 1966 mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde. Der Film wurde anschließend von der Filmbewertungsstelle in Wiesbaden mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" ausgezeichnet.

Abschied von gestern
Dienstag 8. Mai 2012 um 03.25 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 1966, 84mn)
ZDF

Erstellt: 16-04-12
Letzte Änderung: 16-04-12