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23/02/07

ARTE-Interview mit Maxim Vengerov

Maxim Vengerov macht aus seiner Leidenschaft für ein schnelles Auto keinen Hehl. Was das mit Musik zu tun und welche Bedeutung für ihn das Violinkonzert von Benjamin Britten hat (das wir auf ARTE mit ihm ausstrahlen), verriet er uns in einem ausführlichen Interview:

- Sie gelten als ein rasanter Autofahrer. Wenn Sie die Wahl zwischen einer Stradivari und einem Sportwagen hätten...

Dann würde ich auf der Stradivari fahren und auf dem Lexus spielen (Lachen). Nein, im Ernst, eine Stradivari habe ich ja schon (ex Kiesewetter von 1723) ...

- Und einen Sportwagen auch...

Ja. Einen Lexus Convertible mit 8 Zylinder und 374 PS. Der ist wie ein Flugzeug. Manchmal fahre ich durch die Gegend bei etwa 270 km pro Stunde. Danach bin ich ganz entspannt. Das ist wunderbar hier in Deutschland. Es gibt ja keine Begrenzung der Geschwindigkeit.

- Im sibirischen Nowosibirsk, wo Sie Ihre Kindheit verbrachten, würde Ihr Lexus verrosten ...

(Lautes Lachen). Das stimmt. Es war dort unglaublich kalt, bis zu minus 50 Grad draußen. Ich musste mit Handschuhen üben, weil es auch in unserem Zimmer so kalt war. Wir hatten ja manchmal auch keine Heizung; trotzdem musste ich üben. Man muss schon ein sehr warmes Herz dort haben und viel Wodka trinken. Das habe ich damals natürlich nicht gemacht (Lachen). Sie werden es nicht glauben, aber manchmal vermisse ich die Kälte und den Schnee.

- Wie war der Alltag?

Bei jeder Familie war man immer willkommen ohne sich anmelden zu müssen. Es gab immer etwas zu essen, obwohl es nicht so einfach war mit den Lebensmitteln. Alles war rationiert und besonders schwierig war es, frisches Obst zu bekommen. Wir hatten Karpfen und Fleisch, aber alles war limitiert. Meine Mutter, die Direktorin der Musikschule dort war, musste nach einem neunstündigen Arbeitstag, sich drei Stunden anstellen. Und zuhause musste sie noch mehr arbeiten. Meine Mutter hat wenig Schlaf gehabt.

- War die Isolation, in der man dort lebte, nicht auch die ideale Situation für einen werdenden Musiker, im Hinblick auf die Konzentration, die man dafür braucht?

Isolation hatte ich nie, ich hatte viele Freunde. Und auch das künstlerische Leben war sehr reich, trotz aller politischen Probleme. Meine Mutter war an der Musikschule beschäftigt, mein Vater arbeitete als Oboist im Orchester. Es war immer etwas los.

- Aber keine Ablenkungen einer Freizeit- und Mediengesellschaft

Ja, da haben Sie Recht. Wir konnten uns mehr konzentrieren, auf die Schönheit der Dinge, auf die Musik und die Kunst und auf uns. Wir waren natürlich nicht so abgelenkt. Wir kannten nichts anderes.

- Sie waren noch ein Kind, als Sie auf eine Moskauer Musikspezialschule kamen. Heute sind Sie Professor an der Saarbrücker Musikhochschule. Wenn Sie einen Vergleich ziehen zwischen der rigiden Schulung, die nur im Sozialismus möglich war, und dem westlichen System etwa in Saarbrücken...

Ich bin ein Kind der Perestroika. Ich konnte noch sehr von dem harten russischen Training profitieren, musste aber nicht unbedingt unter dem System leiden, wie viele große russische Musiker davor. Natürlich war es manchmal hart. Aber meine Mutter, die aus beruflichen Gründen in Nowosibirsk geblieben war, hat mich oft besucht, und dann haben wir zusammengearbeitet. Und wie gesagt, wir kannten nichts anderes und waren deshalb auch nicht unglücklich. Natürlich gibt es hier viel mehr Ablenkung. Wichtig ist die Familie. Ich hatte sehr viel Glück, dass meine Familie mich immer unterstützt hat. Ich selbst sehe sehr begabte Kinder, die nicht unterstützt werden. Die Erwachsenen haben wenig Zeit für ihre Kinder kämpfen ständig um einen höheren Lebensstandard, aber sehen nicht, dass sie begabte Kinder haben.

- Oder umgekehrt; sie triezen ihren Nachwuchs aus eigenem Ehrgeiz?

Ja, das gibt es auch.

- In Moskau erlebten Sie aber auch eine andere Seite des Sozialismus, denn es wurde Ihnen einfach kein Raum zugewiesen

Wir, also meine Großeltern und ich, hatten zwar ein Zimmer gefunden, wir durften es nur nicht mieten, weil wir aus der Provinz kamen. Wir durften nicht länger als drei Monate in Moskau bleiben. Und auch die Schule wollte uns nicht helfen. Die Polizei ist oft gekommen. Meine Mutter musste immer lügen und sagen, ich sei hier für eine Therapie. (Lachen) Irgendwie haben wir uns drei Jahre lang durchgemogelt.

- Welches Verhältnis haben Sie heute zu staatlichen Autoritäten?

(Lachen) Ich fahre ja immer zu schnell. Und wenn ich die dann in der Nähe sehe, dann pocht mein Herz ganz wild...

- Ende der Achtziger folgten Sie Ihren russischen Violin-Pädagogen Zakhar Bron an die Musikhochschule Lübeck. Zakhar Brons Devise war: „Der Schüler glaubt nur, was er hört. Ich unterrichte Selbstkontrolle.“

Ja. Manchmal war der Unterricht sehr hart mit ihm. Ich habe mit ihm sehr gekämpft. Wenn ich fragte: ‚warum ist das so?‘, dann sagte er: ‚weil es so ist‘. Wir hatten beide sehr viel Temperament. Und zwei davon, das ist immer ein bisschen gefährlich.

- Wie war es mit Ihrer Selbstkontrolle? Kurzum: Wer hat überlebt?(Lachen). Beide. Es hat mich sehr stark gemacht und jetzt habe ich Selbstkontrolle (Lachen) ... meistens jedenfalls. Man muss Kompromisse machen, zu jedem Schüler eine eigene Sprache finden. Oft kommen wir gar nicht zum Musikmachen. Wir reden dann über Philosophie oder was Musik uns gibt. Es ist sehr interessant.

- Ist der Zugang zur Musik im Westen anders als etwa in Ihrer Heimat?

Ja. Wir empfinden zwar gleich, aber die Bedeutung von Musik ist für viele hier eine andere. Musik war für uns in Nowosibirsk die einzige Möglichkeit einem repressiven System zu entkommen. Hier im Westen kann man alles bekommen, wenn man hart arbeitet, besonders in materieller Hinsicht. Wir stellten uns damals nicht die Frage, was bekomme ich für was. Wir wollten nur reisen, frei sein, überall für alle spielen.

- Wirkt sich dieser Freiheitsdrang auch auf die Interpretation aus?

Das ist schwer zu sagen. In Nowosibirsk hatte ich immer den Traum, frei zu sein. Das hat mich geprägt, mein ganzes Leben lang. Ich habe gelernt zu kämpfen und vieles zu überwinden. Und nie aufzugeben und immer Hoffnung zu haben.

- Vielleicht ist es ja das, was Persönlichkeit und damit Ihr individuelles Spiel ausmacht?

Ja, vielleicht.

- Versuchen Sie dies auch Ihren Schülern zu vermitteln?

Ja. Ich erzähle viel aus meinem Leben. Sie verstehen das, aber wenn man das nicht durchlebt, ist das natürlich etwas anderes. Man muss allerdings nicht so viele Probleme gehabt haben, um ein guter Musiker zu werden. Ein Talent wird man so rasch nicht verlieren. Nur manche wollen für ihr Talent nicht die Verantwortung tragen. Dass man dies tun muss, versuche ich meinen Schülern zu vermitteln.

- Wie wichtig ist der große Ton, die Schönheit des Tones?

Das Wichtigste ist der Ausdruck. Alle großen Musikerpersönlichkeiten haben ihren eigenen Ton. Das ist so etwas wie ein ‚Trademark‘. Egal ob Rachmaninow, Kreisler oder Menuhin; man erkennt sie an ihrem Ton. Manche Leute haben vielleicht eine physische Affinität zu einem größeren Ton als andere, das heißt aber noch lange nichts. Einer meiner Studenten hat beispielsweise keinen großen Ton, aber ich weiß, dass er einen gigantisches Talent hat. Es kommt nur noch nicht ganz aus ihm heraus. Er ist noch im Kampf mit seinem Körper. Er fühlt es, aber er ist noch nicht frei.

Wie wird man denn frei?(Lachen) Viel üben. Viel Liebe, viel Geduld und eine innere Vorstellung von Musik.

- Mit Mendelssohn haben Sie angefangen. Dies sei der Scheideweg, sagen Sie.

Ja. Ich gehe historisch gesehen in beide Richtungen. Ich interessiere mich sehr für die Musik des Barock, besonders Bach. Vor wenigen Jahren erlernte ich sogar - sehr von Trevor Pinnock beeinflusst - das Spielen der Barockgeige. Aber ich gehe auch in die andere Richtung sei es das romantische Repertoire oder Schostakowitsch, Prokofjew bis hin zu Uraufführungen, etwa von Schtschedrin.

- Im romantischen Ouevre sind Sie meist vielbeachteter Solist; Im barocken Repertoire „nur“ ein Primum inter Pares. Fällt Ihnen die Umstellung schwer?

Überhaupt nicht. Ich liebe Kammermusik, habe viel gemacht mit Rostropovitsch und Barenboim. Seit zweieinhalb Jahre nehme ich übrigens auch Dirigierstunden und habe schon Erfahrungen gesammelt.

- Viele Dirigenten, die früher ein Instrument spielten, erzählen, sie hätten keine Lust mehr zu üben.

(Lachen) Natürlich bleibt die Geige mein Hauptfach. Für mich ist es wichtig einfach nur Musik zu produzieren. Ich möchte mich dem Publikum mitteilen, das ist das Wichtigste für mich.

- Am 15 Februar 2004 sendet ARTE eine Aufzeichnung von Ihnen mit dem Violinkonzert von Benjamin Britten op. 15, das Jascha Heifetz für unspielbar erklärte.Brittens Violinkonzert ist ein besonderes Werk. Rostropovitsch hat mir empfohlen, es zu spielen; er war ja ein Freund Brittens. Für mich ist Britten ein sehr großer Komponist; er verwendet hier Farben, harmonische und instrumentale Konstellationen, die es so vorher nicht gab - für mich weniger eine technische als eine interpretatorische Herausforderung. Ich spiele hier mit dem Saarländischen Rundfunk. Ich liebe dieses Orchester und auch die Stadt Saarbrücken. Ich verbringe sehr viel Zeit hier, habe sehr liebe Kollegen und die Atmosphäre und den Frieden hier alles zu machen, was meine Fantasie will.

- Am 18. April 2004 folgt Mendelssohns Violinkonzert und Ravels ‚Tzigane‘ für Violine und Orchester

Mendelssohns Violinkonzert ist ein klassisch romantisches Konzert, ein Werk des Übergangs und für jeden Geiger ein Muss. Bei der Konzertrhapsodie ‚Tzigane‘ ließ sich Ravel von einer wunderschönen Geigerin beeinflussen und komponierte ein bravouröses Stück mit zigeunerischen Motiven.

- Ist die Kamera für Sie stimulierend bzw. spielen Sie anders, wenn die Kamera auf Sie gerichtet ist?

Ach das ist egal, das Wichtigste ist, dass ich gut vorbereitet bin, wenn ich auf die Bühne gehe. Die Kamera gibt mir nur die Möglichkeit, die Musik in eine weitere Öffentlichkeit zu tragen.

- Als Kind sollen Sie, wenn Sie im Aufnahmestudio waren, Ihre Mutter gebeten haben, zu applaudieren?

(Lachen) Ich war damals noch nicht stark genug, um das alles emotional hinzukriegen, etwa sechs Stunden lang gegen einen toten Raum anzuspielen. Und deshalb war meine Mutter das Publikum. Ein Publikum bringt Aufregung und Leben mit hinein.

Früher hat Ihnen Musik Freiheit bedeutet. Was bedeutet sie heute?

Immer noch Freiheit und ein Geschenk, nicht nur für mich, sondern auch für andere. Wenn ich auf die Bühne gehe, dann schenke ich die Freiheit weiter. Die Leute kommen mit ihren Problemen ins Konzert. Wenn sie dann für zwei Stunden alles vergessen können, dann fühle ich mich gut. Das ist meine Verantwortung und mein Glück.

Vielen Dank für das Gespräch!

© 2004 Teresa Pieschacón Raphael für ARTE

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 23-02-07