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Weihnachtsfeste von 1943 bis heute in Deutschland, Polen und Frankreich.
"Los, anziehen und ab in den Bunker!”
Mein unvergessener Heiligabend 1943
Erinnerungen von Michael Nagel, heute 75 Jahre alt:
KRIEGSWEIHNACHT `43: Aus dem Volksempfänger ertönte des Chefansagers Stimme im Großdeutschen Rundfunk. Mit emphatisch aufgerufenen Weihnachtsgrüssen von Matrosen in U-Booten des Atlantiks und Soldaten aus eisigen Schützengräben Russlands an die Lieben der Heimat. Wobei „Süßer die Glocken nie klingen” und „Heimat Deine Sterne” auf die Tränendrüsen der durch Fliegerangriffe und seitenlange Todesanzeigen genervten Menschen drückten. Mein Vater, unabkömmlich in der Rüstungsindustrie tätig, hatte Mitte Dezember mit Genehmigung der Försterei im Heidewinkel Großburgwedel einen letzten Tannenbaum vor Kriegsende schlagen dürfen.
TROTZ DES Krieges verbreitete unsere Mutter weiter Heimlichkeit um die Weihnachtsvorbereitung. Wodurch die Warterei für uns Kinder noch gesteigert wurde. Heiligabend fingen meine Schwester und ich denn auch schon mittags an unruhig zu werden.
Die Mutter war bereits fertig auf dem „Docht“ und schickte uns zum zweiten Mal auf die Straße, weil alle Last des Tages auf ihr läge, obwohl sie es so wollte! Das hieß den Baum putzen, Kartoffelsalat machen, Plätzchen backen, die Wohnung richten, Bescherungen vorbereiten. Die Fenster waren nach einem verheerenden Bombenangriff nur notdürftig mit Pappe ausgekleidet worden. Die heraus gefallene Wand zwischen Wohn- und Schlafzimmer hatte der Hausbesitzer zwar hochziehen lassen, blieb aber unverputzt.
Vor der stand das wieder aufgerichtete Klavier mit ein paar Schrammen, dessen hintere Stoffverspannung von den Steinen der Wand zerrissen worden war. Auch stimmlich hatte es in der Oktave C1 gelitten. Keine Gardine schmückte das Zimmer. Aber seit langer Zeit strahlte der hohe Kachelofen in der Ecke wieder wohlige Wärme im ungemütlichen Wohnzimmer aus. In dessen Mittelfach, hinter einer durchbrochenen Nickeltür, herrlich duftende Bratäpfel aus Opas Garten schmorten. Während aus der Backröhre des Küchenherdes Zimtsternduft durch die ungastliche Kriegswohnung zog.
ENDLICH war es soweit! Traditionell ertönte die Handglocke der Mutter. Vom Klavier erklang verstimmt: „Stille Nacht, heilige Nacht.“ Wir Kinder, Vater und Onkel Karl, als Faktotum der Familie, betraten erwartungsfroh das warme, aber fast leere Wohnzimmer. Die Wohnzimmereinrichtung, außer das Vertiko, befand sich bombensicher bei Verwandten in Stolzenau auf dem Land. Der Baum aus Burgwedel stand am Boden auf Weihnachtspapier vom Vorjahr. Die Glasspitze reichte an die Stuckdecke. Die nackte Glühlampe im Zimmer war ausgeschaltet, wofür rote Wachskerzen im Glanz des alten Baumschmucks, mit matt glänzenden Kugeln, silbergrünen Tannenzapfen und bunten Glasvögeln, brannten.
Jedes Familienmitglied hatte unter dem Baum den wieder verwendeten Pappteller mit kriegsbedingten Dürftigkeiten aus Gebäck, Marzipankartoffeln, Äpfeln, Nüssen und einer Tafel Sprengel-Schokolade stehen. Endlich, Auspacken der Geschenk! Die Schildkröt-Puppe meiner Schwester saß im neuen Kleid da. Puppenstube und Kaufmannsladen waren vom Vater frisch tapeziert worden.
Bereits von weitem hatte ich den sehnsüchtig erhofften Mercedes-Silberpfeil Nr. 6 der Firma SCHUKO entdeckt. Zum Aufziehen mit Lenkrädern vorn und Metallwerkzeugen. Dazu gab es für uns Kinder den dritten Band der letzten 50 Geschichten von „Vater und Sohn”.
Erich Ohser aus Plauen, der sich das unverdächtige Pseudonym E. O. Plauen gab, weil er als Zeichner bei den Nazis verfehmt war, hatte vor `33 Goebbels karikiert und einen SA-Mann gezeichnet, der ein Hakenkreuz in den Schnee urinierte. Konnte nur so 1934 die großartige Bildergeschichte von „Vater und Sohn” in der „Berliner Illustrierten” als laufende Folge veröffentlichen.
Auf Weisung der Mutter hieß es nach kurzer Bescherung sich ans Klavier aufzustellen und Weihnachtslieder zu singen. Mit energischem Klavieranschlag fing Mutter zu singen an: „Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch neue gute Mär.“ Als Kinderduo fielen wir zweistimmig ein, untermalt vom verstimmten Klavier.Bis im Tempiwechsel folgte: „Es ist ein Ros entsprungen!“ und ich vor der für mich langweiligen letzten Strophe aufreizend fragte: „Kann ich jetzt mit dem neuen Flitzer spielen?”
„Nein,” die Mutter energisch sagte und zum Schluss verlangte: „Oh, Du fröhliche!“ zu singen, als in dem Moment Stromsperre und Voralarm kam.
„Oooch”, darauf meine Schwester und ich wie aus einem Mund.
Während die Mutter energisch auf der Forderung beharrte: „Los, anziehen und ab in den Bunker!”
„Draußen war die Hölle los“
Weihnachten 1944
Erinnerungen von Frieda Klatt, damals 19 Jahre alt:
WEIHNACHTEN 1944 in Ostpreußen. Meine Eltern hatten einen kleinen Hof südlich von Königsberg. An diesem Heilig Abend saßen wir wie immer unter dem Tannenbaum, aber es gab keine Geschenke, keine Nüsse und Äpfel wie in den Jahren zuvor. Stattdessen packten wir – jeder seinen Rucksack und den großen Leiterwagen. Statt Orgelmusik hörten wir die Stalinorgeln von der immer näher kommenden Front. Von den Detonationen sprangen die Türen und Fenster auf. Es war unheimlich, wir hatten gedacht, dass am Heiligen Abend Ruhe sein würde, aber gerade an diesem Abend war draußen die Hölle los.
Natürlich vergaßen in der ganzen Aufregung beim Packen wichtige Dinge: mein Taufschein kam z.B. nicht mit, dafür hatte Vater aber an Ottos 10 Flaschen Cognac gedacht – zum Aufwärmen für uns und zum Bestechen von Soldaten und Beamten. Und die Kaffeebohnen von den Verwandten aus Amerika halfen uns auch weiter.... In die Leiterwagen kamen Federbetten, für die Eltern, denn wir mussten uns ja darauf einstellen, draußen zu übernachten. Um diese Zeit hatte es 25 Grad Frost.
Obwohl wir also schon am Weihnachtsabend 1944 für die Flucht packten, ging es erst genau einen Monat nach Heilig Abend los, am 24.1.1945. Und die nächsten beiden Weihnachtsfeste verbrachten wir in Dänemark, in einem Auffanglager für Flüchtlinge aus Ostpreußen. Heilig Abend feierten wir dort nicht, es gab wie an all den anderen Tagen Dörrgemüse und der Tag war wie jeder andere auch. Keinem war zum Feiern zu Mute, und so war es auch Weihnachten 1947, als wir schon in Süddeutschland waren, aber als Flüchtlinge ein sehr ärmliches Dasein führten.
Die Puppenstube im neuen Kleid.Weihnachten 1968
Erinnerungen von Anette Senner:
IN DEN 60ER UND 70ER JAHREN war der Heiligabend bei uns zuhause vor allem ein Tag, an dem die Familie um den Weihnachstsbaum zusammensaß, um gut zu essen und zu trinken und Weihnachtslieder zu singen.
Am Nachmittag ging man mit der ganzen Familie, d.h. Eltern, Großeltern und den Kindern in den Gottesdienst und im Anschluss kam die Bescherung und ein Abendessen mit gemütlichem Beisammensein. Ein Fernsehgerät gab es in unserem Haushalt damals noch nicht.
Das allerschönste Geschenk in meiner Kindheit bekam ich im Alter von fünf Jahren im Jahr 1968.
Meine Mutter hatte die Wände meines Puppenhauses mit neuen Tapeten beklebt - und ich war das glücklichste Kind der Welt. Damals konnte man Kindern mit relativ wenig finanziellem Aufwand noch eine große Freude bereiten.
Eine Orange, ein Bonbon und ein Gläschen Calvados
Erinnerungen von Mr Marie Charles:
ALSO IN MEINER KINDHEIT bedeutete Weihnachten ganz einfach und klassisch: eine Orange, ein "sucre d'orge" (Malzbonbon) und ein kleines Gläschen Calvados für den Weihnachtsmann - von uns liebevoll auf den Tisch gestellt, damit er sich aufwärmen konnte, bevor es weiterging in die kalte Nacht!!! Da muss sich mein Vater in den ganzen Jahren gefreut haben! Woran ich mich sehr gut erinnere, sind die Vorstellungen, die unsere Lehrer an jedem Weihnachtsfest aufführten. Das war das größte, das liebte ich.
Weihnachten in der Familie und polnische Traditionen
Erinnerungen von Eléna Lagiewka:
ES WAR VOR 30 JAHREN. Weihnachten wurde in einer Mischung aus Aufregung und Ruhe vorbereitet. Es war ein intensives und einfaches Fest. Erst die Wahl des Weihnachtsbaums, ein großer, sehr großer Baum mit viel Grün. Dann wurden vorsichtig die Kugeln aus Polen drangehängt. Ein paar davon haben wir noch und bewahren sie auf wie Reliquien.
Es gab nicht diese Angst vor den langen Schlangen mit den voll beladenen und schweren Einkaufswagen in den Supermärkten. Wir hatten alles zu Hause, in unserem Gemüsegarten, im Keller die selbst gemachten Konserven vom Sommer, in unserer kleinen Geflügelfarm, unsere Truthähne konnten sich nicht vorstellen wie sie enden würden, meine Entenpastete nach Hausfrauenart, ... köstlich.
Unsere große Familie, Papa, Mama, die 6 Kinder, die Partner und Freunde, alle an einem Tisch genossen freudig das Festessen. Alle 200 handgerollte Kroketten wurden aufgegessen, das Lob an die Köchin war groß. Wir aßen alles Bio ohne zu wissen, dass es einmal total in sein würde. Zwischen den Gerichten zeigten wir uns gegenseitig alte und neue Bilder und lachten viel. Manchmal wagte man einen Tanzschritt, vom Disko bis zum Tango über den polnischen Folkstanz. Am Ende erklangen im Haus polnischen Weihnachtslieder (Koledy), es war so ergreifend wenn wir alle im Chor sangen. Mama legte das Jesuskind in die Krippe. Um Mitternacht die Umarmungen und Küsse; damals gab es keine Geschenke, wir waren zu zahlreich und das richtige Geschenk war mitten unter uns: das Glück zusammen zu sein. Es war Zeit für "Oplatek", jeder teilte sein "Oplatek" (eine Art Hostie) mit jedem Gast und äußerte seine Wünsche. Die Zeit war wie angehalten, jeder war besorgt um die vorbereiteten Texte, welch ein Hochgefühl. Eine kleine Bilanz, es musste geprüft werden, ob jeder jeden getroffen hatte und ein Stück vom Oplatek gegessen hatte. Welch eine Aufregung.
Wir hörten die Glocken läuten, ich dachte mit etwas Sehnsucht an meine Freunde, die in der Kirche waren, ohne mich. Manchmal habe ich meine Familie verlassen und bin zu ihnen gegangen, es war auch sehr wichtig zusammen mit ihnen um unseren Pastor versammelt zu sein. Laut Tradition musste zusätzlich ein Platz gedeckt werden, falls noch jemand kam... und es ist mehr als einmal vorgekommen, dass jemand wirklich an die Tür geklopft und sich an unseren Tisch gesetzt hat. Das ist Weihnachten! An diesem ungewöhnlichen Abend, kein Fernsehen, kein Telefon... was für ein Frieden.
Wir tanzten, Mama und Papa erzählten noch einmal für die, die es nie gehört hatten (!), von Weihnachten in Polen in ihrer Kindheit. Manche holten Gesellschaftsspiele raus, andere erzählten, lachten... bis zum Morgengrauen, bis zum weißen Morgen (polnischer Ausdruck). Und am nächsten Tag haben wir die Reste aufgegessen mit genauso viel Appetit und Freude. Wir haben uns erzählt wie der Abend war, auch wenn jeder es wusste, es war so schön, dass wir immer wieder davon erzählten.
Die Zeit vergeht, alles verändert sich, einige sind gegangen, wir versuchen die Traditionen aufrecht zu erhalten, sie mit anderen zu teilen. Unsere Freunde lieben "Oplatek", es ist so symbolisch und rührend. Ich habe gesehen, dass ein Radiosender ein Wettbewerb veranstaltet, in dem es darum geht, einen zusätzlichen Platz am Tisch zu decken... die Rückbesinnung auf die wahren Dinge des Lebens. Mit viel Vergnügen und Rührung habe ich versucht, Sie an unserem früheren Weihnachtsfest teilnehmen zu lassen. Schade, dass Sie nicht dabei waren, es hätte Ihnen sehr gut gefallen.







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