Darsteller: Isild le Besco, Ouassini Embarek u.a.
Frankreich, 2004, 95’
Nebenreihe „Un Certain Regard“
Kritik: Benoit Jacquot („Le Septième Ciel“/“Sade“) gilt im eigenen Land als intellektueller Filmemacher, der seine Geschichten gleichwohl nicht engen strukturellen oder formalen Regeln unterwirft, sondern beim Erzählen seinem Instinkt folgt und sich gerne treiben lässt. Die Idee zu seinem neuesten Film „A Tout de Suite“ kam Jacquot beim Fernsehen in einem amerikanischen Hotelzimmer – dort berichteten in einer Sendung des französischen Auslandsprogramms TV 5 Menschen über Begegnungen, die ihrem Leben eine einschneidende Wendung gegeben hatten. Sofort ergriffen war Jacquot von der Lebensbeichte einer Frau aus gutem Hause, die in den 70er Jahren mit einem jungen Gangster durchgebrannt war.
Nicht der übliche Seelenstriptease vor laufender Kamers war da zu besichtigen, sondern der zurückhaltende Versuch einer 40jährigen, sich von der Bürde ihrer Vergangenheit zu befreien und ins Leben zurückzufinden. Keine Neuauflage von „Badlands“, kein Remake von „Bonnie und Clyde“ oder „Pierrot le Fou“ hat Jacquot daraus gemacht, sondern einen mit schlichten Mitteln (und mit Orignalmaterial gedrehten Schwarz-Weiß-Film, der sich ganz auf sie Seelenlandschaft seiner Protagonistin konzentriert. Finanziell behütet, aber vom in Scheidung lebenden Vater nach vorbestimmten Regeln großgezogen, sehnt sich das namenlose Mädchen aus dem 16. Arrondissement nach dem wirklichen Leben.
Mit vollem Risiko stürzt sich sich in ein Abenteuer an der Seite eines Unbekannten, von dessen Aura eines Spielers und Gesetzlosen sie fasziniert ist. Jacquot beobachtet seine Protagonistin (herausragend: Isild le Besco) stets in Großaufnahmen und zugleich mit mit großer Diskretion - eine poetische Figur wie aus einem Roman, die auf der Flucht vor der Polizei zuerst die Freiheit und dann die Angst kennen lernt. Nur ihre Off-Stimme gibt ein paar bruchstückhafte Einblicke in ihre Gefühlswelt so wie die Zeichnungen, die sie von den Stationen und Begegnungen ihrer Reise anfertigt.
Je länger diese Flucht dauert, je größer ihre Isolation in der fremden Großstadt Athen wird, desto weniger scheint dieses Mädchen ihre Gefühle preiszugeben – trotz des intimen Blickes, mit dem der Seelenforscher Jacquot dem Geheimnis dieser Frau auf die Spur zu kommen suchte.
Martin Rosefeldt






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