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Mircea Cărtărescu - 21/04/09

Nostalgia

Eine Rezension von Jörg Plath


Eine Liebesnacht im Naturkundemuseum, an deren Ende alle ausgestopften Tiere erneut zum Leben erwachen. Ein Spielsüchtiger, der Russisch Roulett mit sechs Patronen im Revolver überlebt. Die Erschaffung einer neuen Milchstraße durch einen autodidaktischen Orgelspieler im Hinterhof eines Plattenbaus. In „Nostalgia“ erzählt Cărtărescu von Bukarest als einem Urwald voller Ungeheuer und Kindheitswunder. Eine rauschhafte Lektüre.

Fünf Erzählungen enthält der Band „Nostalgia“. Dass sie unter den Überschriften Prolog, Nostalgie und Epilog zum Triptychon angeordnet sind, könnte den aufmerksamen Leser schon warnen. Helfen dürfte es ihm allerdings nicht. Bereits die erste Erzählung schwemmt ihm den festen Boden unter den Füßen fort und reißt ihn mit, hinein, hinunter und hinauf in nie zuvor erlesene Gefilde. Unter den Plattenbauten, den Villen und Plätzen von Bukarest tun sich gigantische, aus Fleisch und Stein erbaute Gewölbe auf; in der Peripherie siedeln Engeln ähnelnde Wesen, die wegen ihrer knapp drei Meter Länge Longinusse genannt werden. Die rumänische Hauptstadt wird in Mircea Cărtărescus Prosadebüt mit offenen Augen erträumt und neu erschaffen. Unter Kosmologien macht es der wohl bekannteste Autor seines Landes nicht. Er liest sich wie ein Proust on speed.

Ringen mit Gott

Die erste und die letzte Erzählung fassen die drei mittleren, die verzauberte Spiele der Kindheit und Jugend schildern, wie schillernde Edelsteine ein und handeln vom Ringen mit Gott: In „Der Roulettspieler“ wird ein Mann dank seiner Unfähigkeit, auch nur eines seiner selbstgesteckten Ziele zu erreichen, der Meister des Russischen Roulett: Weil ihm der Selbstmord immer wieder misslingt, steigt er in einer dem tödlichen Spiel verfallenen Stadt zum Star auf. Nach und nach steigert der Mann die Zahl die Patronen, und als endlich auch die letzte Kammer gefüllt ist, löst sich tatsächlich erstmals ein Schuss – doch die Kugel fährt in die Wand. Im letzten Augenblick hat ein gewaltiges Erdbeben den Wahnsinnigen zu Boden geworfen.
Die Existenz dieses Mannes sei unmöglich, räumt der Erzähler ein, aber dennoch, er habe ihn gekannt. Und weil das Unmögliche auf der Welt nur in der Literatur möglich sei, gehe er, der alte Schriftsteller, nun mit dem Leser eine ganz ähnliche Wette ein: Wenn es ihm glücke, die Existenz des Roulettspielers glaubhaft zu machen, dann sei auch er eine Gestalt der Literatur, dann werde er nicht sterben, weil er nie gelebt habe, dann überantworte er sich dem Leser, der ihn wie Lazarus zum Leben erwecken werde.

Kosmisch angeschwollener Demiurg

Wer als Leser solchen postmodern gewitzten, zugleich aber mit existenzieller Dringlichkeit aufgeladenen Sirenentönen gegenüber tatsächlich unempfindlich sein sollte, kann getrost aufhören zu lesen. Ihn wird es nicht interessieren zu hören, dass am Ende des Bandes ein Autodidakt einer im Dacia angebrachten Orgel Töne entlockt, die nicht nur die Zeit überwinden, sondern auch ihren kosmisch angeschwollenen Erzeuger zu einer neuen Milchstraße im Firmament werden lassen. Mit Gott wird nun nicht mehr gewettet, er wird einfach vom Demiurgen ersetzt. Damit endet „Nostalgia“ notwendig.

Unablässig wuchernde Breitwandprosa

Das Fantastische ist bei Cărtărescu kein kleines Nebengelass der Wirklichkeit, sondern ein diese Wirklichkeit umgebender gewaltiger Urwald voller Ungeheuer und Wunder. Größte Detailtreue lässt ihn ungeachtet aller Byzantinismen überaus realistisch erscheinen, und weil Cărtărescu vertraut ist mit Proust, Nabokov, Borges, Kafka und den menschenleeren Stadtbildern von Giorgio de Chirico, entgeht die beständige Grenzüberschreitung der Gefahr des Trivialen. Das Ergebnis ist voll fiebriger Intensität: eine unablässig wuchernde Breitwandprosa.

Nostalgia
Mircea Cărtărescu
Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka
Verlag: Suhrkamp, 2009
ISBN-13: 978-3518420744
Mircea Cărtărescu, 1956 geboren, war Lyriker und Lehrer, als er Ende der achtziger Jahre Prosa zu schreiben begann. 1989 erschien „Nostalgia“ von der Zensur verstümmelt, 1993 folgte die vollständige Ausgabe. Mittlerweile hat Cărtărescu, der seit 1990 an der Bukarester Universität unterrichtet und politische Kolumnen schreibt, zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter ein Kinderbuch, zahlreiche Essays, Erzählungen (zuletzt auf deutsch: „Warum wir die Frauen lieben“) und mehrere Romane. An seinem letzten Roman, dem 1500-seitigen „Orbitor“, arbeitete Cărtărescu elf Jahre lang (deutscher Titel des ersten Bandes: „Die Wissenden“). Er nennt sein opus magnum einen mystischen Schmetterling.

Manieristische Zauberstäbe

Schmetterlinge flattern schon durch „Nostalgia“, das zudem viele Spinnen beherbergt. Cărtărescus Faszination für Insekten und Geheimlehren, Quantenphysik und Hirnforschung bezeugen zahlreiche erlesene Fremdwörter in seiner Prosa. Dort sind sie wie manieristische Zauberstäbe, deren Berührung alles zu Traummaterial verwandelt.
Die drei mittleren Erzählungen von „Nostalgia“ entwerfen eine Mythologie der Kindheit und Jugend: Ein geheimnisvoller Junge verzaubert in der ersten Erzählung mit seltsamen Geschichten eine wilde Kinderschar hinter dem gewaltigen Plattenbau am Boulevard Stefan cel mare, in dem der Autor aufgewachsen ist. Im Mittelpunkt der zweiten Erzählung steht die erste Liebesnacht zweier Jugendlicher im Naturkundemuseum, an deren Ende in alle ausgestopften Tiere von der Spinne bis zum Dinosaurier ein bedrohliches Leben fährt. Die dritte Geschichte handelt von einem wochenlangen Kinderspiel, in dem sich Reisen nicht nur durch, sondern auch jenseits von Zeit und Raum ereignen. An Büchern über die Kindheit mag kein Mangel herrschen, aber Cărtărescus schlägt sie wohl beinahe alle mühelos um Längen.

Grauzone morgens, mittags, abends

All das ist eingebettet in die Grauzone, die das sozialistische Bukarest damals morgens, mittags und abends war. Auch wenn Mircea Cărtărescu in einer Geschichte des Wunderlichen zu viel tut und sich an einigen Stellen ins arg Ästhetizistische verirrt – "Nostalgia“ bereitet mit seiner stets aufs Ganze zielenden Verwandlungssehnsucht und dank der Übersetzung von Gerhardt Csejka ein äußerst seltenes, rauschhaftes Lesevergnügen.

Eine Rezension von Jörg Plath

Erstellt: 14-04-09
Letzte Änderung: 21-04-09