Ringen mit Gott
Die erste und die letzte Erzählung fassen die drei mittleren, die verzauberte Spiele der Kindheit und Jugend schildern, wie schillernde Edelsteine ein und handeln vom Ringen mit Gott: In „Der Roulettspieler“ wird ein Mann dank seiner Unfähigkeit, auch nur eines seiner selbstgesteckten Ziele zu erreichen, der Meister des Russischen Roulett: Weil ihm der Selbstmord immer wieder misslingt, steigt er in einer dem tödlichen Spiel verfallenen Stadt zum Star auf. Nach und nach steigert der Mann die Zahl die Patronen, und als endlich auch die letzte Kammer gefüllt ist, löst sich tatsächlich erstmals ein Schuss – doch die Kugel fährt in die Wand. Im letzten Augenblick hat ein gewaltiges Erdbeben den Wahnsinnigen zu Boden geworfen.
Die Existenz dieses Mannes sei unmöglich, räumt der Erzähler ein, aber dennoch, er habe ihn gekannt. Und weil das Unmögliche auf der Welt nur in der Literatur möglich sei, gehe er, der alte Schriftsteller, nun mit dem Leser eine ganz ähnliche Wette ein: Wenn es ihm glücke, die Existenz des Roulettspielers glaubhaft zu machen, dann sei auch er eine Gestalt der Literatur, dann werde er nicht sterben, weil er nie gelebt habe, dann überantworte er sich dem Leser, der ihn wie Lazarus zum Leben erwecken werde.
Kosmisch angeschwollener Demiurg
Wer als Leser solchen postmodern gewitzten, zugleich aber mit existenzieller Dringlichkeit aufgeladenen Sirenentönen gegenüber tatsächlich unempfindlich sein sollte, kann getrost aufhören zu lesen. Ihn wird es nicht interessieren zu hören, dass am Ende des Bandes ein Autodidakt einer im Dacia angebrachten Orgel Töne entlockt, die nicht nur die Zeit überwinden, sondern auch ihren kosmisch angeschwollenen Erzeuger zu einer neuen Milchstraße im Firmament werden lassen. Mit Gott wird nun nicht mehr gewettet, er wird einfach vom Demiurgen ersetzt. Damit endet „Nostalgia“ notwendig.
Unablässig wuchernde Breitwandprosa
Das Fantastische ist bei Cărtărescu kein kleines Nebengelass der Wirklichkeit, sondern ein diese Wirklichkeit umgebender gewaltiger Urwald voller Ungeheuer und Wunder. Größte Detailtreue lässt ihn ungeachtet aller Byzantinismen überaus realistisch erscheinen, und weil Cărtărescu vertraut ist mit Proust, Nabokov, Borges, Kafka und den menschenleeren Stadtbildern von Giorgio de Chirico, entgeht die beständige Grenzüberschreitung der Gefahr des Trivialen. Das Ergebnis ist voll fiebriger Intensität: eine unablässig wuchernde Breitwandprosa.

Mircea Cărtărescu
Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka
Verlag: Suhrkamp, 2009
ISBN-13: 978-3518420744

Manieristische Zauberstäbe
Schmetterlinge flattern schon durch „Nostalgia“, das zudem viele Spinnen beherbergt. Cărtărescus Faszination für Insekten und Geheimlehren, Quantenphysik und Hirnforschung bezeugen zahlreiche erlesene Fremdwörter in seiner Prosa. Dort sind sie wie manieristische Zauberstäbe, deren Berührung alles zu Traummaterial verwandelt.
Die drei mittleren Erzählungen von „Nostalgia“ entwerfen eine Mythologie der Kindheit und Jugend: Ein geheimnisvoller Junge verzaubert in der ersten Erzählung mit seltsamen Geschichten eine wilde Kinderschar hinter dem gewaltigen Plattenbau am Boulevard Stefan cel mare, in dem der Autor aufgewachsen ist. Im Mittelpunkt der zweiten Erzählung steht die erste Liebesnacht zweier Jugendlicher im Naturkundemuseum, an deren Ende in alle ausgestopften Tiere von der Spinne bis zum Dinosaurier ein bedrohliches Leben fährt. Die dritte Geschichte handelt von einem wochenlangen Kinderspiel, in dem sich Reisen nicht nur durch, sondern auch jenseits von Zeit und Raum ereignen. An Büchern über die Kindheit mag kein Mangel herrschen, aber Cărtărescus schlägt sie wohl beinahe alle mühelos um Längen.
Grauzone morgens, mittags, abends
All das ist eingebettet in die Grauzone, die das sozialistische Bukarest damals morgens, mittags und abends war. Auch wenn Mircea Cărtărescu in einer Geschichte des Wunderlichen zu viel tut und sich an einigen Stellen ins arg Ästhetizistische verirrt – "Nostalgia“ bereitet mit seiner stets aufs Ganze zielenden Verwandlungssehnsucht und dank der Übersetzung von Gerhardt Csejka ein äußerst seltenes, rauschhaftes Lesevergnügen.
Eine Rezension von Jörg Plath






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