Das Blau des Himmels und die Obszönität
Beim derzeitigen kommerziellen Erfolg einer ganzen Reihe neuer französischer Romane, die sich durch ihren sexuell freizügigen bis pornografischen Stil hervortun, könnte man meinen, die französische erotische Literatur erlebe einen neuen Aufschwung. Die Tatsache, dass Das Blau des Himmels (Le Bleu du ciel), ein Text, den Georges Bataille 1935 – also vor 70 Jahren - schrieb, gerade neu aufgelegt wurde, zeigt, wenn es denn überhaupt eines solchen Beweises bedarf, dass daran nichts ist. Wenn schon, dann gibt es einen solchen Aufschwung vielleicht eher in Österreich. Man denke nur an die gewaltbetonte, engagierte Prosa einer Elfriede Jelinek, die sicherlich heute als diejenige Schriftstellerin gelten kann, die dem Erbe der lange Zeit von französischen Bibliothekaren in der „Schmuddelecke“ versteckten Autoren am nächsten steht. Die von Georges Bataille in seinem Vorwort zu Das Blau des Himmels verfassten Zeilen könnten beinahe ebenso gut aus der Feder der österreichischen Nobelpreisträgerin stammen: „Die Erzählung, die die Möglichkeiten des Lebens offenbart, erfordert nicht unbedingt, erforfert aber letzten Endes doch einen Moment der Raserei, ohne welches ihr Autor blind wäre für diese exzessiven Möglichkeiten."
Die meisten literarischen Texte Batailles erschienen heimlich, unter Pseudonymen wie Lord Auch, Pierre Angélique, Louis Trente oder Dianus. Noch bis in die siebziger Jahre wurde ein Großteil seiner Werke von der Zensur in die hinterste Ecke der Buchläden oder in die Sex-Shops verbannt. In einem Verfahren gegen Jean-Jacques Pauvert, der angeklagt wurde, weil er Werke des Marquis de Sade herausgegeben hatte, sagte Bataille selbst übrigens – damals ein achtbarer Bibliothekar im Staatsdienst - zugunsten des Verlegers aus. Er leitete auch ein Komitee zur Verteidigung des Schriftstellers Henry Miller.
Das literarische Werk Georges Batailles ist, wie alle echte erotische Literatur, in erster Linie eine Literatur des Exzesses, eine Literatur der Grenzüberschreitungen, die jeder moralischen Ordnung Hohn spricht. Doch im Unterschied zu den klassischen Libertinisten und einer Reihe ihrer heutigen schriftstellerischen Ebenbilder entsteht die Erotik bei Bataille nicht aus der exhibitionistischen Beschreibung der fleischlichen Lust, verschafft die Lektüre seiner erotischen Texte keine voyeuristische Befriedigung. Die Erotik ist für Bataille ein hemmungsloses Sichfallenlassen in das Blau des Himmels. Wer seine Texte liest, entdeckt vielmehr eine dunkle Seite des Menschen: „Der Übermut wächst zuerst langsam, dann plötzlich, jählings, blendet mich und stürzt mich in ein Glücksgefühl, das sich wider alle Vernunft behauptet“, frohlockt sein impotenter Romanheld Troppmann.
Niedergeschlagen durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und den Tod einer Frau, die er liebte, veröffentlichte Bataille Das Blau des Himmels erst zwanzig Jahre nach der Entstehung. Doch auch in den fünfziger Jahren hatte der Roman nichts von seiner subversiven Kraft eingebüßt.
Troppmann, der nekrophile Don Juan, krank und dem Suff zugetan, erlebt in einem schmutzigen Loch in London mit Dirty eine Extremerfahrung: „Der Urin bildete auf dem Teppich eine Pfütze, die immer größer wurde, während unter Dirtys Kleid das Geräusch der erleichterten Eingeweide hörbar wurde, indes sie sich erschöpft und puterrot, wie ein Schwein unter dem Messer auf ihrem Stuhl krümmte.“ Nach dem Verständnis Georges Batailles ist erotische Literatur engagierte Literatur, weil sie auf die eigenen Lebenserfahrungen des Schriftstellers zurückgreift. Das Blau des Himmels ist gewissermaßen die fiktive Fortschreibung realer Erlebnisse Batailles in seiner erotischen Beziehung zu Colette Peignot alias Laure, einer reichen, schönen und engagierten jungen Frau, die kurze Zeit später stirbt. Bataille ruft sich diese schmerzliche Erfahrung in Erinnerung, indem er darin herumstochert wie in einer offenen Wunde. Er entwirft Männer- und Frauenfiguren (Dirty, Lazare, Xénie, Tropmann, Michel, Antonio), die körperlich wie verbal zwischen Anziehung und Abstoßung hin und her schwanken und sich schließlich dem freien Fall hingeben, mitgerissen vom einschwörenden Rhythmus einer Marschkapelle der Hitlerjugend. Und so endet der Roman mit den Worten: „Vom Bauch zum Mund und vom Mund zum Bauch, und jede ruckartige Bewegung abgehackt durch einen Trommelwirbel.“
Denn die Literatur eines Georges Bataille ist wohlgemerkt im Unterschied zu den neuen Romanen französischer Autoren, die allzu oft dem Narzissmus und einem billigen Zynismus frönen, auch von überaus politischer Natur, getragen von dem „unablässigen Bestreben, die Beziehungen zwischen den Menschen zu ändern.“ Bereits Anfang der dreißiger Jahre hatte Bataille begonnen, sich mit dem Faschismus und dessen psychologischen Mechanismen auseinander zu setzen – mit „dem ‚Monstrum’, über dessen drei feindliche Köpfe, Christentum, Sozialismus und Faschismus, wir triumphieren müssen“, wie er es selbst ausdrückte. Geschrieben in Zeiten der französischen Volksfront, einer der politisch engagiertesten Perioden im Leben Georges Batailles, hebt sich Das Blau des Himmels ab von dem dunklen Hintergrund der „steigenden Flut des Mordens“: Ob in Wien, Barcelona, London oder Trier: Troppmann erkennt überall die Vorzeichen des spanischen Bürgerkriegs oder des Scheiterns der kommunistischen Revolution und muss dem Niedergang seines Jahrhunderts, der unausweichlich herannahenden Nazi-Gefahr tatenlos zusehen: „Unter meinen Füßen spürte ich das Rattern der Räder auf den Schienen, jener Räder, die über berstende zermalmte Leiber dahinfahren.“ Auf einem sternenbeschienenen Friedhof wird seine sexuelle Impotenz zum Symbol der politischen Ohnmacht.
Das Blau des Himmels ist ein anstößiger Roman, nicht nur, weil es große erotische Literatur ist. Obszön ist dieser Text vor allem, weil er in das Herz jeglicher literarischer und politischer Erfahrung vordringt. Auf die Frage der Surrealisten „Warum schreiben Sie?“ antwortete Bataille: „Ich schreibe, damit die Leute kotzen.“ Elfriede Jelinek sagt: „Schreiben ist, als ob man ständig kotzen müsste.“
Eine Rezension von Christine Lecerf








Facebook
Twitter
RSS