Der thailändische Film, vormals von laienhaft produzierten kitschigen Abenteuerfilmen oder leichten Komödien geprägt, hat, ausgelöst durch einen unübersehbaren kommerziellen Wiederaufschwung in den letzten Jahren, einen merklichen Professionalisierungsschub erfahren. Es dominiert das Genrekino nach Art der Thaibox-Filme „Tom Yum Goong - Revenge of the Warrior“ (2005) oder „Ong Bak – Muay Thai Warrior“ von Prachya Pinkaew (2003), die in Frankreich im Vertrieb der Firma Luc Bessons sind. Nur wenige Regisseure begreifen die Modernisierung der Produktionsstrukturen als Aufforderung, sich dieser Strukturen zu bedienen und sich mit dem Neuen vertraut zu machen, um dann ein individueller geprägtes Kino ins Werk zu setzen. Zumeist werden lediglich hochgezüchtetere belanglose Horrorfilme und neue Komödien abgedreht, deren einzige Ambition die Unterhaltung für den Augenblick ist. Wirkliche Entdeckungen hat es also kaum gegeben, und als die ambitionierteren und unkonventionellen Filme von Penek Rattanaruang - dessen bis dato letztes Werk, „Invisible Waves“, bei der Aufführung auf der diesjährigen Berlinale das Publikum zutiefst irritiert hat - international auf Widerhall stießen, hat man dies in den thailändischen Studios kaum registriert. Zu nennen ist hier auch Apichatpong Weerasethakul, den die Mitglieder des internationalen Teams, das ihm bei der Durchführung seiner Projekte helfen soll, gemeinhin nur „Joe“ rufen, um nicht als Legastheniker dazustehen. Der junge Filmemacher hat bereits vier Spielfilme gedreht, allesamt ungewöhnliche Arbeiten. Sein bis dato letzter Film, „Tropical Malady“ (2004), ist ein abstraktes Werk, zugleich aber auch eine Art Kindergeschichte, in der die Affen zu den Menschen sprechen und die Menschen sich in Tiger verwandeln.Der 1970 geborene Apichatpong Weerasethakul absolvierte zunächst ein Architekturstudium in Thailand und setzte dann seine Ausbildung am Art Institute of Chicago fort, wo er Kunst und Film studierte und den Experimentalfilm für sich entdeckte. Dann wurde er als Stipendiat des Palais de Tokyo nach Paris eingeladen, wo er seine ersten Kurzfilme und einige Videoinstallationen einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen konnte. A.W. stammt aus einer kleinen Stadt und hat versucht, diesem Milieu zu entfliehen, pflegt aber weiterhin – auch weil ihn seine Ausbildung befähigt hat, sein Gefühl für den Raum auszuloten – ein ganz besonderes Verhältnis zur Natur und insbesondere zum Dschungel, ob er nun im Wald dreht oder inmitten einer Metropole, wie im ersten Teil von „Tropical Malady“. Der inzwischen zum Intellektuellen und Weltbürger avancierte Filmemacher verspürt das Bedürfnis, nach Thailand zurückzukehren, um neue Inspiration zu suchen. Zwar hat er den Sound der Vegetation, ihr Rauschen und ihre Klangfülle im Ohr, doch bleibt dieser Spaziergänger der Filmbranche gern daheim, um dort fern jeder Hektik und äußeren Ablenkung in aller Ruhe über seine Projekte nachzudenken. Es geht das Gerücht, der ruhige junge Mann überlasse während der Dreharbeiten sogar den Ruf „Action“ seinen Assistenten. Bereits mit seinem ersten Spielfilm, „Mysterious Object At Noon“ (2000, in Frankreich erhältlich auf DVD bei MK2 Vidéo), der zum großen Teil in der thailändischen Provinz und nur sporadisch in Bangkok spielt, wird die Kluft zu den anderen Filmemachern Thailands deutlich. Der Film beginnt mit einer Reihe von Gesprächen und entfaltet nach und nach eine Vielzahl von Geschichten, die sich überlagern und schließlich überdecken. Der Ansatz ist konzeptuell und zugleich sehr frei, weil der Regisseur keine Unterschiede zwischen verschiedenen Filmformen machen möchte und der Abstraktion als kreative Methode mit Skepsis gegenübersteht. Apichatpong Weerasethakul, durch sein Studium von der Filmindustrie in Thailand losgelöst, ist jedoch alles andere als ein Sektierer. Im Jahr 2003 übernimmt er im Auftrag eines Filmstudios die Regie des Films „Satreelex - The Iron Ladies“, eine Parodie auf alte thailändische Filme ähnlich denen, die ihm als Kind die ersten aufregenden Kinoerlebnisse beschert hatten.
„Satreelex - The Iron Ladies“, ein primär für den DVD-Markt bestimmter Film, war im Gegensatz zu „Tropical Malady“, dem die Ehre zuteil wurde, in Cannes im Wettbewerb zu laufen, gewissermaßen Spaß und Zeitvertreib. Der Film zeigt die Kunstfertigkeit des Filmemachers, der hier Comic-, Fotoroman-, Sitcom-, Videoclip- und sogar Werbespot-Elemente zu einer quirligen schwulen Komödie verschmelzt. Genau wie bei Pedro Almodóvar oder John Waters und so ganz anders als bei manchem thailändischen Filmemacher-Kollegen entspringen Zitat und unterhaltsame Wiederaufnahme der Genres bei Apichatpong Weerasethakul mehr dem Spaß an der Sache und einer Fülle von Ideen als der Routine des kommerziellen Filmbetriebs. Eine Volleyball-Meisterschaft ist hier Vorwand für einen Bilderreigen von hochentwickelt schlechtem Geschmack und dient dem Regisseur als Hintergrundfolie für eine Parade von Gags, die in der Freiheit der formalen Gestaltung an „Tropical Malady“ heranreicht. Das Team der Transvestiten – Protagonisten des Films und schwarze Schafe der Meisterschaft – steht zugleich auch für die traditionellen Underdogs des Kinos, die am Ende immer den Sieg davontragen.
Eine Überraschung ist diese Komödie ganz sicherlich für diejenigen, die den Autor im Jahr 2002 durch den Film „Blissfully Yours“ entdeckt haben. Inspiriert durch die soziale Realität in Thailand folgt die wie ein Diptychon strukturierte Erzählung dieses Films dem Weg eines illegalen Einwanderers aus Birma, der fest entschlossen ist, kein Wort zu sprechen. Der Mann leidet unter einer Hautkrankheit, will aber seinen Arzt nicht einweihen, weil er fürchtet, entlarvt und an die Grenze zurückgebracht zu werden; eine Konstruktion, welche die schweigsame und stereotype Pose asiatischer Filme ad absurdum führt. Der junge Mann schlüpft aus der eigenen Haut und entflieht seinem Status als Illegaler, indem er in den Wald eintaucht. Er verabschiedet sich von der menschlichen Gemeinschaft mit einer Geste von ausgesuchter Naivität: Er schafft sich seine eigene Welt. Deshalb ist „Blissfully Yours“ ein einzigartiger Film. Der Zuschauer beobachtet ihn, wie er nach eigenem Ermessen eine majestätisch gefilmte Natur beobachten kann, ohne dabei je in eine naturalistische Betrachtungsweise zu verfallen. Der Regisseur selbst erklärt: „Wenn Sie mehrmals am Tag an demselben Baum vorbeikommen, vermittelt dieser Ihnen nicht jedes Mal dieselben Gefühle“. Weil sich wieder einmal herausstellt, dass die Wirklichkeit mit der Suche nach dem so schwer greifbaren und flüchtigen Glück unvereinbar ist, wird die Träumerei zum ständigen Begleiter. Zwar hat ihm „Tropical Malady“ seitdem höhere Weihen eingetragen, aber sicherlich ist „Joe“ noch nicht fertig damit, die Enttäuschungen des Daseins zu transzendieren.
Julien Welter






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