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Im Gespräch mit dem Historiker Thomas Angerer - 14/05/09

Verantwortung und selbstständige Entscheidung

Ass.-Prof. Mag. Dr. Thomas Angerer ist Assistenzprofessor für neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien.

"Wenn man ein Tabu aufhebt, zeigt man, dass es einen Handlungsspielraum, also eine gewisse Entscheidungsfreiheit gab."


Dieses Gespräch wurde auf französisch geführt und als Film aufgenommen. Falls Sie das Video sehen möchten, rufen Sie diese Seite in der französischen Sprachversion auf!



[Anm. d. Red.: Die Ergänzungen in Klammern stammen von Mag. Dr. Thomas Angerer]

ARTE: Beginnen wir mit Ihnen. Warum sind Sie Historiker geworden?
Thomas Angerer: Geschichte ist eine Art und Weise, die Welt zu entdecken. Sie erklärt, warum etwas so geworden ist, wie es ist, und zeigt, dass es nicht immer so war. Will man die Welt verändern, muss man die Geschichte untersuchen!

(1) Sigmund Freud, Totem und Tabu [1913], Das Unbehagen in der Kultur [1930], in: Idem, Fragen der Gesellschaft, Ursprünge der Religion, Studienausgabe, Bd. 9, Frankfurt am Main: Fischer, 8., korr. Aufl. 1997, 287-444 et 197-270.

(2) Thomas Angerer, Exklusivität und Selbstausschließung: Integrationsgeschichtliche Überlegungen zur Erweiterungsfrage am Beispiel Frankreichs und Österreichs, in: Revue d'Europe Centrale 6 (1/1998) 25-54 (38-52).

(3) Michael Gehler, Der 17. Juli 1989. Bruch oder Kontinuität der österreichischen Integrationspolitik?, in: Rosita Rindler Schjerve (Hrsg.), Europäische Integration und Erweiterung. Eine Herausforderung für die Wissenschaften, Neapel: Vivarium 2001, 91-98. Thomas Angerer, "Alte" und "neue" Integration. Antwort auf Kritik an der These vom Bruch in der österreichischen Integrationspolitik 1989, in: ibidem, 67-89. Michael Gehler, Der lange Weg nach Europa. Österreich vom Ende der Monarchie bis zur EU. Darstellung, Innsbruck etc.: StudienVerlag 2002, 164-168, 378-418.

(4) Gerhard Botz, Gerald Sprengnagel (eds.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt am Main etc.: Campus 1994. Georg Christoph Berger Waldenegg, Das große Tabu! Historiker-Kontroversen in Österreich nach 1945 über Nationale Vergangenheit, in: Jürgen Elvert, Susanne Krauß (eds.), Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart: Steiner 2003, 143-174 (auch online unter ...>)

(5) Thomas Angerer, An Incomplete Discipline. Austrian Zeitgeschichte and Recent History, in: Günter Bischof, Anton Pelinka, Rolf Steininger (eds.), Austria in the Nineteen Fifties, Contemporary Austrian Studies 3, New Brunswick etc.: Transaction Publishers 1995) 207-251 (215-217, 219-227). Siehe auch: Berger Waldenegg, Das große Tabu, 151-157, 162-170. Ernst Hanisch, Die Dominanz des Staates. Österreichische Zeitgeschichte im Drehkreuz von Politik und Wissenschaft, in: Alexander Nützenadel, Wolfgang Schieder (eds.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, 54-77.

(6) Ibidem, 226, 250 (note 153). Oliver Rathkolb, Ludwig Jedlicka: Vier Leben und ein typischer Österreicher. Biographische Skizze zu einem der Mitbegründer der Zeitgeschichtsforschung, in: Zeitgeschichte 32 (6/2005) 351-370.

(7) Gerald Stourzh, Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945 - 1955. 5., durchges. Aufl., Wien - Köln - Graz: Böhlau 2005, 13-27, 517-521.

(8) Siehe das Plakat « Niemals Vergessen ! » (> siehe Rubrik "1946") einer Ausstellung der Stadt Wien über NS-Verbrechen, die zwischen Oktober – Dezember 260.000 Besucher anzog, anschließend in allen großen Städten Österreichs gezeigt wurde und insgesamt über 840.000 Besucher verzeichnete. Siehe auch das Plakat einer ähnlichen, von den französischen Besatzungstruppen veranstalteten Ausstellung im Februar 1946. Ferner das KPÖ-Plakat « Wir fordern Sühne ! » (> siehe Rubrik "1945") im Wahlkampf zu den Nationalratswahlen 1945. Vgl.: Wolfgang Kos, Die Schau mit dem Hammer. Zur Planung, Ideologie und Gestaltung der antifaschistischen Ausstellung "Niemals Vergessen!", in : Idem, Eigenheim Österreich. Zu Politik, Kultur und Alltag nach 1945, Wien: Sonderzahl-Verl.-Ges. 2 1995, 7-58.

(9) Siehe v.a.: Viktor E. Frankl, Ein Psycholog erlebt das Konzentrationslager, Österreichische Dokumente zur Zeitgeschichte 1, Wien: Verl. für Jugend u. Volk 1946 . Rudolf Kalmar, Zeit ohne Gnade, Vienna: Schoenbrunn-Verl. 1946.

(10) Hellmut Butterweck, Verurteilt und begnadigt. Österreich und seine NS-Straftäter, Wien: Czernin 2003.

(11) Siehe das ÖVP-Plakat « Es muß endlich Schluss gemacht werden! » (> siehe Rubrik "1948"). Mit weiteren Literaturverweisen: Heidemarie Uhl, Das "erste Opfer". Der österreichische Opfermythos und seine Transformationen in der Zweiten Republik, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 30 (1/2001) 19-33 (22).

(12) Gerald Stourzh, 1945 und 1955: Schlüsseljahre der Zweiten Republik. Gab es eine Stunde Null? Wie kam es zu Staatsvertrag und Neutralität?, Innsbruck etc.: Studienverlag 2005, 59.

(13) Jonny Moser, Die Judenverfolgung in Österreich 1938 - 1945, Wien: Europaverlag 1966. Die damals weitgehendeste Untersuchung: Simon Wiesenthal, Schwere Schuld ohne Sühne? Memorandum über die Beteiligung von Österreichern an NS-Verbrechen, in: Der Ausweg. Jüdische Zeitschrift für Aufklärung und Abwehr 4 (5/1966) 1-9. Siehe dazu: Bertrand Perz, Das Wiesenthal-Memorandum und die Frage nach der österreichischen Verantwortung für die NS-Verbrechen, Beitrag zur Konferenz des Vienna Wiesenthal Center for Holocaust Studies « The Legacy of Simon Wiesenthal for Holocaust Studies », Wien, 7.-8. Juni 2006. Idem, Der österreichische Anteil an den NS-Verbrechen. Anmerkungen zur Debatte, in: Helmut Kramer, Karin Liebhart, Friedrich Stadler (eds.), Österreichische Nation - Kultur - Exil und Widerstand, Wien etc.: Lit 2006, 223-234.

(14) Angerer, Incomplete Discipline, 222-224.

(15) Siehe v.a.: Gerhard Botz, Wien vom „Anschluß“ zum Krieg, Wien: Jugend & Volk 1978. Helmut Konrad, Sozialdemokratie und „Anschluß“. Historische Wurzeln - Anschluß 1918 und 1938 - Nachwirkungen, Wien etc.: Europaverl. 1978. Rudolf Neck, Adam Wandruszka, Isabella Ackerl (eds.), Anschluß 1938, München: Oldenbourg 1981. Ernst Hanisch, Nationalsozialistische Herrschaft in der Provinz. Salzburg im Dritten Reich, Salzburg: Amt d. Salzburger Landesregierung Landespressebüro 1983.

(16) Angerer, Incomplete Discipline, 224-225. Heidemarie Uhl, Zwischen Versöhnung und Verstörung. Eine Kontroverse um Österreichs historische Identität fünfzig Jahre nach dem "Anschluß",Wien etc.: Böhlau 1992.

(17) Ruth Wodak e.a., "Wir sind alle unschuldige Täter!" Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990. Michael Gehler, "... eine grotesk überzogene Dämonisierung eines Mannes ..." Die Waldheim-Affäre 1986-1992, in: Michael Gehler, Hubert Sickinger (eds.), Politische Affären und Skandale in Österreich. Von Mayerling bis Waldheim, Thaur etc.: Kulturverlag 1995, 614-665.

(18) Hans Rudolf Kurz e.a., Der Bericht der Internationalen Historikerkommission, Profil. Dokumente 7, Wien: Wirtschafts-Trend-Zeitschriftenverl.-Ges. 1988; siehe die Zusammenfassung online.

(19) Uhl, Das « erste Opfer », 28f.

(20) Helmut Wohnout, Eine "Geste" gegenüber den Opfern? Der Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus und der schwierige Umgang Österreichs mit den Überlebenden nationalsozialistischer Verfolgung, in: Thomas Angerer, Birgitta Bader-Zaar, Margarete Grandner (eds.), Geschichte und Recht. Festschrift für Gerald Stourzh, Wien etc.: Böhlau 1999, 247-278. Renate S. Meissner (ed.), 10 Jahre Nationalfonds, Wien : Nationalfonds d. Rep. Österr. f. Opfer d. Nationalsozialismus 2005, 2 Bde. Clemens Jabloner e.a., Schlussbericht der Historikerkommission der Republik Österreich. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich. Zusammenfassungen und Einschätzungen, Wien etc.: Oldenbourg 2003. Insgesamt erschienen 32 Bände, alle auch online. Für eine Bewertung siehe: Historicum. Zeitschrift für Geschichte (Herbst 2004: „Historikerkommission – Ergebnisse“).

(21) Friedrich Heer, Gottes erste Liebe. 2000 Jahre Judentum und Christentum. Genesis des österreichischen Katholiken Adolf Hitler, München: Bechtle 1967. Friedrich Heer, Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität, München: Bechtle 1968. Erika Weinzierl, Zu wenig Gerechte. Österreicher und Judenverfolgung, 1938 - 1945, Graz etc.: Styria 1969.

(22) Meinrad Ziegler, Waltraud Kannonier-Finster, Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit, Wien etc.: Böhlau 1993. Margit Reiter, Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, Innsbruck etc.: Studienverlag 2006.

(23) Ernst Hanisch, Die Präsenz des Dritten Reiches in der Zweiten Republik, in: Wolfgang Kos, Georg Rigele (eds.), Inventur 45/55. Österreich im ersten Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien: Sonderzahl 1996, 33-50 (34).


Hängt Ihr Geschichtsinteresse eng mit dem Tabugedanken zusammen?
Ich habe Vorbehalte gegenüber diesem Wort, da es aus einem anderen Zusammenhang kommt: Sigmund Freud hat gezeigt, wie die Gesellschaft bestimmte Dinge schützt, indem sie sie tabuisiert. (1) Tabus haben immer eine Doppelfunktion: des Schutzes auf der einen und des Verbots auf der anderen Seite. Sie sollen Menschen davon abhalten, etwas in Frage zu stellen, an das nicht gerührt werden soll. Die Geschichtswissenschaft ist jedoch dazu da, alles in Frage zu stellen: Tabus gibt es nicht. Der Historiker beschäftigt sich mit Fragen, die unterschwellig im öffentlichen Bewusstsein sind, aber nicht offen ausgesprochen werden.

Hängen nicht auch Tabu und Verantwortung eng zusammen? Könnte es der Historiker einem Volk ermöglichen, Verantwortung für seine Vergangenheit zu übernehmen?
Tabus verbergen Entscheidungen, die aufgrund von Zwängen, Interessen, Ideen getroffen worden sind und die man im Nachhinein lieber als etwas darstellt, was sich wie natürlich aufgedrängt hat. Ein Tabu brechen, heißt zu zeigen, dass es durchaus andere Wahlmöglichkeiten gegeben hat, einen Handlungsspielraum und damit eine selbstständige Entscheidung. Auf diese Weise kann der Historiker dazu beitragen, Entscheidungsfreiheit zurückzugewinnen.

Waren Sie als Historiker mit einer solchen Berufsauffassung daran beteiligt, Tabus der österreichischen Geschichte aufzudecken?
Ich konnte mehr oder weniger zufällig an der Aufdeckung von Dingen mitwirken, die verschwiegen wurden. So verfügte die österreichische Regierung in den allerersten Jahren nach dem Abschluss des Staatsvertrags und der Annahme des Neutralitätsstatus 1955 offensichtlich durchaus über einen gewissen Handlungsspielraum, als es darum ging, inwieweit Österreich an der Europäischen Einigung teilnehmen kann. Dreißig Jahre lang wurde behauptet, die österreichische Neutralität sei von Anfang an mit dem Beitritt des Landes zu den Europäischen Gemeinschaften unvereinbar gewesen. Doch eines Tages las ich in einer österreichischen Tageszeitung vom Oktober 1956, der österreichische Außenminister und der österreichische Bundeskanzler hätten erklärt, die Regierung erwäge den Beitritt Österreichs zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Dies widerspricht der üblichen Sicht der Geschichte der Neutralität und der Beziehungen Österreichs zu den Europäischen Gemeinschaften. Nun musste man die Fakten überprüfen, und die Archive förderten noch mehr zutage: Die Berichte des französischen Botschafters (Diplomatisches Archiv des Französischen Außenministeriums) haben die österreichische Beitrittsabsicht nicht nur bestätigt, sondern noch präzisiert. Einige Zeit später wurde jedoch behauptet, die österreichische Neutralität sei per definitionem mit einem EG-Beitritt unvereinbar.

Denken Sie an eine politische Instrumentalisierung der historischen Tabus?
Ja, genau: Einerseits wollte man die Sowjetunion nicht zu sehr provozieren, andererseits gab es wirtschafts- und und innenpolitische Interessen, über die man lieber nicht sprach. (2)

Hatten Ihre diesbezüglichen Enthüllungen nicht Folgen? Immerhin war der offizielle Diskurs in dieser Frage ja sehr mächtig!
Historiker können den offiziellen Diskurs nicht grundsätzlich verändern. Aber es gab eine kleine Historikerdebatte, die es erlaubte, die Fragen neu zu stellen. (3)

Gibt es in Österreich oft Kontroversen unter Historikern?
Die Neigung dazu ist nicht besonders ausgeprägt, aber immerhin gibt es ganze Bücher mit Kontroversen. (4) Manche Historiker meinen sogar, sie seien die größten Tabubrecher, aber in Wirklichkeit haben wir es meist mit Akademikern zu tun, die vom Staat bezahlt werden und manchmal dazu neigten, sich von der Politik instrumentalisieren zu lassen. Unter der Linksregierung in den 1970er Jahren war es beispielsweise leicht, das autoritäre Regime der Jahre 1933 bis 1938 kritisch zu beleuchten: Der politische Nachfolger saß inzwischen in der Opposition. Die Kritik war unerlässlich und verdienstvoll, aber sie verlangte damals keinen besonderen Mut. Und es war auch eine Art, einer Debatte über die Nazizeit aus dem Wege zu gehen. (5)

Sind Ihnen als Historiker der jungen Generation Beispiele dafür bekannt, dass das vom offiziellen Diskurs auferlegte Schweigen abgelehnt wurde?
Anfang der 1990er Jahre habe ich in einer Fußnote etwas den Fachleuten längst Bekanntes, aber wohlweislich Verschwiegenes referiert, nämlich die mehr als zweifelhafte Vergangenheit des ersten Inhabers des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Wien: Er [war u.a. ein hoher Funktionär der Hitler-Jugend gewesen und] hatte sich in den Dienst der NS-Kriegspropaganda gestellt. (6) Dies nicht zu erwähnen, schien mir sehr problematisch zu einer Zeit, als man begann, die NS-Vergangenheit der Historiker in Deutschland aufzuarbeiten - nicht jedoch in Österreich. Die Reaktionen auf den Vorstoß waren heftig.

Ab wann wurde die Nazizeit in Österreich nicht mehr tabuisiert?
Die These, Österreich sei nur ein Opfer der NS-Herrschaft gewesen, ist nicht rein österreichischen Ursprungs. Schon die Moskauer Erklärung der drei Alliierten aus dem Jahr 1943 bezeichnete Österreich als Opfer [der hitlerschen Aggressionspolitik]. In dieser Erklärung werden die Österreicher auch an ihre Mitverantwortung für den Krieg erinnert, aber die österreichische Regierung hat immer versucht, diesen Teil zu vernachlässigen, und es ist ihr schließlich sogar gelungen, ihn aus der Präambel zum Staatsvertragsentwurf zu streichen. (7) Zuerst muss man die Zeit untersuchen, in der die Frage tabu erklärt wurde. In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte es nämlich sehr wohl eine Debatte gegeben: Es gab Ausstellungen über die Naziverbrechen, die Hunderttausende von Besuchern anzogen. (8) Damals erschienen auch Erinnerungsbücher, und die antifaschistische Vereinigung veranstaltete eine Kampagne, um die Öffentlichkeit für den kriminellen Charakter des Regimes und des Krieges zu sensibilisieren. (9) Aber 1948 und 1949 hörte diese Aufarbeitung der Geschichte weitgehend auf, ebenso die im Vergleich zu Deutschland umfangreiche Arbeit der Justiz. (10) Zu diesem Stillstand kam es, weil der ideologische Grundkonsens der Zweiten österreichischen Republik im Zuge des Kalten Krieges vom Antifaschismus zum Antikommunismus umschwenkte. Die sowjetischen Besatzungstruppen benahmen sich so, dass sie die Kommunistische Partei Österreichs völlig diskreditierten. Das bestärkte einen traditionellen Antikommunismus, an den die vielen ehemaligen Nazis anknüpfen konnten, die einige Jahre lang verfemt waren. 1948 wurden die meisten alten Nazis wieder rehabilitiert. Bei den Wahlen 1949 liefen die beiden herrschenden Parteien, die Konservativen und die Sozialdemokraten, den Stimmen der ehemaligen Nazis nach und legten einen kläglichen Opportunismus an den Tag. (11)

Der Übergang vom Antinazismus zum Antikommunismus kam vielen gut zupass …
Lange wurde die individuelle Schuld mit all ihren Auswirkungen nicht zugegeben. Die Verbrechen waren so ungeheuer, dass man sie im weiteren Verlauf schwer eingestehen konnte. Man war im Kriegszustand gewesen, in einer Ausnahmesituation, und 1945 wollte man zur Normalität zurückkehren und die Vergangenheit vergessen. In den 1950er Jahren hielt in Österreich dasselbe Schweigen an wie in Deutschland. (12) Erst in den 1960er und1970er Jahren setzte wieder eine unterschiedliche Entwicklung ein: Während in [der Bundesrepublik] Deutschland die großen Auschwitz-Prozesse stattfanden, gab es in Österreich nichts Vergleichbares. Es gab auch kein absolutes Schweigen. In den 1960er Jahren erschienen Veröffentlichungen über die österreichische Beteiligung an den Nazi-Verbrechen. Aber sie stammten von Privat- nicht von Universitäts-Historikern. (13) In den 1970er Jahren wurde mehr über die autoritäre, halb-faschistische Periode von 1933 bis 1938 als über die Nazizeit geforscht. (14)

Ab wann nahmen die offiziellen Historiker den Zeitabschnitt 1939-1945 in Angriff, und wann wurde die breite Öffentlichkeit über die wahre Geschichte dieser Jahre in Kenntnis gesetzt?
In den 1970er Jahren legten die jungen Akademikergenerationen Publikationen vor, die bis heute wichtig sind, und begannen anlässlich des 40. Jahrestages des „Anschlusses“ im Jahr 1978 die Debatte zu beeinflussen. (15) Doch erst die Waldheim-Affäre Mitte der 1980er Jahre bringt die traditionelle Sicht der NS-Zeit zum Bersten. (16) Kurt Waldheim, der sich um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten bewarb, wurde beschuldigt, einige Aspekte seiner Vergangenheit in der Wehrmacht verschwiegen zu haben. Zu seiner Verteidigung sagte er, er habe nur seine Pflicht getan wie Hunderttausende andere Österreicher auch. In der üblichen Darstellung Österreichs als Opfer des Überfalls durch die Nazis war [Hitlers Krieg ein deutscher, kein österreichischer Krieg und] die Wehrmacht eine Armee, in der die Österreicher nur gegen ihren Willen dienten. [Indem Waldheim den Dienst in Hitlers Armee als seinerzeitige Pflicht der Österreicher bezeichnete,] sagte er das Gegenteil. In welchem Maße er persönlich in die Kriegsverbrechen verwickelt war, war unklar. (17) Interessant an dieser Debatte und wesentlich für das Tabuproblem ist die moralische Frage, die hinter all dem steckt: Wo beginnt und wo endet die persönliche Verantwortung unter Bedingungen, die völlig anders sind als heute. Wir glauben, recht genau zu wissen, wie man sich unter solchen Bedingungen moralisch verhalten soll, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Rolle des Einzelnen als Rädchen im Getriebe des verbrecherischen NS-Systems kann uns als Spiegelbild dienen, um uns heute diese [ethischen] Fragen zu stellen. Doch die Fragen sind komplex, und die Historiker können keine Antwort geben. Sie können Tatsachen feststellen [und Ursachen herausarbeiten, nicht aber moralische Kriterien]. Eine [internationale Historiker-] Kommission hat [zu Kurt Waldheims Kriegsvergangenheit] Folgendes klargestellt: Waldheim hat den Grad seiner Beteiligung verschwiegen, aber er war nicht direkt in die Kriegsverbrechen verwickelt. (18) Allerdings wusste er ungeheuer viel, und weder die Kriegsmaschinerie noch die Ermordung der Juden hätten ohne die vielen Leute funktionieren können, die sehr wohl Bescheid wussten und dazu beitrugen, das System am Laufen zu halten.

Wodurch veränderte sich die offizielle Geschichtsdarstellung in Österreich dann Ende der 1980er Jahre?
Nachdem die Waldheim-Affäre gezeigt hatte, dass das bisherige Geschichtsbild nicht mehr standhielt, konnte man das alte zu korrigieren beginnen. Man musste einfach reagieren, und Bundeskanzler wie Bundespräsident nahmen offiziell Stellung. (19) Man begann die Frage der Vermögensrückgabe und Entschädigung der Opfer des Naziregimes neu aufzugreifen [siehe Nationalfonds und Versöhnungsfonds] und setzte auch eine Historikerkommission ein, die vorbildliche Arbeit leistete. (20)

Wer hatte die Initiative ergriffen, den Staatsmann wegen seiner Nazivergangenheit anzugreifen?
Die Presse, der Jüdische Weltkongress, Privatleute. Auch von Seiten der Sozialdemokratischen Partei wurden Dokumente und Verdächtigungen lanciert. Das erklärt, warum die meisten Österreicher der Debatte so lange aus dem Wege gehen konnten: Sie spürten, dass hier ein Tabu, das aus ganz anderen Gründen beseitigt werden musste, erneut politisch instrumentalisiert werden sollte. Das geschieht aber immer so.

Die Geschichte des Antisemitismus wurde parallel zur Geschichte der Nazi-Problematik erforscht.
Die ersten bedeutenden Ansätze zur Aufarbeitung des österreichischen Nazismus kamen von Linkskatholiken, die sich fragten, wie ein katholisches Land in Barbarei geraten konnte. (21)

Wie beurteilen Sie als Historiker und Mensch die individuelle Verantwortung der aktiv Beteiligten?
Wenn man moralisch etwas aus dieser ganzen Diskussion zu lernen hat, dann ist es Folgendes: Die individuelle Verantwortung ist viel größer, als man damals glaubte. Ich persönlich würde sagen, dass es zur selben Zeit eine ganze Reihe von Menschen gab, die den Nationalsozialismus ablehnten und ebenso kritisch analysierten wie wir heute. Es lässt sich also schwer behaupten, man habe es nicht wissen können oder sich die moralischen Implikationen nicht bewusst machen können. Das wahre Problem der Nazizeit in Österreich sind die 50 % Mitläufer, die also weder Gegner noch Distanzierte waren. Wir wissen bei weitem noch nicht, wie wir mit diesem Problem richtig umgehen sollen.

Gab es für bestimmte Maßnahmen und für die Beteiligung an diesem Krieg nicht bereits einen antisemitischen Hintergrund?
Natürlich gab es einen österreichischen Antisemitismus vor 1938. Aber die Judenverfolgung begann erst, als die Nazis die Macht übernahmen. [Zu Beginn des Jahrhunderts] waren die russischen Juden vor den Pogromen in Russland [u.a.] nach Österreich geflohen. Das erste Pogrom in Österreich fand im März 1938 bei der Machtübernahme der Nazis statt. Erst mit ihr brachen die Dämme. Da sind wir wieder bei der Frage der Tabus: Wenn [die Rechte, ja sogar] das Leben eines Menschen –eines Juden gemäß den Nürnberger Gesetzen – nicht mehr unantastbar ist und keinen Wert mehr hat, dann brechen wir zweifellos ein Tabu, aber eines, das seine gute Berechtigung hat. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass es auch gute Tabus gibt. Das führt uns wieder zur Ambivalenz von Tabus im Freudschen Sinne: Tabus müssen richtig gesetzt werden.

Wie erlebt die Bevölkerung diese Bewusstwerdung über ihre Vergangenheit?
Die Arbeiten zeigen eine regelrechte moralische Krise: In der Familie wurden Tabus aufgehoben und Wunden geöffnet. Das schockierte sowohl die betroffene Generation, die sich 40 Jahre lang in Schweigen gehüllt hatte, als auch die Jüngeren, die entdecken, dass ihr heißgeliebter Opa vielleicht früher einmal etwas mit unerhörten Verbrechen zu tun hatte. (22)

Als Spezialist für französisch-österreichische Beziehungen fahren Sie oft zu Kolloquien mit ausländischen Historikern. Glauben Sie, dass die in Österreich geleistete Geschichtsaufarbeitung im Ausland bekannt ist und verbreitet wird?
Es gibt immer einen gewissen zeitlichen Abstand zwischen den Veröffentlichungen der Historiker und ihrer Rezeption, vor allem wenn die Arbeiten noch übersetzt werden müssen. Ich glaube, in Frankreich dominiert noch die rein „akkusatorische“ Sicht [Ernst Hanisch] (23), die in Österreich zwischen Mitte der 1980er und Mitte der 1990er Jahre herrschte und besonders von österreichischen Schriftstellern vertreten wurde. Aber wenn die österreichische Geschichte nuanciert betrachtet werden soll, ist es ein wenig naiv, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek als Kronzeugen zu nehmen. Wir sind [in Frankreich] noch weit davon, die Probleme so differenziert zu sehen wie die jüngere österreichische Geschichtsschreibung.




Das Gespräch führte Carole Trébor, Historikerin und Journalistin für ARTE France, März 2007.
Projektleitung: Sascha Hartmann



ZUR PERSON
MAG. DR. THOMAS ANGERER




Ass.-Prof. Mag. Dr. Thomas Angerer
Assistenzprofessor für neuere Geschichte, Universität Wien, Österreich
Sequenz: Neuere und Neueste Geschichte

Forschungsschwerpunkte
* Geschichte der französisch-österreichischen Beziehungen
* Französische Geschichte
* Geschichte der Europäischen Integration
* Geschichte der Stellung Österreichs in Europa
* Theorie und Geschichte der Zeitgeschichtsforschung

Forschungsprojekte
* Geschichte der französischen Österreichpolitik 1918-2000
* Geschichte der Vorstellung von Frankreichs "Größe" (epochenübergreifend)
* Österreichisch-Französische Bibliographie
* European NAvigator - Kooperationsabkommen mit dem Centre Virtuel de la Connaissance sur l'Europe (CVCE)

Sonstige wissenschaftliche Tätigkeit
* Mitherausgeber der Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit
* Juror im H-Soz-u-Kult-Wettbewerb "Das historische Buch" (2003-2004)
* Koordinator von Erasmus-Programmen für Studierendenaustausch mit den Universitäten Paris I (Panthéon-Sorbonne), Paris IV (Sorbonne), dem Institut d'Études Politiques Paris, der Universität Aarhus, dem University College Cork, dem University College Dublin und der National University of Ireland, Galway


Erstellt: 11-03-08
Letzte Änderung: 14-05-09