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Steve Kurtz Konferenz auf der Transmediale - 25/02/05

911, 5/11, 9/11…

Biokunst und die Justiz im Amerika der Bush-Ära.

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Prominenten-Status, auf den Steve Kurtz gerne verzichtet hätte – sein Fall ist für viele zum Inbegriff neuer Zensur gegen politisch engagierte Künstler geworden. Der Kunstprofessor aus Buffalo und Mitglied des Critical Art Ensembles muss sich ab März 2005 vor Gericht verantworten, nachdem das FBI sein Haus durchsuchte und dabei Biotech-Testlabors und Bakterienkulturen sicherstellte. Tagelang blieb das Haus unter Verschluss und wurde unter aufwändigen Sicherheitsvorkehrungen durchforstet. Nachdem die Behörden in Kurtz zunächst einen Bio-Terroristen vermuteten, erwies sich sein Labor als harmlos. Dennoch wird weiter ermittelt, und der kritische Performance-Agitator sowie ein befreundeter Wissenschaftler müssen sich nun wegen Patentverletzung ("mailfraude" & "wirefraude") verantworten und maximal 20 Jahre Haft fürchten. Dabei beträgt der theoretische Streitwert für die bei Kurtz gefundenen Bakterienkulturen nur ca. 256 Dollar.

Der 11. Mai 2004 ist sein "5/11" geworden. Kurtz fand seine Frau leblos im Bett vor und wählte über 911 die Ambulanz herbei, die nur noch den Tod durch Herzstillstand feststellen konnte. Doch im "Post-9/11-Amerika" liegen die Nerven blank und Polizeibeamte bemerkten in Kurtz' Haus biologisches Laborequipment, das das Critical Art Ensembles weltweit für seine renommierten Performances nutzt. So baut die Gruppe zum Bespiel Test-Stationen auf, um in Lebensmitteln versteckte Gen-Manipulationen aufzudecken. Oder sie versucht, mit alternativem Saatgut ein Gegenmittel gegen Genmais zu entwickeln und legt sich mit den entsprechenden Konzernen an. So lassen FBI-Inspektoren und Staatsanwalt auch nicht locker, nachdem dem Künstler statt vermuteter Bioterrorismus-Aktivitäten nun gar nichts mehr vorgeworfen wird, außer einem Verstoß gegen das MTA (material transport agreement). Weil er aus einem Labor unerlaubt Bakterienkulturen erhalten hat, ohne dafür die entsprechenden Patentformalitäte. Dies geschieht im Forschungsbetrieb zwar routinemäßig, ist aber, so Kurtz, " die letzte Chance, einen Justizirrtum zu vertuschen, indem man unliebsame kritische Stimmen kriminalisiert. Schließlich sind für die Untersuchungen jetzt schon Millionen Dollar Steuergelder verschwendet worden."

Auf der Transmediale muss CEA-Kollegin Claire Pentecote den Fall schildern, damit Kurtz' Aussagen nicht gegen ihn verwendet werden können. Für beide geht es hier jedoch um weit mehr als um einen zufälligen Justiz-Skandal: "Hier soll ein Exempel statuiert werden, dass die Bush-Administration ihre Anti-Terror-Arbeit gut macht und dass persönliche Freiheit und freie Meinungsäußerung engeschränkt gehören. Der mit dem Fall betraute Staatsanwalt hat von der Bush-Administration zuvor eine Medaille für seinen Anti-Terror Kampf bekommen und darf auf keinen Fall sein Gesicht verlieren." So erklärt sich möglicherweise auch, dass in Kurtz' Haus gefundenes "Beweismaterial" als "terroristische Literatur" eingestuft wurde: "Das war eine Einladung in arabischer Sprache zur Vernissage einer von libanischen Künstlern organisierten Ausstellung!" Für die Künstler ist klar, dass hinter der Kampagne eine weitläufig angelegte Panikmache steckt: "Restriktionen der persönlichen Freiheit lassen sich nur dann durchsetzen, wenn jeder sich bedroht fühlt und der Feind theoretisch überall lauert, wie in Nazi-Deutschland." Auch vor Berliner Publikum scheuen sich die CEA-Agitatoren nicht, von "klar präfaschistischen Symptomen in den USA" zu sprechen.

Doch hat die Anklage wegen Patenrechtsverletzung, augenscheinlich nur ein Alibi für die Fortführung der Anklage, noch einen anderen Hintergrund, vermutet das CAE: "Für die US-Wirtschaft ist es wichtig, dass den Leuten demonstriert wird, dass die Regierung etwas für die Einhaltung der Patente und die Sicherheit des Online-Commerce tut und im Interesse aller hart gegen Störenfriede vorgeht" - gegen Kurtz wird wegen "wirefraude" ermittelt, da er die Bakterien via Internet angefordert hatte.

"Im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Gruppen lassen sich alternative Künstler nicht unter dem Druck des Geldes einschüchtern, sie haben ja keins. Deshalb muss man sie weiter kriminalisieren, damit keiner sich mehr traut, mit uns zu arbeiten und uns einzuladen." Vor einem hat Steve Kurtz Sorge: dass ihm nach und nach die Mittel für die laufenden Gerichtskosten ausgehen – "6000-7000 Dollar pro Monat, obwohl der Prozess noch gar nicht begonnen hat". Bislang hat es ihm eine internationale Spenden- und Benefiz-Aktion erlaubt, seinen Strafverfolgern die Stirn zu bieten.
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Links
>> Exklusiv-Interview mit Steve Kurtz
>> Biographie und Linkliste


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Februar 2005
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Erstellt: 09-02-05
Letzte Änderung: 25-02-05


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