10/07/02
8 Frauen
Kinostart 11.Juli 2002
8 FRAUEN
Ein Film von Francois Ozon
Frankreich 2002
Synopsis
Frankreich in den 50ern: In einer verschneiten Villa trifft sich eine Großfamilie, um die Weihnachtstage miteinander zu verbringen. Doch anstatt der trauten Bescherung findet man das Familienoberhaupt ermordet unter dem Weihnachtsbaum. Die Mörderin kann sich nur unter den 8 FRAUEN befinden, die dem Mann am nächsten standen...
8 FRAUEN, jede ist verdächtig, jede hat ein Motiv, jede birgt ein Geheimnis. Sie sind schön, temperamentvoll, intelligent, sinnlich und gefährlich. Eine von ihnen ist schuldig, aber welche ist es?
Hintergrundinformationen
Nach dem Theaterstück von Robert Thomas inszeniert François Ozon ("Unter dem Sand", "Tropfen auf heiße Steine") eine dramatische Komödie um die gegenseitigen Verdächtigungen und Schuldzuweisungen. Der Film glänzt mit der Spitzenriege französischer Diven, angeführt von CATHERINE DENEUVE, ISABELLE HUPPERT, EMMANUELLE BÉART, FANNY ARDANT und nicht zuletzt Nachwuchsstar VIRGINIE LEDOYEN und Newcomerin LUDIVINE SAGNIER.
8 FRAUEN wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären für die herausragende Leistung des Schauspielerensembles ausgezeichnet. In Frankreich konnte der Film in den ersten fünf Wochen über drei Millionen Kinobesucher begeistern.
Für die deutsche Synchronisation hat sich ein beeindruckendes Ensemble deutscher Schauspielerinnen zusammengefunden: HANNELORE ELSNER, SENTA BERGER, KATJA RIEMANN, NINA HOSS, RUTH MARIA KUBITSCHEK, NICOLETTE KREBITZ, JASMIN TABATABAI und COSMA SHIVA HAGEN geben den 8 FRAUEN ihre Stimme. Nach dem Motto: Das who is who des französischen Films trifft die Crème de la Crème der deutschen Schauspielerinnen. Es kommt zu einem einzigartigen deutsch-französischen Gipfeltreffen.
Familienstammbaum
Mamy (Danielle Darrieux): Eine ältere Dame. Vom Schicksal gebeutelt. Sie träumt von ihren Aktienzertifikaten und vom Wohlstand, der mit ihnen verbunden ist. Irgendwann hat sie es sich im Haus ihrer Tochter Gaby bequem gemacht. Sie liebt ihre Familie. (Zumindest behauptet sie es!)
Gaby, die Hausherrin (Catherine Deneuve): Eine attraktive Frau. Elegant, tadellos in den Umgangsformen, ausgesprochen bürgerlich. Komfort misst sie große Bedeutung bei, ihren Töchtern ein bisschen, ihrem Mann am wenigsten. Ihre Schwester Augustine und ihre Mutter duldet sie ...
Marcel, der Vater und Hausherr (anonym): Er wurde ermordet.
Suzon, die ältere Tochter (Virginie Ledoyen): Hübsch, unbekümmert, charmant... Sie geht auf ein englisches Internat. Absolut chic!
Catherine, die jüngere Tochter (Ludivine Sagnier): Ein Wirbelwind... wie aus einem frühen Nouvelle-Vague-Film. Sie liest nächtelang Kriminalgeschichten und ist der Familienclown. Zu bestimmten gesellschaftlichen Anlässen sollte man sie tunlichst nicht mitnehmen!
Augustine, Gabys Schwester (Isabelle Huppert): Eine alte Jungfer, die im Schlepptau ihrer Mutter ins Haus kam. Sie hat an allem und jedem etwas auszusetzen, am meisten an ihrer Schwester Gaby. Sie und alle anderen sollen jetzt gefälligst dafür büßen, dass sie nie einen Mann abgekriegt hat.
Pierrette, die Schwester des Opfers (Fanny Ardant): Eine sinnliche Erscheinung, aber alles andere als ‚ pflegeleicht’ . Sie ist sehr schlagfertig. Früher war sie eine Nackt-Tänzerin, sagen die Frauen. Rein wie Schnee und ein Opfer der Männer, so beschreibt sie Mlle. Chanel.
Mlle. Chanel, die Haushälterin (Firmine Richard): Ihre Herzlichkeit macht sie zum guten Geist des Hauses. Sie war schon die Amme der beiden Mädchen und gehört seit langem praktisch zur Familie. Sie kennt jede Menge kleiner Geheimnisse ihrer Arbeitgeber, aber die behält sie für sich. Eine absolut patente Frau (wahrscheinlich).
Louise, das neue Zimmermädchen (Emmanuelle Béart): eine sehr hübsche junge Frau mit einen leichten Hang zur Unverschämtheit und Perversion. Sie ist nicht willens, sich von irgendjemand auf ihre zarten Füße treten zu lassen... Explosiv.
Catherine Deneuve
(Gaby, die Hausherrin)
Catherine Deneuve wurde als dritte Tochter eines Bühnenautors und einer Schauspielerin in Paris geboren. Sie gab ihr Filmdebüt im Alter von dreizehn Jahren und übernahm den Mädchennamen ihrer Mutter Deneuve, die ebenfalls Schauspielerin war. Ihre Schwester Françoise Dorleac war zum Zeitpunkt, da Cathérine Deneuve ihre Karriere begann, bereits ein international bekannter Star. Ihren großen Durchbruch hat sie dann auch in einem Film, den sie 1964 gemeinsam mit ihrer Schwester dreht – dem Musical DIE REGENSCHIRME VON CHERBOURG unter der Regie von Jacques Demy. Der Film gewann den Grand Prix des Festival von Cannes.
Mit ihrer zerbrechlichen Schönheit entwickelte sie sich innerhalb kürzester Zeit zu dem französischen Top-Star und stieg bald zu einem der großen internationalen Leinwandidole auf – ein Status, den sie bis heute innehat.
Ob Thriller, Musical, Melodram oder Komödie – jedem ihrer Filme verlieh sie ihr spezifisches Deneuve-Charisma: In Polanskis EKEL (1965), spielt sie eine junge Schizophrene, in Buñuels BELLE DE JOUR (1967) und TRISTANA (1970) verkörpert sie Frauen zwischen Anstand und Abgrund, Behagen und Perversion, mondäner Erscheinung und geheimnisvollem Wesen. Diese Spannbreite faszinierte neben vielen anderen auch François Truffaut, der mehrfach mit ihr zusammenarbeitete, von DAS GEHEIMNIS DER FALSCHEN BRAUT (1969) bis DIE LETZTE METRO (1980). In den achtziger und neunziger Jahren ging sie mit mehreren Regisseuren kontinuierliche Kooperationen ein, so mit Alain Corneau (u.a. WAHL DER WAFFEN), Manoel de Oliveira (u.a. JE RENTRE À LA MAISON), und André Techine (u.a. DIEBE DER NACHT) – und nie machte sie es sich selbst leicht mit ihren Rollen.
„Meine Natur ist es eher Kino zu machen, als Schauspielerin zu sein. Ich bin eine Dienerin des Films." Bei der Auswahl ihrer Filme ist für sie weniger der Stoff von Belang als der Regisseur, der diesen Stoff inszeniert. Sie gibt sich den Regisseuren als Medium und Projektionsfläche. Grundbedingung hierbei ist, wie sie einmal sagte: „Die Bereitschaft, sich vom Filmemacher etwas stehlen zu lassen sowie Vertrauen, dass der Filmemacher einerseits um den Abstand zwischen Leinwandexistenz und Leben weiß und es andererseits versteht, seine Inszenierung zu einer intimen Dokumentation der Persönlichkeit seiner Schauspieler zu machen."
Bei den Frauenfiguren der Deneuve hat man nie den Eindruck, es handle sich bei ihnen um glückliche Personen, sondern um Menschen, die auf der Suche sind, ohne zu wissen wonach. Sicher ist nur, dass ihnen die Männer nicht geben können, was ihnen fehlt. Sie können sie bestenfalls davon ablenken – vorübergehend.
Ihre Filmographie umfasst insgesamt weit über 100 Filme, 1992 erhielt sie eine Oscar-Nominierung für ihre Rolle in Régis Wargniers INDOCHINE.
Kommentar
Mit "Sous le Sable" und seiner Hauptdarstellerin Charlotte Rampling hat François Ozon, einer der prominentesten Vertreter des jungen französischen Kinos, zuletzt schon einmal eindrucksvoll das Geheimnis der weiblichen Psyche erforscht. Auf den Geschmack gekommen, konfrontiert uns Ozon diesmal mit einem Gruppenbild mit 8 Damen, in Form einer als Musical verpackten schwarzen Kriminalkomödie. Sein erzählerischer Ansatz ist dementsprechend ein gänzlich anderer, eher distanziert als realitätsnah. Inspiriert von Klassikern des amerikanischen Studiokinos der 40er Jahre wie George Cukors "Women", spielt er virtuos mit den Konventionen des Whodunit-Plots, der Künstlichkeit seiner Kulisse wie mit den stilisierten choreografisch-musikalischen Elementen und Dialogen. Sein eigentliches Interesse aber gilt dabei der Psychologie seiner Figuren, den komplexen Beziehungen, die zwischen den Frauen sichtbar werden. Hinter jedem Klischee, der Karikatur, die jede seiner Charaktere anfangs verkörpern, schält Ozon allmählich den wahren, zerbrechlichen Wesenszug seiner acht Frauen heraus. Die Chansons, Kostüme und Ausstattungsdetails haben dabei die Rolle erhellender Katalysatoren. Indem der Regisseur für sein Projekt lauter Größen des französischen Kinos gegeneinander antreten ließ, ist "8 Femmes" auch eine intelligente wie amüsante Reflexion über die Arbeitsbedingungen von Schauspielerinnen und ihr oft spannungsgeladenes Verhältnis untereinander. François Ozon hat sich dabei als ein ebenso allmächtiger wie liebe- und respektvoller Dompteur offenbart.
Martin Rosefeldt
Nach der einstimmig positiven Aufnahme seines sehr verhaltenen und strengen Films „Sous le sable" im vergangenen Jahr hatte François Ozon in ausgelassener Stimmung erklärt, dass er im gleichen Rhythmus (ein Film pro Jahr) fortfahren und beim nächsten Mal all denjenigen einen Gegenbeweis liefern werde, die seinen Erfolg als Ankunft des Regisseurs im Zustand des Erwachsenseins bezeichnet hatten. Ohne seine kleine Welt revolutionieren zu wollen, ist Ozon nun wieder zum Kitsch und zur Faszination des Vergänglichen zurück gekehrt. Beides praktiziert er mit der Haltung eines Dandy, die man schon von „Gouttes d’eau sur pierre brûlante" kennt, mit dem recht überzeugenden und ausgemacht komischen, wenn auch vorhersehbaren Ergebnis. „8 Femmes" ist die Adaption eines Theaterstücks, ein anmutiger und phlegmatischer Cluedo, dessen plastische Aspekte an den klaren Strich des Zeichners Floch und an die Studiodekoration von Alain Resnais’ „Smoking" - „No Smoking" erinnern. Die Besonderheit dieses neuen Opus ergibt sich ganz eindeutig aus dem vergifteten Ballet der acht Schauspielerinnen.
Ein ständiges Kommen und Gehen spielt mit dem Vergnügen und den Gewissheiten des Zuschauers. Aus diesem Bukett starker und ausgeprägter Persönlichkeiten sucht sich jeder automatisch diejenige heraus, der er den Vorzug gibt, und wendet sich von vornherein gegen eine oder mehrere Andere. Darauf reagiert der Regisseur geschickt, indem jede der acht Frauen „ihren Auftritt" bekommt (brillanter Formalismus, der noch durch den gesungenen Übergang in Form der eingespielten mehr oder weniger vergessenen, doch zum Standardprogramm des französischen Kabaretts gehörenden Musikeinlagen verstärkt wird). Doch jede wird auch irgendwann gezwungen, sich von ihrer pathetischen Seite zu zeigen. Findet man die eine besonders unangenehm, darf sie an irgendeiner Stelle dieses Urteil des Zuschauers korrigieren, und diejenige, die man am liebsten mag, bekommt Gelegenheit, sich in einem weniger vorteilhaften Licht zu zeigen.
So entsteht ein aufregender Balanceakt, dessen Lebhaftigkeit und meisterhafte Inszenesetzung man nur bewundern kann, der jedoch gleichzeitig einen Eindruck des Oberflächlichen und Zwangsläufigen in diesem Kitschladen zurück lässt, der nicht mehr verwirrt, weil alles wie geschmiert läuft. Da es in dieser Komödie mehr oder weniger um britisches Phlegma geht, könnte man ihr noch ihren Aspekt des „self-satisfied" vorhalten, eine weitere, auf der anderen Seite des Kanals stark verbreitete typische Besonderheit.
Julien Welter
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 10-07-02