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Maestro - 17/01/12

75 Jahre Israel Philharmonic Orchestra (IPO)

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigt am Sonntag, den 15. Januar 2012, um 17.40 Uhr das Jubiläums-Konzert des Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta. Außerdem am Mittwoch, den 18. Januar 2012 um 21.45 Uhr als TV-Premiere die Dokumentation "Coming Home: 75 Jahre Israel Philharmonic Orchestra" von János Darvas (ARTE/WDR). Lesen Sie hier unseren exklusiven Artikel über das Orchester und seine wechselvolle Geschichte.

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Tel Aviv, die „jüdische Stadt“, eine Großstadt mit fast zwei Millionen Einwohnern, weltoffen, modern, eine Stadt der Kultur, des High-Tech und Multi-Kulti. Heute. Kaum zu glauben, dass es in dieser Stadt am Mittelmeer in den dreissiger Jahren kaum mehr als einfache weisse Häuser und sandige Strassen gab und etwa 80.000 Einwohner,  ein „fa-gottloses Land“ eben, wie es ein Wiener Konzertunternehmer mit einem Wortspiel auf den Punkt brachte. 
Ausgerechnet hier – buchstäblich in den Wüstensand - setzte der seinerzeit gefeierte Violinvirtuose Bronislaw Huberman 1936 ein Orchester, das „das hervorragendste Orchester im kleinsten Lande" werden sollte. In Deutschland waren die Nationalsozialisten an der Macht, führten einen verheerenden Vernichtungsfeldzug gegen alles Jüdische und damit auch gegen einen großen Teil mitteleuropäischer Kultur und Tradition. Dagegen wollte Hubermann, selbst jüdischer Abkunft, mit dem Orchester ein kulturelles und politisches Zeichen setzen.

Wie besessen suchte er nach Instrumentalisten in den jüdischen Kulturbundorchestern Frankfurts und Berlins; Musiker, die bereit waren, sich den klimatischen und politischen Strapazen eines kulturell provinziellen Mittelmeerlandes zu stellen und auch ökonomische Einbussen in Kauf zu nehmen; schliesslich war die finanzielle Lage des Orchesters von Anfang an prekär. „Gesucht wurden möglichst ledige, jüdische Kräfte... wobei der Tubist auch Kontrabass spielen sollte… das Honorar ist für Ledige bei bescheidener Lebensweise ausreichend.“ Und auch wenn Hubermann „bei gleicher Qualität deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ vorzog, so ging es ihm vor allem um die Fähigkeiten der Musiker. Aber ab 1938 sollte das Orchester und Palästina doch zum Zufluchtsort werden und manchen Künstler vor der Vernichtung bewahren.
Spontan erklärte sich Arturo Toscanini bereit, das erste Konzert am 26. Dezember 1936 zu dirigieren. Sofort wurde das Orchester international bekannt, das sich damals noch Palestine Orchestra nannte. Erst bei der Staatsgründung Israels im Jahre 1948 wurde es in Israel Philharmonic Orchestra (IPO) umbenannt.

Von Anfang an stand das Orchester unter großem gesellschafts-politischem Druck: die  Kontroversen mit der britischen Mandatsmacht und der Jewish Agency mit ihrer restriktiven Einwanderungspolitik und der zermürbende Kampf um jede einzelne Immigrations- und Arbeitserlaubnis in einem Land, in dem die Frage „Kommst du aus Überzeugung oder aus Deutschland?" zum Sprichwort geworden war.
Hinzu kamen die blutigen Unruhen in Palästina, die arabischen Terroraktionen, die mitunter zu Konzertreisen mit Panzerwagen und Schutzeskorte zwangen. Und bei Ausgangssperren die finanziell so unentbehrlichen Konzerte ausfallen liessen. Aber auch unterschwellige Konflikte zwischen den aus Polen, Palästina, Österreich, Ungarn, Deutschland und anderen Ländern stammenden Instrumentalisten blieben nicht aus. Und dennoch brachten es viele Musiker auf den Punkt: „Die Musik war unsere Rettung".

Vielleicht liegt hier der Grund, weshalb man dem Orchester eine so glühende Intensität nachsagt, ein eigentümlicher gebrochener Grundton seine Interpretationen durchzieht, der nicht zuletzt aus dem fast extremen Individualismus eines jedes Musikers resultiert. Für Zubin Mehta wie für Leonard Bernstein, Lorin Maazel oder Georg Solti war diese ständige Spannung ein Inspirationsfaktor; andere Orchesterleiter fühlen sich dagegen verloren auf „einem orientalischen Markt", wie Leonard Bernstein es einmal ausdrückte.
Anfeindungen ist das Orchester bis heute ausgesetzt, wurde es doch immer wieder instrumentalisiert für politische Interessen aller Art. So störten unlängst propalästinensische Demonstranten ein Konzert des Israel Philharmonic Orchestra bei den Londoner Proms.
Aber auch das deutsch-jüdische Verhältnis blieb stets fragil. Als Zubin Mehta 1981 in einem Konzert des Israel Philharmonic Orchestra Wagner als Zugabe dirigierte, forderte ihn ein Abgeordneter des israelischen Parlaments zum Verlassen des Landes auf. Daraufhin ernannte ihn das Orchester, das seit 1962 mit Mehta zusammenarbeitet, zum Chefdirigenten auf Lebenszeit.

In diesem Jahr feiert das Orchester seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag mit zahlreichen, hervorragenden Solisten der jüngeren Generation, wie Evgeny Kissin (Piano) oder Vadim Repin (Violine), aber auch älteren Musikern, die dem Orchester sehr verbunden sind, wie z. B. Pinchas Zukerman (Violine).

ARTE Live Web überträgt sechs der insgesamt zehn Jubiläumskonzerte, live aus der spektakulären Kulisse des Hangars 11 im Hafen von Tel Aviv. Unter den Dirigenten sind Valerj Gergiev und allen voran Zubin Mehta, der im Übrigen in diesem Jahr so alt wird wie das Orchester selbst.

©2012 Teresa Pieschacón Raphael

Israel Philharmonic Orchestra Konzert zum 75. Jahrestag
Sonntag 15. Januar 2012 um 17.35 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2011, 92mn)
WDR

Erstellt: 13-01-12
Letzte Änderung: 17-01-12