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Literatur wieder entdeckt - 15/12/04

Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit

Rezension von Peter Wien


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Die ersten Weihnachtslebkuchen habe ich in diesem Jahr in den Supermärkten und bei den Discountern Anfang September entdeckt. Kurz danach kamen die Pfeffernüsse und die Domino-Steine. Schon Ende des Monats folgten dann Schlag auf Schlag Sonderangebote für Kerzen, Christbaumschmuck, die Grundmaterialien für die Weihnachtsbäckerei, Backförmchen. Binnen kurzem war dann das gesamte Warenangebot weihnachtlich veredelt. Die Hintergrundmusik bestand immer häufiger aus Kinderchören und die Ansagen erinnerten daran, dass doch nun endlich die Zeit herannahe, zu der man hemmungslos schenken dürfe, den Lieben und den nicht so Lieben. Kurz es wurde uns ein nahtloser Übergang von den Sommerferien in die Weihnachtszeit beschert.

Das ließ mich an Heinrich Böll denken, an den man, wie ich finde, viel zu selten denkt - vielleicht weil die Zeit etwas über ihn hinweg gegangen ist, weil man ihn abgehakt und abgelegt hat, als Teil der großen Literatur, die zwangsweise noch gelegentlich in der Schule gelesen wird, vielleicht gerade noch von Deutschlehrern vermittelt, die sich dankbar an sein Engagement von Mutlangen erinnern.

Dabei ist Böll so aktuell und interessant wie eh und je. So hat er zum Beispiel schon sehr frühzeitig, schon 1952, die verheerende Wirkung des sich geradezu epidemisch ausbreitenden deutschen Weihnachtsvirus erkannt und mit seinen Möglichkeiten ein Gegenmittel dazu erfunden.

Die Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ ist die Geschichte von Tante Milla, „die in der ganzen Familie von jeher wegen ihrer Vorliebe für die Ausschmückung des Weihnachtsbaumes bekannt“ war, „eine harmlose, wenn auch spezielle Schwäche, die in unserem Vaterland ziemlich verbreitet ist.“

Und diese Tante Milla, die immer wohlhabend genug war, dies mit einem gewissen Pomp machen zu können und mit über die Jahre entwickelten festen Ritualen, unter Einbeziehung der gesamten Großfamilie. Den Krieg von 39 bis 45 hatte sie in erster Linie wahrgenommen als eine Macht, die genau diese Rituale gefährdete. Nach dem Kriege knüpfte sie beim alljährlichen Schmücken des Weihnachtsbaumes genau da wieder an, wo sie durch des Schicksals Mächte unterbrochen worden war. Und weil Tante Milla so liebenswert war und ihre Marotte so wunderbar harmlos, hat die ganze Familie mitgespielt.

Hauptattraktion des Weihnachtsschmucks war ein Glaszwergenspiel, das sich durch die aufsteigende Wärme der brennenden Kerzen leicht klingelnd bewegte und an der Spitze des Tannenbaumes „hing ein silbrig gekleideter rotwangiger Engel, der in bestimmten Abständen seine Lippen voneinander hob und ‚ Frieden’ flüsterte, ‚Frieden’.“

Auch wenn Heinrich Böll in der Einleitung seiner Geschichte das Bedrohliche ihres Verlaufs durchaus erahnen lässt, schildert er Tante Milla und ihr weihnachtliches Familienfest so voller liebevoller Zuwendung, dass man sich mit Lust in die Idylle hineinziehen lässt.

Aber dann kommt’s…: Nachdem Weihnachten 47 endlich wieder alles war wie vor dem Krieg, kann Tante Milla nicht mehr aufhören, Weihnachten zu feiern. Nicht nur, dass, solange der Weihnachtsbaum noch ansehnlich war, dieser im Kreise der gesamten Familie allabendlich im Kerzenglanz erstehen musste, nein als er, lange nach Dreikönig, um Lichtmess herum, abgetakelt werden sollte, versuchte die sonst so harmlos liebenswerte Tante Milla dies mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, zu verhindern. Sie schrie, sie hörte gar nicht mehr auf zu schreien. Und keiner wusste Rat, bis einer dahinter kam, dass die einzige Möglichkeit, sie zu beruhigen darin bestand, sie ihren Weihnachtsbaum schmücken zu lassen und mit ihr Weihnachten zu feiern. Immer wieder. Jeden Abend zur Dämmerstunde berührte sie ihren Mann am Ärmel und sagte: „ So wollen wir denn die Kinder zur Feier rufen, ich glaube, es ist Zeit.“ Über Monate und Jahre. Die meisten Familienmitglieder sind längst durch Schauspieler ersetzt, irgendwann geht auch das nicht mehr, man musste zum Mittel der lebensechten Wachspuppen greifen. Und so weiter und so weiter…

Auch wenn die Geschichte so geschrieben ist, dass man zunächst vor allem amüsiert ist, ist sie dahinter eben doch eine unglaublich gekonnte Satire, bei der immer wieder beklemmend spürbar wird, wie sehr Heinrich Böll erschrocken ist über die Entleerung der weihnachtlichen Rituale, die kaum noch ahnen lassen, warum Weihnacht ist. Dagegen hat er angeschrieben.

Und ich kann Ihnen sagen: Seine Medizin wirkt. Ich hab es ausprobiert, vor vielen Jahren schon, als Primaner. Die Mädchen in unserer Klasse waren ganz verrückt auf Weihnachtsfeiern. Mit jedem Lehrer musste eine gefeiert werden. So kamen wir auf 6-8 jedes Jahr. Irgendwann wurde mir das zuviel und ich habe mich vor der nächsten gemeldet und gesagt, dass ich nun auch einmal etwas beitragen wollte zur Weihnachtsfeier. Und dann habe ich Heinrich Böll vorgelesen „Nicht nur zur Weihnachtszeit“. Da war’s dann vorbei mit Weihnachtsfeiern.
Frohes Fest.


Von Peter Wien, 14.12.2004



Heinrich Böll
Nicht nur zur Weihnachtszeit.
Erzählungen
Deutscher Taschenbuch Verlag , dtv 11591
ISBN 3 – 423 – 11591 – 2
8.- €





Erstellt: 15-12-04
Letzte Änderung: 15-12-04


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